Corona

„Unerträglich, dass wir Pflegekräfte nicht schützen können“

Viele Senioren- und Pflegeheime – hier ein Symbolbild –  im Sauerland, Hagen und Siegen-Wittgenstein haben zu wenig Schutzkleidung

Viele Senioren- und Pflegeheime – hier ein Symbolbild – im Sauerland, Hagen und Siegen-Wittgenstein haben zu wenig Schutzkleidung

Foto: Frank Molter / dpa

Hagen/Sauerland/Siegen.  Die Corona-Fallzahlen in den Pflegeheimen steigen, doch die Schutzkleidung für das Personal ist knapp. Von Wucher-Vorwürfen und einem Spezialfall.

Zwei Tote und weitere infizierte Bewohner. Als das Coronavirus auf schreckliche Weise Einzug gehalten hatte in das Seniorenzentrum Schmallenbachhaus in Fröndenberg, da musste Einrichtungsleiter Heinz Fleck Hilfe rufen: Es fehle vorne und hinten an Schutzkleidung für das Personal. Dutzende Freiwillige setzten sich daraufhin an die Nähmaschine und legten los.

Ein Einzelfall? Wohl nicht. Wenn das Coronavirus auch in anderen Senioren- und Pflegeeinrichtungen der Region Einzug halten sollte, dann wird es vielerorts eng: Sieben große und kleine Betreiber aus der Region – und ein Stimmungsbild.

Caritas Brilon:

Rund 360 Betten in der Alten-, aber auch Behindertenbetreuung gibt es – insgesamt sind es aber noch mehr Einrichtungen, die der Caritasverband Brilon vorhält, 1400 Menschen werden etwa von den Sozialstationen ambulant versorgt. Es sind letztlich 1150 Mitarbeiter, die rund 5000 Menschen betreuen. Diese Zahlen machen die Dimensionen deutlich, in denen Vorstandsvorsitzender Heinz-Georg Eirund denken muss. Noch gab es keinen Corona-Fall: „Einen Ausbruch in einer unserer Einrichtungen können wir derzeit sicherlich ordentlich meistern. Aber nach ein paar Tagen kommen wir in Schwierigkeiten.“ Und das treibt ihn um: „Es ist eine unerträgliche Situation, dass wir die, die derzeit so Großartiges leisten, unser Personal, nicht richtig schützen können.“

Dabei versuche man alles, um an mehr Material zu kommen. „Wir kaufen ein, was geht, zum Teil zu horrenden Preisen. Da muss die Politik einschreiten und diesen Wucher stoppen“, sagt Eirund. Einen generellen Aufnahmestopp für Pflegeeinrichtungen hält er für unrealistisch: „Die Krankenhäuser müssen sich für mehr Patienten rüsten. Und wir unterstützen sie, indem wir Patienten von dort aufnehmen.“

Prosana Menden:

Am anderen Ende des Sauerlands muss man in anderen Dimensionen denken. Prosana in Menden ist im Vergleich zur Caritas klein, betreibt zwei Pflegeeinrichtungen mit 80 und 32 Betten. Bislang gab es noch keinen Corona-Fall. Doch Leiter Jörg Rauhut sagt ganz klar: „Sollten sofort verschärfte Hygienemaßnahmen notwendig sein, ist unser Personal hinsichtlich nötiger Masken und Kittel schutzlos.“

Man verfüge nicht über die besonders wirksamen FFP 2- oder FFP3-Masken. Die Schutzausrüstung reiche für gängige Infektionen wie den Norovirus. Für mehr nicht. Rauhut hofft, dass das Land hilft. Anklagend sagt er das nicht: „Wir haben den Eindruck, dass die Behörden ihr Bestes geben.“

Diakonie Mark Ruhr:

Es hat sie getroffen: Die Diakonie Mark-Ruhr, die in Hagen, dem Märkischen Kreis und dem Ennepe-Ruhr-Kreis in 14 Einrichtungen insgesamt 979 Bewohner versorgt. Im Hans-Jürgen-Janzen-Haus in Fröndenberg haben sich zwei Bewohner (75 und 79 Jahre) mit dem Coronavirus infiziert. Obwohl es schon länger ein striktes Besuchs- und Betretungsverbot gibt. Und obwohl Bewohner, die aus dem Krankenhaus kommen, 14 Tage in Quarantäne gepflegt werden. Das Virus findet seinen Weg.

Aktuell verfüge die Diakonie über ausreichend Schutzkleidung und Desinfektionsmittel, so deren Sprecher Fabian Tigges. Aber er weiß auch, wie schwierig das ist: „Die Großhändler beliefern die Einrichtungen mit Schutzkleidung, aber in verringerten Mengen. Es wird daher auch bei anderen Anbietern eingekauft, allerdings zu enorm hohen Preisen. Zurzeit fehlen Atemschutzmasken.“

Mariengesellschaft Siegen:

Ein Sprung ins Siegerland, wo die Mariengesellschaft sechs Seniorenzentren mit insgesamt 515 Plätzen betreibt. Bislang gab es noch keinen Corona-Fall. Und die Aussage von Sprecher Dr. Christian Stoffers wirkt angesichts des Mangels anderswo überraschend: „Alle unsere Einrichtungen sind mit Schutzausrüstung ausgestattet.“

Stoffers ordnet das ein: „Wir stellen da gewiss einen Spezialfall dar. Wir hatten uns auf einen möglichen Ausbruch von Noroviren vorbereitet und sind daher mit einem vollen Lager zum Beispiel mit FFP 2-Masken in die Krise hineingestartet. Das heißt nicht, dass wir im Überfluss leben, wir sind jedoch nicht auf Kante genäht.“ Wovon man zusätzlich profitiert: Im Corona-Fall steht das verschwisterte Marien-Krankenhaus zur Seite

Schmallenberg:

Solch einen Verbund haben das Pflegezentrum Haus Monika (59 Bewohner) und das Seniorenwohnen im Park (40 Bewohner) in Schmallenberg nicht im Rücken. Die Stadt gilt als Corona-Hochburg mit vielen Infizierten. „Auch von uns sind zwei Mitarbeiter positiv getestet worden, sie waren in Quarantäne und sind mittlerweile wieder genesen“, sagt Sprecherin Petra Vollmers-Frevel.

Sie weiß, dass ihre Einrichtungen einen Mangel an Schutzkleidung haben: „Die Feuerwehr Bad Fredeburg unterstützt uns mit 40 selbstgenähten Masken. Und wir erwarten noch vor Ostern eine Lieferung aus China mit 2000 FFP2- Masken sowie Schutzanzügen und Einweg-Handschuhen.“ Petra Vollmers-Frevel hat aber auch eine klare Forderung an staatliche Stellen, falls Personal in Quarantäne gehen muss: „Hilfreich wäre es, wenn unser avisiertes Personal aus dem Ausland einreisen dürfte. Wir erwarten noch vier Pflegefachkräfte aus Marokko und zwei aus Indien.“

Caritas Hagen:

Drei Pflegeheime, in denen insgesamt 211 Senioren leben, betreibt der Caritasverband Hagen. Aber Vorstandsassistentin Anja Majus lenkt die Aufmerksamkeit auch auf die fünf Wohnhäuser für Menschen mit Behinderungen, in denen insgesamt 165 Menschen leben: „Sie zählen auch zu den Risikogruppen.“

Bislang gab es noch keinen Corona-Fall: „Sollte es zum Ernstfall kommen, haben wir auch FFP2- und FFP3-Atemschutzmasken und Schutzanzüge“, sagt Anja Majus, räumt aber ein: „Für eine gewisse Zeit würde dies langen, aber über einen längeren Zeitraum wären wir nicht ausreichend gewappnet.“ Den Bedarf hat man dem NRW- Gesundheitsministerium gemeldet.

Caritas Arnsberg Sundern:

Wie sehr die Frage der Schutzkleidung ein Wettlauf gegen die Zeit ist, macht Marek Konietzny, kaufmännischer Vorstand des Caritasverbandes Arnsberg-Sundern mit sechs Seniorenhäusern, in denen 365 Menschen Platz finden, deutlich. „In einer Ausbruchssituation können wir mit den aktuell vorhandenen Schutzmaterialien ein Seniorenhaus ausstatten.“ Doch über unterschiedliche Quellen sei weitere Schutzkleidung bestellt, die nächste Woche erwartet werde. „Damit können wir dann in allen Einrichtungen ausreichend Schutzmaterial zur Verfügung stellen.“ Und genau auf diese Zeit hofft nun auch der Vorstandsvorsitzende Christian Stockmann: „Wir stehen schon massiv unter Druck, weil wir die uns anvertrauten Menschen und die Kollegen schützen wollen. Ich habe aber das Gefühl, dass wir den Umständen entsprechend gut mit der Lage umgehen.“ Dabei helfe es auch, dass man gut vernetzt sei und viel Unterstützung von außen bekomme. Etwa von örtlichen Firmen, die aus ihren Beständen Schutzkleidung spendeten.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben