Corona

Wie Christen in der Coronakrise digitale Gemeinden bilden

Das Gnadenbild der Muttergottes in Werl gilt als Trösterin der Betrübten. Die Pilger senden jetzt ihre Gebetsanliegen per Email

Das Gnadenbild der Muttergottes in Werl gilt als Trösterin der Betrübten. Die Pilger senden jetzt ihre Gebetsanliegen per Email

Foto: Volker Hartmann

Werl.  Corona treibt Katholiken und Protestanten ins Internet. Räumlich getrennt, erfahren Christen in digitalen Gebetsgemeinschaften spirituelle Nähe.

Vor der Kerzengrotte in der Werler Wallfahrtsbasilika kleben neuerdings Abstandsmarkierungen auf dem Fußboden. „Es kommen viele Menschen, die ein Licht anzünden wollen“, beschreibt Dr. Gerhard Best eine Ausnahmelage, in der keine Gottesdienste gefeiert werden dürfen. Geöffnet bleiben die Gotteshäuser als Orte der Stille aber weiterhin.

„Es sind unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen immer Menschen in der Kirche“, bilanziert der Leiter der Wallfahrt Werl. Not lehrt beten. Oder anders ausgedrückt: Wo die Kirchen in Wohlstandszeiten verwaisen, freuen sich die Bürger jetzt über jeden Kirchturm, der noch nicht verkauft oder abgerissen wurde. Denn Corona erzeugt eine Renaissance des Betens.

Das Christentum ist keine einsame Religion; die Gemeinde bildet die Basis der christlichen Spiritualität. Erstmals in den 2020 Jahren seit Jesu Geburt gibt es allerdings weder Predigt noch Sakrament, während das Bedürfnis nach seelsorgerischer Begleitung wächst. „Es hat sich ja niemand vorstellen können, dass es mal eine Situation gibt, wo nicht mehr als Zwei zusammen sein dürfen“, beschreibt Dechant Best unter Anspielung auf das Bibelwort seinen „verrückten“ Alltag. „Ich feiere morgens die Messe ohne Gemeinde, das ist etwas, das völlig anders ist. Die Erfahrung von Gemeinde und des gemeinsamen Betens sind es, die unsere Gottesdienste ausmachen.“ Bischof Gerber: Mehr auf Menschen an der Basis hören

Beten kommt zu neuen Ehren

Mit großer Kreativität haben sich Pfarrer und Ordensleute, Messdiener und Gläubige angesichts der Grenzerfahrung Corona in das Internet verlagert. Das Stichwort heißt digitale Gemeinden. An diesem Punkt kommt das aus der Mode geratene Beten zu neuen Ehren. Es entstehen Gebetsgemeinschaften ohne räumliche, aber mit spiritueller Nähe.

Täglich um 19.30 Uhr erinnern die Glocken derzeit Katholiken und Protestanten daran, dass es eine Struktur im Alltag gibt, die nicht durch die Krise diktiert ist. Die Glocken rufen zum konfessionsverbindenden Vaterunser. Früher wäre die Initiative als Randgruppen-Idee belächelt worden, heute zeigen Tausende, dass sie mitmachen, indem sie eine brennende Kerze ins Fenster stellen. Pfarrer, die bisher noch nie von You Tube gehört haben, zeichnen ihre Messen und Andachten mit dem Smartphone auf und streamen sie auf Facebook.

Die Ordensgemeinschaften im Bistum Essen laden zum gemeinsamen Gebet per E-Mail ein (www.gebet.bistum-essen.de). Auch das Wallfahrtsteam in Werl nimmt auf seiner Internetseite (www.wallfahrt-werl.de) Gebetswünsche an, ein neues Format. Mehrere Mails gehen täglich ein. Best: „Wir haben jetzt eine Gebetswache eingerichtet und gehen jeden Tag eine Stunde in die Wallfahrtskirche und beten für die Anliegen der Menschen. Und wir zünden in ihrem Namen eine kleine Kerze an. Es scheint für die Menschen ganz wichtig zu sein, das ein Licht für sie brennt.“

Telefonseelsorge: Leitungen laufen heiß

Die digitalen Gebetsgemeinschaften schaffen unter den räumlich getrennten Christen eine Nähe, die im säkularisierten Zeitalter niemand erwartet hätte. „Ich kriege viele Anrufe“, sagt Best. „Das Telefon muss das persönliche Gespräch ersetzen.“ Die meisten Gemeinden haben feste Telefonsprechzeiten und Sorgentelefone. Die Leitungen der Telefonseelsorge laufen heiß.

Die Muttergottes in Werl gilt als Trösterin der Betrübten. Seit über 350 Jahren bringen die Christen ihre Anliegen zu dem Gnadenbild. Viele der traditionellen Fußwallfahrten sind als Seuchengelübde entstanden. Dr. Gerhard Best sollte am 1. Mai seine erste Wallfahrts-Saison eröffnen, er ist nach dem Abzug der Franziskaner der neue Wallfahrtsleiter. Aber noch steht nicht fest, ob es überhaupt einen Pilgerbetrieb geben wird. „Wir wollen bis zum 19. April abwarten.

Sollte sich dann die Situation nicht gebessert haben, müssen wir uns etwas einfallen lassen und würden versuchen, die Wallfahrt digital zu starten“, sagt Best. „Da bin ich noch ein bisschen ratlos. Wie wollen Sie die Festlichkeit dieses Moments in einer leeren Kirche erzeugen?“

Überblick über Aktivitäten

Die meisten katholischen und evangelischen Gemeinden in der Region bieten im Internet einen Überblick über ihre digitalen Aktivitäten in der Corona-Krise. Zudem gibt es Vorschläge für die Gestaltung von Hausgottesdiensten in den Familien, Sorgentelefonnummern und weitere Anregungen. Unter folgenden Adressen werden lokale Angebote gesammelt: www.erzbistum-paderborn.de; www.corona.bistum-essen.de; www.evangelisch-in-westfalen.de

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