Missbrauchsserie

Alle Angeklagten im Lügde-Prozess legen Geständnisse ab

Andreas V. vor Gericht: Dem Hauptbeschuldigten im Fall Lügde werden fast 300 Fälle von schwerem Missbrauch vorgeworfen. Er legte am ersten Verhandlungstag ein Geständnis ab.

Andreas V. vor Gericht: Dem Hauptbeschuldigten im Fall Lügde werden fast 300 Fälle von schwerem Missbrauch vorgeworfen. Er legte am ersten Verhandlungstag ein Geständnis ab.

Foto: Bernd Thissen / dpa

Detmold/Lügde.  Im Prozess um die Missbrauchsserie von Lügde haben alle drei Angeklagten Geständnisse abgelegt. Damit könnten den Opfern Aussagen erspart bleiben.

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Im Prozess um hundertfachen Missbrauch von Kindern auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde haben alle drei Angeklagten am ersten Verhandlungstag überraschend Geständnisse abgelegt. Andreas V. (56) und Mario S. (34) - die beiden Hauptangeklagten - räumten die angeklagten Taten am Donnerstag vor dem Detmolder Landgericht über ihre Verteidiger weitestgehend ein. Bei den Ermittlungen waren mehr als 40 Opfer identifiziert worden, angeklagt sind sexuelle Gewalttaten gegen 34 minderjährige Opfer.

Andreas V. werden fast 300 Straftaten vorgeworfen

Andreas V. hatte zunächst über seinen Anwalt angekündigt, sich nicht zur Sache äußern zu wollen. In einem Rechtsgespräch nach der Anklageverlesung tauschten dann alle Beteiligten ihre Positionen aus – und es ging darum auch um die Frage, welche Folgen ein Geständnis für das Strafmaß bei einer möglichen Verurteilung haben könnte. Danach legte auch Andreas V., dem fast 300 Straftaten vorgeworfen werden, ein Geständnis ab.

Der Verteidiger von Mario S. hatte schon zuvor mitgeteilt, dass sein Mandant sich äußern werde. In der Erklärung, die der Verteidiger verlas, ließ S. mitteilen, dass er die Taten einräume und sich dafür schäme.

Auch der dritte Angeklagte Heiko V. (49) räumte über seinen Verteidiger die Vorwürfe wenig später ein. Das schilderten Nebenklägeranwälte - die Öffentlichkeit war von der Verlesung der Erklärung ausgeschlossen.

Öffentlichkeit bei Anklageverlesung ausgeschlossen

Der Prozesstag hatte mit dem Verlesen der Anklageschrift begonnen. Auf Antrag aller Nebenklagevertreter war die Öffentlichkeit dabei ausgeschlossen. Grund ist der Opferschutz: Namen, Geburtsdaten, Wohnorte der Kinder, grausame Details der Hunderten Taten – all das sollte nicht öffentlich gemacht werden. Auch alle Medienvertreter mussten den Saal verlassen. Der Ausschuss gelte nur für die Anklageverlesung, danach müsse „für jeden Prozessabschnitt neu beraten“ werden.

Dem heute 56-jährigen Dauercamper Andreas V. werden 298 Straftaten vorgeworfen. 23 Mädchen sollen Opfer seiner Quälereien im Sommer 1998 und von Anfang 2008 bis Ende 2018 geworden sein. Bei zehn Kindern wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, mehrfach „Beischlaf“ vorgenommen zu haben und Handlungen, die „mit einem Eindringen in den Körper verbunden gewesen sein sollen“. Das sei dem Grunde nach Vergewaltigung, sagt Rainer Becker, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe. „Was juristisch korrekt als ’schwerer sexueller Missbrauch von Kindern’ bezeichnet wird, ist sprachlich bagatellisierend.“

Der 34-jährige Mario S. soll der Staatsanwaltschaft zufolge in 162 Fällen acht Mädchen und neun Jungen missbraucht haben, manche schwer. Über einen Zeitraum von 20 Jahren – 1999 bis Anfang 2019. Auch er soll vergewaltigt haben. Dem Vorwurf zufolge filmten beide Männer manche Gewalttaten.

Zu den Übergriffen soll es auf der Campingplatz-Parzelle von Andreas V. im ostwestfälischen Lügde gekommen sein, aber auch in der Wohnung von Mario S. in Steinheim bei Höxter (ebenfalls NRW).

Der dritte Angeklagte, der 49-jährige Heiko V. aus dem niedersächsischen Stade, soll teilweise zu den Taten angestiftet haben. Alle drei Männer sind Deutsche.

Lügde-Prozess: 28 Nebenkläger, 53 Zeugen geladen

Das Gericht hat insgesamt 28 Nebenkläger zugelassen, die von 18 Anwälten vertreten werden. 53 Zeugen hat das Landgericht geladen. Opferanwalt Peter Wüller, einer der Nebenklagevertreter, sagt, es gebe zahlreiche Aussagen von Opfern und umfangreiches Bild- und Videomaterial, das die vorgeworfenen Gewalttaten dokumentiere. Er hoffe, dass mindestens für die beiden Hauptangeklagten nach einer Haftstrafe Sicherungsverwahrung angeordnet werde.

Was Wüller umtreibt: „Wir haben es nicht mit einem singulären Tatgeschehen zu tun, sondern wir reden von einem massenhaften, jahrelangen Missbrauch von Kindern auf öffentlichem Grund.“ Er könne nicht nachvollziehen, dass so lange niemand etwas bemerkt haben soll.

Die große Frage: Warum hat niemand etwas bemerkt?

Der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, schildert: „Wenn Missbrauch aufgedeckt wird, lautet eine der ersten Fragen immer: Warum hat keiner etwas bemerkt? Wir haben oft – wie auch im Fall Lügde – eine Täterstrategie des netten, beliebten, scheinbar kinderfreundlichen Menschen, der alle damit blendet und manipuliert.“

Eltern sollten viel größere Sensibilität entwickeln und realisieren, dass Missbrauch auch das eigene Kind treffen könne. „Die unangebrachte Sorglosigkeit, mit der manche Eltern ihre Kinder anderen anvertrauen, ist erschreckend.“

Im Fall Lügde stehen Polizei und Jugendämter in der Kritik

Im Fall Lügde gab es aber erste Hinweise. Polizei und Jugendämter stehen in der Kritik, weil sie Hinweisen auf den Hauptverdächtigen nicht nachgegangen sein sollen. Auch bei den Ermittlungen gab es Pannen, unter anderem verschwanden Beweismittel.

Auf die Vorwürfe gegen Polizei und Behörden ging die Richterin zum Prozessauftakt indirekt ein, als sie sich mit einer Art Vorwort an die Anwesenden wandte: Die Taten, die den Angeklagten vorgeworfen werden, seien „zweifelsohne abscheulich“, sagte sie. „Das lässt niemanden unberührt.“ Die Frage aber, wie all das passieren konnte, sei „nicht Gegenstand des Verfahrens“.

Besonderes Leid soll der Pflegetochter von Andreas V. zugefügt worden sein. Sie ist heute acht Jahre alt. Sie war fünf, als sie im Frühjahr 2016 für rund zweieinhalb Jahre in die heruntergekommene Campingunterkunft in Lügde einzog. In dieser Zeit wurde sie laut Verdacht immer wieder sexuell misshandelt, weit mehr als hundert Mal. Skrupellos.

Der Landkreis Hameln hatte den Dauercamper als Pflegevater eingesetzt, wohl auf Wunsch der überforderten leiblichen Mutter. Das Mädchen musste als Lockvogel herhalten, andere Kinder mitbringen. Es gab Ausflüge, Geschenke - und Drohungen, ja nichts zu verraten.

Prozess als Chance, das Erlebte zu verarbeiten

Rörig betont, während des Ermittlungs- und Strafverfahrens sei für die Kinder stabilisierende therapeutische Unterstützung wichtig. „Um zu spüren, dass das Leben jetzt wieder sicher ist.“ Das könne auch ein erster Schritt sein, um die zugefügte Gewalt zu verarbeiten. „Ein Verfahren, dass unter Berücksichtigung aller kindgerechten Standards durchgeführt wird, kann für manche Kinder eine Chance für eine Verarbeitung des Erlebten sein.“

Missbrauch heiße auch, allein zu sein mit unfassbaren Taten, ausgeliefert dem Peiniger. Ein sensibles Gerichtsverfahren bedeute für das Kind, „dass es eine mächtigere Instanz gibt als den Täter und dass die Ohnmacht ein Ende findet“.

Manche der jungen Opfer, so erzählte es ein Nebenklagevertreter vor dem Prozess, hätten indes bis heute keine Psychotherapie begonnen. Etwaige Aussagen im Prozess sollten nicht verfälscht werden. (mit dpa)

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