Südamerika

Geschichtsträchtiges Kolumbien: Der Zauber der Vergangenheit

Villa de Leyva ist eine der schönsten Kolonialstädte Kolumbiens.

Villa de Leyva ist eine der schönsten Kolonialstädte Kolumbiens.

Foto: Manuel Meyer/dpa-tmn

Cartagena de Indias.  Kolumbiens Kolonialstädte locken mit Geschichte, beeindruckenden Naturlandschaften und schöner Architektur. Aber es gibt hier mehr zu erleben: etwa Weltliteratur zum Nachleben oder leckere Ameisen.

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Es herrschen turbulente Zeiten im Land, als Gabriel García Márquez die kolumbianische Küstenstadt Cartagena de Indias erreicht.

Wie viele andere war auch der spätere Literaturnobelpreisträger (1927-2014) Hals über Kopf aus der Hauptstadt Bogotá geflohen, wo im April 1948 ein blutiger Bürgerkrieg tobte. „Gabo“ war damals erst 21 Jahre alt, wollte Journalist werden und hatte keinen einzigen Peso in der Tasche.

„So legte er sich zum Schlafen einfach hier auf dem Bolívar-Platz auf eine der Parkbänke“, erzählt Orlando Oliveros. „Da jedoch Ausgangssperre herrschte, nahm die Polizei ihn fest und so verbrachte er seine erste Nacht in Cartagena im Gefängnis.“ Eigentlich muss er schreien. Die Papageien im Park machen derart Lärm, dass man denkt, García Márquez habe im Knast bestimmt besser geschlafen als hier.

Monumentales Kloster von San Pedro Clave

Oliveros führt zum ehemaligen Wohnhaus des Schriftstellers. Es befindet sich direkt hinter der alten Stadtmauer mit Blick aufs türkisblaue Meer. Neben dem monumentalen Kloster von San Pedro Claver, dem „Apostel der Schwarzen“, zeigt er das alte Redaktionsgebäude der Tageszeitung „El Universal“, wo der junge Nachwuchsjournalist damals sein Handwerk so ehrgeizig lernte, „dass er nachts auf den Papierrollen der Druckerei einschlief“.

Oliveros, 25, ist fast im selben Alter wie damals García Márquez. Mit seinen dunklen Haaren und seinem strahlenden Lächeln erinnert er sogar ein wenig an den Erfolgsautoren, der 1982 den Literaturnobelpreis erhielt. Wie García Márquez ist auch Oliveros Kolumnist in „El Universal“.

Spaziergänge zu den Schauplätzen der Romane

Oliveros kannte García Márquez persönlich nicht. Doch als Programmverantwortlicher von Gabos „Stiftung Neuer Iberoamerikanischer Journalismus“ kennt er dessen Geschichte und Werke um so besser. Neben realen Schauplätzen aus Gabos Leben begegnen Besucher auf Spaziergängen durch die malerische Altstadt Cartagenas aber vor allem Szenen und Orten aus seinen Romanen.

Im Park Fernández de Madrid erinnert Oliveros daran, wie Gabo hier den jungen Florentino stundenlang im Schatten der Mandelbäume auf Fermina warten ließ. Die Szene stammt aus seinem Erfolgsroman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“.

Realität und Fantasie

Sein „magischer Realismus“, dieses Pendeln zwischen Realität und Fantasie, wird besonders anschaulich im ehemaligen Kloster Santa Clara, das heute ein Luxushotel ist. Hier wurden im Oktober 1949 die Gebeine eines jungen Mädchens aus dem 18. Jahrhundert gefunden. García Márquez verfolgte die Geschichte damals als junger Zeitungsreporter. Später verwandelte er das Mädchen in Sierva María aus seinem Roman „Von der Liebe und anderen Dämonen“.

García Márquez verbrachte nur einige Jahre in Cartagena, lebte danach in Europa und zuletzt in Mexiko. „Doch die Stadt beeinflusste sein Werk wie kein anderer Ort auf der Welt“, versichert Oliveros. So wollte er auch, dass ein Teil seiner Asche hier beigesetzt wird. Sie liegt unter seiner Büste im Innenhof des ehemaligen Klosters La Merced, heute ein Universitätsgebäude.

Pastellfarbene Häuser

Das karibische Flair, die pastellfarbenen Häuser mit blumengeschmückten Holzbalkonen, verträumte Innenhöfe, weiße Strände, imposante Kolonialgebäude, die spanische Festung San Felipe de Barajas - Cartagenas quirlige Altstadt, Unesco-Weltkulturerbe, verzauberte García Márquez.

„Onkel Gabito liebte Cartagena. Er kehrte immer wieder zurück. Zumal auch seine Mutter und Geschwister hier weiterhin lebten“, erklärt Melissa Hernández. Sie kannte ihn gut. Ihre Familien sind eng befreundet. Melissa, Chefköchin, führt heute Touristen auf den gastronomischen Spuren von Gabos Büchern durch die Altstadt.

Auch lokale Spezialitäten wurden literarisch verarbeitet

Auf der Plaza de los Coches herrscht buntes Treiben: Pferdekutschen holpern über das Kopfsteinpflaster. Unter den Arkaden der Kolonialhäuser verkaufen Händlerinnen lokale Süßwaren aus Kokos und Rohrzucker, die Gabo ebenfalls in seinen Romanen erwähnt. Weltliteratur zum Nachleben. Arepas, mit Käse gefüllte Maisfladen, Kokosreis, natürliche Orangen-Limonaden mit frischer Minze - Melissa weiß nicht nur, wo es die besten Delikatessen der Altstadt gibt, sondern auch, welche Bedeutung sie in Gabos Büchern haben.

Auf dem Bolívar-Platz stellt sie María Márquez und María Reyes vor. Die Frauen sind „Palenqueras“, Nachfahren von Sklaven, die in ihren typisch bunten Kleidern exotische Früchte verkaufen. Während die Touristen frische Ananas und Mango mampfen, erzählen sie von ihrer Kultur, ihrer eigenen Sprache, ihrer Musik, die auch in den Romanen von García Márquez immer wieder erwähnt werden. Wenige Meter weiter besucht Melissa mit ihren Kunden gegenüber der Kathedrale ein typisch kolumbianisches Kaffee-Haus - „genau so wie es Florentino jeden Nachmittag tat“.

Ameisen mit großen Hinterteilen

Rund eine Flugstunde südlich von Cartagena lockt auch Barichara mit einem Gaumenschmaus, aber einem ästhetisch erst einmal gewöhnungsbedürftigen - geröstete Riesenameisen. Eigentlich sind nur die Hinterteile groß, weshalb die Gourmet-Insekten auch „Hormigas culonas“ (dickärschige Ameisen) genannt werden.

Margarita Higuera zupft nur die Flügel ab, legt die Ameisen in Mehl ein, und ab in die Tonpfanne. Knusprig und salzig schmecken sie. „Die Ameisen haben eine fast 500 Jahre alte Tradition in der Küche der Urbevölkerung, dem Stamm der Guane“, erklärt Ernährungsexpertin Higuera. Aphrodisierend sollen sie sein und viele Proteine haben.

Wer im Frühling auf dem Camino Real von Barichara ins Dorf wandert, kann die Bauern auf der Suche nach den Ameisen sehen. Der „Königsweg“ der spanischen Konquistadoren war lange in Vergessenheit geraten, bis der deutsche Kaufmann und spätere Großgrundbesitzer Georg von Lengerke ihn im 19. Jahrhundert wiederentdeckte und erneut begehbar machte. Der schmale, sieben Kilometer lange Steinweg führt vorbei an Kakteen und Akazien durch den Canyon hinunter bis nach Guane.

Nationalmonument als „Ort der Erholung“

Guane gleicht ein wenig Barichara: Gepflasterte Straßen, weiß verputzte Lehmhäuser mit roten Ziegeldächern, alte Kirchen. Eine Reise ins Kolumbien der Kolonialzeit - und alles wirkt trotzdem wie neu. Kein Wunder, dass in Barichara viele lateinamerikanische Telenovelas gedreht werden. Die Kleinstadt auf 1200 m Höhe ist fast kitschig schön und seit 1978 Nationalmonument. So kann es hier im Sommer auch richtig voll werden. Doch außerhalb der kolumbianischen Ferienzeit macht Barichara seinem Namen alle Ehre. In der Sprache der Guane bedeutet er „Ort der Erholung“.

Man schlendert durch die steilen Kopfsteinpflastergassen, besucht die Kapellen, Plätze oder den Friedhof mit seinen künstlerisch einzigartigen Grabsteinen. Es gibt viele Skulpturen von lokalen Künstlern in den Parks zu sehen, dazu gute Restaurants. Aber viel zu tun gibt es nicht. Dafür ist die Umgebung um so spannender. Schroffe Berge, tiefe Canyons und riesige Wasserfälle machen die Region zu Kolumbiens Outdoor-Paradies. Eine halbe Stunde von Barichara entfernt befindet sich San Gil. Hier wird Adrenalinjunkies einiges geboten - Abseilen, Höhlenexpeditionen, Gleitschirmfliegen, Mountain-Bike.

Paläontologen bei der Arbeit über die Schulter schauen

Weiter im Norden auf dem Weg nach Girón, einem sehr sehenswerten Kolonialstädtchen, kann man mit der Seilbahn den tiefen Canyon des Nationalparks Chicamocha überqueren.

Rund zwei Stunden südlich von Barichara wartet auch Villa de Leyva mit bis zu 40 Meter hohen Wasserfällen und tiefen Höhlensystemen auf. Doch eine der touristischen Hauptattraktionen der alten Kolonialstadt sind die zahlreichen Dinosaurierfunde.

„Heute befindet sich unsere Region im Zentrum Kolumbiens. Doch vor Millionen von Jahren war hier eine Meeresbucht. Deshalb haben wir die größte Sammlung maritimer Reptilienfossile Südamerikas“, erklärt Juan de Dios vom paläontologischen Forschungszentrum, in dem Besucher bis zu 300 versteinerte Dino- und Schalentierfossile bewundern können. „Darunter auch die älteste Meeresschildkröte, die jemals gefunden wurde. 125 Millionen Jahre ist das Fossil alt“, sagt Juan de Dios stolz. In dem Zentrum kann man den Paläontologen durch eine Scheibe beim Säubern und Präparieren der Fossilien über die Schulter schauen.

Weltweit größtes versteinertes Skelett

In der Region gibt es so viele Funde, dass sie gleich in verschiedenen Freilichtmuseen ausgestellt werden müssen. Im Museum „El Fósil“ ist eines der weltweit größten versteinerten Skelette eines Krokodilähnlichen Kronosaurus zu sehen. Oftmals sieht man in Villa de Leyva sogar in Steinwänden und Treppen ganz normaler Häuser prähistorische Fossilien, weil die Steinblöcke als Baumaterial benutzt wurden. In der Umgebung gibt es jedoch auch alte Zeremonientempel mit gewaltigen Phallus-Skulpturen der Muisca-Ureinwohner zu entdecken. Oder das angeblich größte Terracotta-Tonhaus der Welt.

Ein richtiger Hingucker ist aber das 1572 gegründete Villa de Leyva selber. Das koloniale Juwel auf 2100 Meter Höhe zählt gerade einmal 9000 Einwohner, hat mit seinem 120 mal 120 Meter messenden Zentralplatz aber einen der größten Plätze in ganz Amerika. Rundherum reihen sich alte Kolonialgebäude, Kirchen und sechs Museen. In seinen Gassen aus Kopfsteinpflaster scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Kolumbiens koloniales Erbe hat viele Überraschungen zu bieten. (dpa)

>>> Kolumbiens Kolonialstädte

Anreise: Airlines wie Iberia, Avianca, Lufthansa oder Air Europa fliegen von verschiedenen deutschen Flughäfen Bogotá oder Cartagena de Indias an. Für die Einreise ist nur ein noch sechs Monate gültiger Reisepass nötig.

Sprache: Spanisch

Währung: 1 Euro = 3.645 Kolumbianische Pesos (COP)

Sicherheit: Die Sicherheitslage in Kolumbien hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Touristische Regionen sind recht sicher zu bereisen. Für einige ländliche Gebiete gibt es jedoch Sicherheitswarnungen. Mehr Infos bei Auswärtigen Amt unter www.auswaertiges-amt.de

Infos: Fremdenverkehrsamt Kolumbien, Fürstenbergerstraße 223, 60323 Frankfurt, Tel 069 - 13023832, frankfurt@procolombia.co, www.colombia.travel

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