Gerichtsvollzieher

Wie eine Gerichtsvollzieherin in Hagen den Alltag erlebt

Unterwegs mit einer Gerichtsvollzieherin in Hagen

Seit 19 Jahren arbeitet Birgit Kelm als Gerichtsvollzieherin in Hagen

Seit 19 Jahren arbeitet Birgit Kelm als Gerichtsvollzieherin in Hagen

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Hagen.   Seit 19 Jahren ist Birgit Kelm Gerichtsvollzieherin in Hagen. Hier spricht sie über ihren Beruf und verrät, warum sie keine Kühlschränke öffnet.

Die vielen Treppenstufen stören sie nicht. „Als Gerichtsvollzieherin braucht man keinen Sport mehr“, sagt Birgit Kelm und lacht, während sie das schmale Treppenhaus hinaufsteigt. Im dritten Stock dieses Hagener Altbaus, acht Parteien, weiß verputzter Flur, wartet der erste Termin des Tages: eine Räumung. Im Flur stampft eine kleine Kolonne aus Umzugshelfern und Schlossern hinter ihr her. Klingeln? Keine Reaktion.

Was Birgit Kelm bei der Räumung von Wohnungen vorfindet, weiß sie vorher nie, erlebt hat sie aber schon vieles. „Einmal fanden wir ein großes Zelt im Wohnzimmer. Der frühere Mieter hat dort wohl Marihuana-Pflanzen gezüchtet.“

Wenige Sekunden, um das Schloss zu knacken

Vor der Tür im dritten Stock angekommen braucht es nur wenige Sekunden, um das Schloss zu knacken. Dahinter: Drei kleine Zimmer, verbunden durch einen schmalen Flur. Vom Besitzer fehlt jede Spur. „Das ist häufig so. Viele Schuldner sind am Tag der Räumung nicht da“, sagt Birgit Kelm, die inzwischen auf 19 Jahre Berufserfahrung zurückblickt.

Gesetzlich sind Schuldner nicht dazu verpflichtet, bei der Räumung vor Ort zu sein. Was sie in den Wohnungen hinterlassen, das wird vier Wochen eingelagert und kann in dieser Zeit zurückverlangt werden. Im Falle der Wohnung im dritten Stock ist die Ausbeute mager. Eine Matratze liegt noch verlassen im Zimmer, nebenan ein wackeliger Kleiderschrank ohne Inhalt.

Man weiß nie, welche Tiere im Kühlschrank lauern

„Gepfändet wird heute nur noch selten“, sagt Birgit Kelm und begutachtet die spärliche Ausstattung. „Kühlschränke aus den Wohnungen etwa machen wir erst gar nicht auf. Wer weiß, was für Tierchen im Inneren lauern.“

Außerdem lohne sich die Pfändung häufig nicht mehr – anders als damals, wo eine gewisse „Krämer-Mentalität“ herrschte. Brandneue Betten und Schränke gebe es heute schon zu relativ günstigen Preisen, da sei das Interesse an benutzten und teils alten Möbeln gering.

Aber wie erreicht man den Schuldner, wenn es nichts zu pfänden gibt? „Dann ermittle ich Möglichkeiten, um auf das Vermögen des Schuldners zuzugreifen, etwa auf Arbeitskonten“, erklärt Birgit Kelm. Um Druck auszuüben, kann im härtesten Fall sogar ein Haftbefehl erlassen werden.

Manchmal hilft das Pfandsiegel

Sie erinnert sich aber durchaus noch an Fälle, bei denen auch das Pfandsiegel, der „Kuckuck“, seine Wirkung auf den Schuldner hatte. „Bei einem Schausteller habe ich mal einen Kuckuck auf eines seiner Karussell-Pferde geklebt. Wenige Stunden später zahlte er dann die Summe, die er schuldig war“, sagt die Gerichtsvollzieherin und lächelt. „Das Pferd war ihm wohl sehr wichtig.“

Unterm Strich können nach langen Verfahren häufig Erfolge verbucht werden, wie die Statistik der Gerichtsvollzieher in Nordrhein-Westfalen zeigt: Im vergangenen Jahr wurden knapp 236 Millionen Euro an Schulden eingetrieben, fast ein Viertel der bundesweiten Bilanz.

Altlasten durch Handyverträge

Schulden durch Handyverträge gehören ebenso dazu, wie Altlasten durch Mieten und Kredite. Da Pfändungen sich weniger lohnen, werden Alternativen wie das Zahlen auf Raten immer wichtiger.

An diesem Morgen klingelt Birgit Kelm an vielen Haustüren in ihrem Bezirk. Manch einer ist erstaunt, von einer Frau besucht zu werden. „Ich dachte, es kommt ein Mann“, sagt etwa eine ältere Schuldnerin, als Birgit Kelm vor ihrer Wohnungstür steht. Sie kennt die Reaktion und antwortet mit einem Lächeln.

Später erzählt Birgit Kelm, dass zuhause bereits einige Schuldner angerufen hätten und anfangs baten, ihren Mann zu sprechen. Das wundert vor allem deshalb, weil die Zahl der Gerichtsvollzieherinnen stetig steigt. Für Birgit Kelm ist das Thema weniger relevant. Die einen reagierten so, die anderen so. „Es hängt immer vom Menschen ab“, sagt die Mutter von zwei Kindern. An ihrem Beruf schätze sie besonders, dass sie ihre Arbeitszeiten flexibel einteilen kann.

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