Literatur-Nobelpreis

Warten auf die Nobelpreisträgerin – Olga Tokarczuk in Siegen

Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk (Mitte) zu Gast bei einer Lesung in Siegen. Rechts im Bild ist Dr. Natasza Stelmaszyk, eine Freundin aus Siegen und Germanistik-Dozentin der Universität Siegen.

Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk (Mitte) zu Gast bei einer Lesung in Siegen. Rechts im Bild ist Dr. Natasza Stelmaszyk, eine Freundin aus Siegen und Germanistik-Dozentin der Universität Siegen.

Foto: MATTHIAS GRABEN / Funke Foto Services

Siegen.  Die Nobelpreis-Auszeichnung am Donnerstag machte Olga Tokarczuk vom einen auf den anderen Tag berühmt. Zur Lesung in Siegen kommt sie trotzdem.

Die Stehtische im hinteren Bereich tragen zur Feier des Tages blütenweiße Hussen. Rosen in Blassrosa stehen darauf. Die gleichen Rosen, die zum Strauß gebunden Olga Tokarczuk überreicht werden. Als Dank, dass sie wirklich, so richtig, in echt da ist. Und zu Ehren der außergewöhnlichen Auszeichnung, die die 57-jährige Polin am Donnerstag erhalten hatte: Literatur-Nobelpreisträgerin ist sie seitdem.

Ihre Lesung am Freitagabend in Siegen aus ihrem neuen Buch „Die Jakobsbücher“? Lange geplant. Nach dem Nobelpreis kurz vor der Absage. Dann doch grünes Licht. Aber alles später. Zittern. Bangen. Warten. Um 20.12 Uhr schreitet sie die Treppen hinauf. Die Menschen, die zum Teil drei Stunden gewartet haben, erheben sich, applaudieren. Olga Tokarczuk legt die Hände ineinander, schaut etwas verlegen zu Boden. „Es tut mir leid, dass ich zu spät bin. Aber es war ein langer Weg und ich hatte viel zu tun“, sagt sie auf englisch. Sie setzt sich in einen der senffarbenen Ohrensessel. „Immer noch kann ich nicht fassen, dass Olga Tokarczuk Nobelpreisträgerin sein könnte. Das ist bei mir noch nicht angekommen.“

Mit dem Ankommen ist es ja ohnehin so eine Sache. „Ich habe überlegt, ob ich gehe“, sagt Dr. Dietlinde Enslin. Sie wäre sonst vielleicht gar nicht erst zur Lesung gekommen. Aber unter den neuen Umständen gab es keine andere Entscheidung. „Wann hat man schonmal die Gelegenheit, eine Nobelpreisträgerin aus der Nähe zu sehen? Das kann ich mir nicht entgehen lassen.“ Als sie das sagt, sind es noch anderthalb Stunden, bis es losgeht. Die Sitzplätze sind schon fast alle vergeben.

Die Künstlerin kommt

Um 18 Uhr sollte es eigentlich losgehen. Lange war selbst das fraglich. Zwei Stunden vorher die Nachricht: Die Künstlerin kommt mit Sicherheit, verspätet sich aber. Termine. Sie ist jetzt berühmt. Und gefragt. Von Tokio bis New York. Um 20 Uhr soll sie nun in Siegen sein. „Frau Tokarczuk hat viele Termine“, sagt der Sicherheitsmann mit dem beeindruckenden Bart. Er ist einer von dreien, die für einen geordneten Ablauf sorgen sollen. Drei mehr als eigentlich geplant. Gerechnet hatte die Universität Siegen als Veranstalter bis Donnerstagmittag mit 30 Leuten – bei freiem Eintritt.

Umzug in ein neues Gebäude

Siegen musste innerhalb von 24 Stunden umplanen: Umzug in ein neues Gebäude nebenan. Dort haben 199 Menschen Platz, stehend und sitzend. Die Sicherheitsleute zählen am Eingang jeden Einzelnen. Und verbreiten die Botschaft an die frühen Gäste: „Verspäteter Beginn, Termine, wir bitten um Verständnis.“ Eine Frau, die eine blaue Brille trägt, schaut etwas entgeistert: „Und jetzt ist erstmal…?“ Sie hebt die Stimme und die Brauen. „Nichts“, entgegnet der Bart freundlich. „Kein Problem“, sagt sie.

Andere sind da schon wieder abgereist. „Ich war ohnehin überrascht, dass sie kommt“, sagt Bastian Dewenter. Eine halbe Stunde Anfahrt hatte er. Er will wieder los. „Ärgerlich, schade“, sagt er, aber lächelt immerhin milde.

Eine große Ehre

Wer geht, verpasst die Ausgezeichnete. Olga Tokarczuk, bis zum Donnerstag eher nicht der breiten Öffentlichkeit bekannt, trägt sich vor der Lesung ins Goldene Buch der Stadt Siegen ein. Der stellvertretende Bürgermeister Jens Kamieth ist mit auf dem Bild, Ulf Richter, der Kanzler der Universität Siegen ebenfalls. Lächeln. „Ich bin tief ergriffen“, sagt Jens Kamieth. „Wir haben den ganzen Tag gefiebert, dass es klappt“, beschreibt Ulf Richter und sieht sehr zufrieden aus an diesem Abend. „Frau Tokarczuk als frischgebackene Nobelpreisträgerin begrüßen zu dürfen, ist natürlich etwas ganz Besonderes. Eine große Ehre für die Uni und die Stadt Siegen.“

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