Wetter

Zu warm und zu trocken: Kommt 2019 der Dürre-Sommer zurück?

Rückblick: Niedrigwasser im Biggesee bei Attendorn am Ende des Hitzejahres 2018. – Jetzt gibt es Befürchtungen, das zweite Jahr in Folge könnte zu wenig Niederschlag bringen.

Rückblick: Niedrigwasser im Biggesee bei Attendorn am Ende des Hitzejahres 2018. – Jetzt gibt es Befürchtungen, das zweite Jahr in Folge könnte zu wenig Niederschlag bringen.

Foto: Hans Blossey

Hagen/Medebach/Münster.   Im April hat es viel zu wenig geregnet. Böden und Bäume brauchen mehr als nur Schauer. Talsperren geben doppelt so viel Wasser ab wie reinfließt.

Landwirte, Förster, Wetter-Experten und Waldbesitzer fürchten nach dem warmen und trockenen April einen erneuten Dürre-Sommer. Ein zweites Jahr in Folge mit deutlich zu wenig Regen hätte weit schlimmere Folgen als der Rekordsommer 2018. Die Wälder leiden weiterhin unter einem Trockenstress; Landwirte sorgen sich um ihre Ernteerträge und das Grünfutter für ihre Tiere.

„Für die Wälder ist es bislang ein denkbar schlechter Start ins Jahr“, sagt Michael Blaschke vom Landesbetrieb Wald und Holz. Insbesondere der April war mit bisher 21 Prozent der sonst üblichen Niederschlagsmenge viel zu trocken; laut Deutschem Wetterdienst war der April sogar deutlich trockener als der gleiche Monat im Hitzejahr 2018. Dabei ist das Wasserdefizit der Böden aus dem vergangenen Jahr lange noch nicht ausgeglichen.

Darum wäre ein weiterer Dürresommer so gefährlich

So sah der Sommer 2018 aus - ungewöhnlich trocken für Deutschland. Experten sehen nun Anzeichen dafür, dass es 2019 noch schlimmer wird – wenn ein weiterer Dürresommer folgt. Schon jetzt ist es stellenweise in Deutschland eindeutig zu trocken. Es gibt erste Waldbrände, in Brandenburg wurden wegen der Brandgefahr Osterfeuer abgesagt. Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes wäre ein weiterer Dürresommer höchst problematisch. Schon jetzt seien die Böden in vielen Regionen deutlich trockener als im vieljährigen Durchschnitt – und sogar trockener als im April des vergangenen Jahres. 2018 konnten Pflanzen und Bäume mit langen Wurzeln noch die Feuchtigkeit aus tiefen Bodenschichten ziehen. Diese Wasserspeicher seien in diesem Jahr jedoch „weit weniger gut gefüllt“, warnt der Deutsche Wetterdienst. Ein Dürresommer würde Landwirtschaft und Forstwirtschaft daher hart treffen.
Darum wäre ein weiterer Dürresommer so gefährlich

Erhöhte Waldbrandgefahr

Der Ruhrverband zählt seit dem 19. April bereits vier „zuschusspflichtige Tage“, also Tage, an denen er mit dem Wasser aus den Talsperren im Sauerland die Wassermenge in der Ruhr stützen musste. Im vergangenen Jahr war das zum gleichen Zeitpunkt an nur einem Tag notwendig.

Aktuell liegt die Waldbrandgefahr in NRW bei Stufe drei von fünf. Die Feuerwehren fordern mehr Löschhubschrauber. „Wir sollten in der Lage sein, drei Waldbrände im Bundesgebiet gleichzeitig zu bedienen“, sagt Christoph Schöneborn, Geschäftsführer des Verbandes der Feuerwehren in NRW. „Wir müssen bei Ausrüstung, Fahrzeugen und Einsatztaktik nachbessern“, ergänzt Michael Kling, Kreisbrandmeister im Märkischen Kreis.

Regenschauer reichen nicht

Zwar gab es für Mittwochabend eine Unwetterwarnung für Teile des Sauerlands; Gewitter mit stürmischen Böen und Schauer zogen aus Südwesten heran. Um das Wasserdefizit aus dem Vorjahr auszugleichen, müsste es aber viel mehr regnen, als nur schauern.

„Der April macht was er will.“ Sagt die häufig bemühte Bauernregel. Gerne zeigt der vierte Monat im Jahr seine kalte Schulter, gibt sich launisch, wechselhaft, wenig frühlingshaft. Anno 2019 aber kommt der April, gerade zu seinem Ende hin, trocken und angenehm warm, fast sommerlich daher. Beschert ein seltenes Phänomen: ein Osterfest mit Kurze-Hosen- und T-Shirt-Wetter. Die Freude darüber bleibt nicht ungetrübt.

Die Landwirte

„Wir hoffen auf Regen“, sagt Josef Schreiber. Und der Milchviehwirt aus Medebach im Hochsauerland meint wirklich Regen. Nicht nur einen Schauer. Sondern anhaltenden Landregen. Die Landwirte, egal, ob sie Getreide anbauen oder Vieh halten, sehnen das Nass geradezu herbei. Und zwar „innerhalb der nächsten zwei Wochen“.

Schreiber grübelt derzeit über die Mais-Aussaat. „Bis zum 10. Mai muss die Saat im Boden sein“, erklärt er. Nur: Damit die Samen aufgehen und die Pflanzen wachsen, braucht es – Regen. Derzeit ist der Boden viel zu trocken. Also: Noch warten mit der Aussaat? Wie lange aber? Auch der erste Grasschnitt steht an; das Grün wird als Futter etwa für Milchkühe dringend benötigt. „Im vergangenen Jahr gab es noch Futtervorräte aus 2017, das ein gutes Erntejahr war. Jetzt sind praktisch alle Vorräte aufgebraucht“, zeigt Schreiber für die Landwirte die Nachwirkungen des Hitzejahres 2018 auf. Mit womöglich dramatischen Folgen: „Ohne Futternachschub werden Betriebe ihre Tierbestände reduzieren“, befürchtet Schreiber, der auch Vorsitzender des landwirtschaftlichen Kreisverbands Hochsauerland ist. „Noch viel schlimmer als die Felder“, sagt er allerdings, „sind die Wälder dran.“

Die Waldbesitzer

„Das ist nicht das Frühjahr, das wir uns erhofft haben“, sagt Michael Blaschke vom Landesbetrieb Wald und Holz für alle Förster und Waldbesitzer. Der Experte macht die Aussage an drei Faktoren fest: Da ist die anhaltende Trockenheit. Der Waldboden ist durch Wärme, Sonneneinstrahlung und Wind staubtrocken. Aber: „Auch in 1,80 Meter ist der Boden komplett ausgetrocknet“, so Blaschke. Über ihre tiefen Wurzeln kommen die Bäume auch nicht an ausreichend Wasser. Das macht es aktuell dem Borkenkäfer – Faktor zwei – , der in Massen auftritt, leicht: Weil die Fichten ohne Wasserzufuhr zu wenig Baumharz bilden, kann der Schädling umso besser seine Gänge bohren. „Ganze Waldgebiete werden absterben“, befürchtet Blaschke.

Nehmen die trockenen und warmen Jahre weiter zu, habe die Fichte auch im Sauerland kaum noch Bestand. Wald und Holz setzt daher auf „heimische Baumarten, aber aus anderer Herkunft“. Wie etwa die „slawonische Eiche“. Eben auch eine Eiche, deren Saatgut aber aus Slowenien kommt, wo die Pflanzen mit Trockenphasen besser klar kommen. Und – dritter Faktor – die vielen Stürme der letzten Monate. Sie haben auch den Laubbäumen zugesetzt. „Die Bäume schwanken in den Böen. Das beschädigt die Feinwurzeln“, erläutert Blaschke. Die Wasseraufnahme wird also noch schwieriger.

Die Talsperrenbetreiber

Beim Essener Ruhrverband, der die Talsperren im Sauerland betreibt, ist die Ausgangslage aktuell „fast genau die gleiche wie vor einem Jahr“, berichtet Britta Balt, Sprecherin des Verbands: 436 Millionen Kubikmeter Wasser sind, Stand gestern, in den Seen. Vor einem Jahr waren es 432 Millionen Kubikmeter. Der Ruhrverband ist gesetzlich verpflichtet, für eine bestimmte Wassermenge in der Ruhr zu sorgen. „Diese Vorgabe müssen wir einhalten und können die Talsperrensteuerung nicht behutsamer angehen“, stellt Britta Balt heraus. Gestern gaben die großen Wasserspeicher mit 8,5 Kubikmeter pro Sekunde die doppelte Mange an Wasser ab, als hineinfloss.

Die Feuerwehr

Die Hubschrauber der Landespolizei sollen mit Lasthaken nachgerüstet werden; außerdem schafft das Land Löschwasserbehälter, die 2000 Liter fassen und die an die Helikoptern angehängt werden können, an. Sie sollen bei großen Waldbränden zum Einsatz kommen. Aber: „Kein Waldbrand kann alleine aus der Luft gelöscht werden“, erklärt Christoph Schöneborn (Sprockhövel) vom Verband der Feuerwehren in NRW.

Extreme Wetterlagen „werden zu Einsatzschwerpunkten“, stellt Kreisbrandmeister Michael Kling aus dem Märkischen Kreis fest; das müsse sich auf die Ausrüstung, die Fahrzeugbeschaffung und die Einsatztaktik und damit auf die Übungen auswirken. Ein Ziel: „Waldbrände zu löschen, ohne Personal in steile Hänge schicken zu müssen, oder eine Löschwasserversorgung über weite Strecken aufzubauen“, so Kling, der im vergangenen Sommer den Einsatz bei einem der größten Waldbrände in Südwestfalen leitete.

Der Ausblick

Die Hoffnung aller derjenigen, die auf Regen warten, ruht jetzt auf dem Wonnemonat – und einer passenden Bauernregel: „Mai kühl und nass, füllt des Bauern Scheun’ und Fass“.

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