Klinikkeime

Wie die Keime in die Krankenhäuser kommen

Handdesinfektion wird offenbar noch immer in manchen Kliniken vernachlässigt.

Handdesinfektion wird offenbar noch immer in manchen Kliniken vernachlässigt.

Foto: Stephan Eickershoff

Hagen/Lippstadt.   30 000 Menschen sterben jährlich an Krankenhauskeimen, weil in den Kliniken und Gesundheitsämtern manches schief läuft.

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Eine Million Menschen, so Schätzungen, infizieren sich jedes Jahr in Krankenhäusern mit Keimen. 30 000 sterben daran. Einer davon nun auf der Frühchenstation des Evangelischen Krankenhauses in Lippstadt. Ein kleiner Junge, nur 840 Gramm schwer. Drei weitere Kinder dort sind infiziert.

Mitarbeiter geschockt

Gerade einmal zweieinhalb Jahre ist es her, dass auf der gleichen Station ein kleines Mädchen ums Leben kam. Damals ein Schock für die Mitarbeiter und das gesamte Krankenhaus. Seitdem hat man viel verbessert in Lippstadt – und gehört gewiss nicht zu dem Viertel der deutschen Krankenhäuser, die nach Recherchen des Portals Correctiv die Hygienestandards des Robert-Koch-Instituts nicht erfüllt.

Im Gegenteil: In Lippstadt habe man die Vorgaben übererfüllt, sagt Ansgar Brockmann, stellvertretender Abteilungsleiter Gesundheit im Kreis Soest. Die Behörde ist dafür zuständig, die Hygiene in den Kliniken zu kontrollieren.

Unangekündigte Kontrollen

Mindestens einmal pro Jahr gebe es in den Kliniken im Kreis eine unangekündigte Begehung. Dazu gehöre, dass man sich auf Stationen „umgucke“, sagt Marita Mönikes vom Sachgebiet Infektionsschutz im Kreis. Sind Handdesinfektionsmittel vorhanden? Stimmt deren Konzentration? Man schaue sich Reinigungs- und Desinfektionspläne an, kontrolliere die Reinigungswagen, die Pflegearbeitsräume und, und, und.

Dazu mehrmals pro Monat Telefonate mit Hygienefachkräften, immer wieder persönliche Besuche vor Ort. Letzte große Begehung in Lippstadt: Im September dieses Jahres. Beanstandungen: keine.

Keine Auffälligkeiten

Ein Mal wöchentlich hat die Klinik freiwillig Keimproben auf der Neugeborenenstation genommen, ebenso wie von den Mitarbeitern. Auch hier keine Auffälligkeiten. Die Bezirksregierung in Arnsberg, dafür zuständig, die Medizinprodukte der Kliniken zu kontrollieren, hat in den vergangenen zwölf Jahren das Krankenhaus fünf Mal geprüft. Nun erneut am 10. Januar.

Hat man also keine Chance gegen solche Klinikkeime, oder sind die Hygienestandards in Deutschland zu niedrig? „Unsere Regeln sind gut“, sagt Klaus-Dieter Zastrow, Experte für Krankenhaushygiene in Berlin, „aber man hält sich oft nicht richtig daran. Und manche Gesundheitsämter kontrollieren schlecht. Statt nur zu gucken, ob irgendwo Spinnweben herumhängen, müssen sie sich auch die Prozesse in den Kliniken anschauen. Das heißt, die Mitarbeiter der Gesundheitsämter müssen über mehrere Stunden Ärzten und Pflegekräften bei der Arbeit auf die Finger gucken.“

Ein Darmkeim wie in Lippstadt könne nicht auf mehrere Kinder in den Inkubatoren übertragen werden, „wenn man alle Hygienemaßnahmen einhält, also Hände richtig desinfiziert, saubere Schutzkleidung trägt sowie einen Mund-Nasen-Schutz“. Dass allein die Eltern den Keim an die Babys weitergegeben haben, sei unwahrscheinlich: „Die Eltern haben ja nur Kontakt mit ihrem eigenen Kind. Dann müssten die Eltern aller infizierten Babys den gleichen Keim in sich tragen – und bei den Hygienemaßnahmen geschlampt haben.“

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