Hallertau

Hopfenernte: Wo die Seele des Sauerländer Biers zu Hause ist

Der 71-jährige Jakob Schauer ist eine Institution in der Hallertau und seit 20 Jahren bei Veltins unter Vertrag.

Der 71-jährige Jakob Schauer ist eine Institution in der Hallertau und seit 20 Jahren bei Veltins unter Vertrag.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Grafendorf/Hallertau.  Die Hopfenernte in der Hallertau in Bayern ist in vollem Gang. Entscheidende Tage für die Brauer im Sauerland – und es sieht nicht schlecht aus.

Genau jetzt sind die Tage, an denen über den Geschmack des Bieres entschieden wird. Die Hopfenernte in der Hallertau ist in vollem Gange und Jakob Schauer mittendrin. „Kein überragendes Jahr, aber guter Durchschnitt.“ Schauer hält ein paar Meter Hopfen prüfend in den Händen. Er hat sichtlich gute Laune, strahlt scheinbar mit der Sonne um die Wette. Später kristallisiert sich heraus: Der Gemütszustand des Experten scheint völlig wetterunabhängig zu sein. Das Leben mit dem Hopfen, die harte, schweißtreibende Arbeit über viele Monate, ist schlicht beglückend. So einfach. So beeindruckend.

Der 71-Jährige ist eine Institution in der Welt dieser kuriosen und wunderschönen Kletterpflanze. Sie prägt das Bild der Kulturlandschaft Hallertau, manche nennen sie auch Holledau. Gleich wie, jedenfalls im Herzen Bayerns. Die Felder dominieren die hügelige Landschaft, die im Norden in etwa zwischen Ingolstadt und Kehlheim von der Donau begrenzt wird, im Süden bis nahe an Freising und Landshut heranreicht. Große wie kleinere deutsche Brauereien und viele aus dem Ausland beziehen hier den Stoff, der am Ende die Seele ihres jeweiligen Bieres ausmachen soll. Nicht zuletzt bei Veltins. Die Sauerländer haben sich die besondere Expertise von Jakob Schauer seit zwei Jahrzehnten gesichert.

Ernte im Vorbeifahren

Seit gut zwei Wochen läuft die Ernte im weltweit größten zusammenhängenden Hopfen-Anbaugebiet. Auf einigen Feldern sind bereits nur noch die Rankhilfen zu sehen. Mächtige Pfosten, an deren oberen Enden hunderte Meter Stacheldraht gespannt sind und an denen sich der Hopfen innerhalb von vier bis fünf Monaten an dünnen Drähten in sieben, acht Meter Höhe emporwindet. Die Ernte wird buchstäblich im Vorbeifahren eingefahren, die Ranken, die vom Drahtdach im Schritttempo abgerissen werden, fallen auf Hänger. Auf dem Hof trennen Maschinen Blätterwerk und Dolden. Bei etwa 50 Grad werden die wertvollen Zapfen luftgetrocknet. Mit 8,5 bis 10 Grad Restfeuchte landen sie auf dem Trockenboden (Darre), werden schließlich zu rechteckigen Ballen verpresst und landen später als Pellets beim Kunden.

Hopfenernte 2019 in der Hallertau
Hopfenernte 2019 in der Hallertau

Das Klima macht sich bemerkbar

Über den Ernteerfolg entscheidet auch in diesem Jahr das Klima. Hopfenanbau funktioniert ähnlich wie Wein. Nur wächst die Pflanze im Schnitt zehn Zentimeter pro Tag. Sind Temperatur und Feuchte optimal, schießt sich der Hopfen bis zu 30 Zentimeter pro Tag gen Himmel. Wenn nicht, dann nicht. „Man merkt das Klima extrem“, sagt Jakob Schauer und denkt an das vergangene Jahr. Sehr trocken, sehr heiß war es 2018. Resultat: die wertvollen Dolden blieben eher klein. Die Hopfenbauern in der Hallertau denken zunehmend über Bewässerungssysteme nach. Auf einem Teil der 65 Hektar Hopfenfelder der Familie Schauer wird bereits tröpfchenweise berieselt, im kommenden Jahr wird das System weiter ausgebaut.

Auf die Alphasäure kommt es an

Nur die weiblichen Hopfenpflanzen bilden Dolden, die grünen, zapfenähnlichen Früchte, in denen unter anderem die begehrte Alphasäure steckt. Auf sie kommt es wesentlich an. Die Menge bestimmt später im Bier über herber oder süßlicher im Glas – und jetzt darüber, ob sich ein Jahr harte Arbeit in der Hallertau am Ende gelohnt hat. Jakob Schauers Leidenschaft ist über Jahrzehnte gewachsen. Seit er 15 Jahre alt ist, trägt er die Verantwortung in den Hopfengärten, nachdem sein Vater, der mit Hopfenanbau begonnen hatte, erkrankte. Es ist eine Leidenschaft, die sich überträgt. Tochter Marion ist gewissermaßen im Hopfen aufgewachsen. Seine Enkel, Eva-Maria (17) und Jakob (15) packen ebenfalls mit an. Und natürlich Marions Mann Karl Pichlmeyer. Hopfenbauer mit Leib und Seele und nebenbei auch stellvertretender Vorsitzender des Verbands Deutscher Hopfenpflanzer.

Ohne Helfer ginge nichts

Der Grafendorfer Hof Schauer/Pichlmeyer ist ein Familienbetrieb wie er im Buche steht. Schauers Frau bekocht die ganze Mannschaft, zu der auch rund 20 Erntehelfer aus Osteuropa gehören. „Ohne sie“, sagt die Juniorchefin Marion Pichlmeyer, „ginge nichts“. Die meisten kommen bereits seit Jahren auf den Hof, haben Erfahrung mit dem empfindlichen Gut. Gegessen wird in Schichten in einer großen, gemütlichen Tenne – alle am selben Tisch, für alle die gleiche Mahlzeit: Vorsuppe, Fleisch, Kartoffeln, Nudeln, Salat, dazu Limo – für Gäste gerne auch ein Bier. Herzlichkeit liegt in der Luft – und immer Hopfenduft.

Schauer kümmert sich zunehmend um eine besondere Passion. Das Züchten neuer Sorten. Nach 20 Jahren endet auf dem Papier auch eine besondere Beziehung zur Brauerei Veltins, in der der Senior für die Sauerländer bei der Auslese für gleichbleibend hohe Qualität gesorgt hat. „Darauf legen wir besonderen Wert“, betont Veltins-Sprecher Ulrich Biene. Rund 210 Tonnen Hopfen benötigt man in diesem Jahr in Grevenstein. Mit dem Wachstum beim Ausstoß wächst auch die Menge an benötigtem Hopfen, für Pils, für das immer beliebtere Landbier.

Boom durch Craft-Beer-Szene

Die Nachfrage nach Hallertauer Hopfen ist in den vergangenen Jahren insgesamt wieder gestiegen, nicht zuletzt durch die Craft-Beer-Szene. Diese handgemachten Spezialitätenbiere weisen häufig einen sehr hohen Hopfenanteil auf, insbesondere an Aromahopfen in verschiedensten Geschmacksrichtungen.

Ob bekannte Sorten wie „Hallertauer Tradition“ oder Jakob Schauers Liebling „Smaragd“ – Veltins legt Wert auf unverschnittene Ware. „Eine gute Mischung aus Aroma und Bitterhopfen brauchen wir“, sagt Biene. „Extrakt kommt nicht infrage!“ Dass den für die Brauerei so wichtigen Job nun Jakob Schauers Tochter Marion übernimmt, hat Walter Bauer noch in den letzten Tagen als Technischer Geschäftsführer entschieden, kurz bevor er sich im Frühjahr offiziell in den Ruhestand verabschiedete. Kurioser Weise wusste ihr Vater davon nichts. „Sie kann’s“, nickt Jakob Schauer kurz und anerkennend.

Die Zukunft

Die Liebe zu hochwertigem Hopfen verbindet die beiden Weggefährten Bauer und Schauer ungeachtet des Ruhestands weiter. Sie bringen nun ihr Wissen für die Weiterentwicklung neuer Pflanzen zusammen. Jakob Schauer betreibt einen eigenen Zuchtgarten und gewährt einen Blick in die Zukunft, die noch keinen Namen trägt. Wunderschön sieht sie aus. Ob sie hält, was sich Schauer und Bauer versprechen, muss sich noch erweisen. Bis dahin wird noch so mancher Hektoliter Bier mit dem 2019-er Hopfen gebraut werden, nicht nur im Sauerland.

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