Höhlen

Illegale Höhlentouristen im Sauerland immer leichtsinniger

Höhlen üben seit jeher eine große Faszination aus. Doch Hobby-Höhlenkletterer können in ihnen in Lebensgefahr geraten.

Höhlen üben seit jeher eine große Faszination aus. Doch Hobby-Höhlenkletterer können in ihnen in Lebensgefahr geraten.

Foto: Urs Flueeler / dpa

Menden.  Insbesondere junge Menschen geben sich zunehmend einem gefährlichen Stollen- und Höhlentourismus hin. Sie unterschätzen die Gefahr in der Tiefe.

Während die Kamera unruhig schwenkt, ertönt die Frauenstimme aus dem Off: „Moin, moin, Leute! Was geht ab?“ Dann erzählt sie, dass sie in einer „Grube“ im Sauerland unterwegs sei. Mit anderen Menschen, wie man erkennt. Es sehe interessant und ein „bisschen gefährlich“ aus. „Geil, es lohnt sich.“ Ihr Abenteuer im Untergrund hat die junge Dame als Videoclip auf auf einer Internet-Plattform veröffentlicht. Und findet viele Nachahmer, die sich für einen Kick oder ein paar Bewegtbilder zunehmend einem riskanten Stollen- und Höhlentourismus hingeben. „Wir stellen eine drastische Zunahme von unerlaubten unterirdischen Besuchen fest“, sagt Björn Wegen, Leiter der Höhlenrettung der Speläo-Gruppe Sauerland (SEG) mit Sitz in Hemer, „inspiriert von Videoclips im Internet begeben sich insbesondere junge Menschen leichtsinnig in höchste Lebensgefahr.“

Ohne Helm und Sicherheitskleidung im Untergrund

Was geht ab? Die Frage der Hobby-Höhlengängerin ist bisweilen einfach zu beantworten: Gesteinsbrocken. „Immer mehr Menschen sind ohne Helm, Sicherheitskleidung und Ortskenntnis unterwegs“, klagt Höhlenretter Wegen. Mehr noch: „Viele versuchen sich ohne jegliche Seil- und Kletterausbildung durch die engen Gänge zu manövrieren und haben keine Ahnung, welche Bedingungen unten herrschen und wie unterirdische Systeme auf Wetterereignisse reagieren.“ Man ahnt am Telefon, dass der 49-Jährige den Kopf schüttelt. „Es ist reines Glück, dass noch nichts Schlimmes passiert ist.“ Allein im Sauerland gibt es der SEG Höhlenrettung NRW zufolge etwa 1520 Höhlen. Darin gebe es Wegen zufolge viele Engstellen, an denen Ungeübte schnell in Panik geraten könnten.

Zu einem fragwürdigen Pilgerort der Generation Leichtsinn hat sich der „Nazi-Stollen Schwalbe 1“ entwickelt. Zu Beginn eines Videofilms, der im Internet kursiert, erscheinen Infos in großer Schrift: „Größtes und geheimstes Bauprojekt des Dritten Reiches. Deckname ,Eisenkies’. 10.000 Zwangsarbeiter und Häftlinge. 10 Monate Stollenvortrieb im Schichtbetrieb.“ In anderen Clips – mal mit verwackelten Aufnahmen, mal hochprofessionell wie ein Kinofilm-Trailer – sind die Bilder mit dramatischer oder mystischer Musik unterlegt. „Höhlen faszinieren seit jeher“, sagt Wegen. „Sie strahlen etwas Geheimnisvolles aus. Wenn man in Höhlensystemen Neuland entdeckt, hat man das Gefühl, als betrete man zum ersten Mal den Mond.“ Aber: Unqualifizierte Pseudo-Abenteurer dürfen sich gar nicht in Höhlen aufhalten. „Offenbar ist es auch der Reiz des Verbotenen, der Menschen in die Tiefe zieht“, so Wegen. Auf Videos von Höhlengängern, deren Gesichter häufig nicht zu sehen sind, sieht man bisweilen „Betreten-verboten“-Schilder oder Vorhängeschlösser an Zugängen. In anschließenden Sequenzen sind die Filmemacher bereits in der Höhle.

Rechtliche Schritte möglich

„Wir registrieren teilweise massive Aufbrüche“, sagt Wegen, „das ist beileibe kein Kavaliersdelikt.“ Der Zugang zu dem Schwalbe 1- Stollensystem an der Stadtgrenze zwischen Menden und Balve ist eigentlich nur über das Werksgelände des Kalkproduzenten Rheinkalk/Lhoist möglich. „Das Betreten des Stollens ist wegen möglichem herabstürzenden Gestein lebensgefährlich und daher strengstens verboten“, sagt Unternehmenssprecher Christian Zöller. Zudem sei der Stollen verschlossen: „Bei unbefugtem Eindringen behalten wir uns rechtliche Schritte vor.“ Versucht man einen Zugang über einen ehemaligen Steinbruch, begibt man sich bereits vor dem Betreten des Stollens in Lebensgefahr – es ist ein Trainingsgelände für Elite-Polizisten, auf dem scharf geschossen wird.

Der jugendlich-unbekümmerte Höhlentourismus ist ein Phänomen, das vom Trend zum „Urban Exploration“ gefördert wird. Dies beschreibt die private Erforschung von vergessenen Orten („Lost Places“). Die Leidenschaft für solche Orte nahm in den 70er Jahren in den USA ihren Ursprung. Mit Hilfe sozialer Netzwerke wurde die Zahl der Anhänger immer größer - auch in Deutschland. Der Westfale Andre Winternitz, ein Kenner der Szene, kritisierte, „dass der Großteil kein Risiko- und Rechtsbewusstsein mehr kennt“.

Auch Höhlenretter in Gefahr

Und offenbar auch kein Bewusstsein, dass das Klettern durch steile, enge und nasse Tunnelsysteme auch „Sie bringen ja nicht nur sich selbst in Gefahr“, sagt Höhlenretter Peter Wegen, „sondern auch Menschen, die sie aus einer eventuellen Notlage befreien müssen.“

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