Großbritannien

Snowdonia in Wales: Kreischbuntes Leben in alten Gruben

Bäuchlings geht es mit dem Kopf voraus über das türkisfarbene Wasser hinweg. Könnte eine Lagune in der Südsee sein, wären da nicht die grauen Stufen, die ringsum ansteigen.

Bäuchlings geht es mit dem Kopf voraus über das türkisfarbene Wasser hinweg. Könnte eine Lagune in der Südsee sein, wären da nicht die grauen Stufen, die ringsum ansteigen.

Foto: Dan Struthers Photography/ZipWorld/dpa-tmn

Bethesda.  Die Schiefersteinbrüche waren einst Wales' wichtigste Industrie. Seit einiger Zeit entstehen nun in den Brachen aufregende Abenteuerspielplätze.

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Gerade noch sahen wir aus wie Kampfpiloten, im roten Overall und weißen Helm, um die Brust ein Zwitter aus Klettergurt und Metzgerschürze. Doch nun ist jeder Stolz passé. Bäuchlings liegen wir auf Pritschen, bestens gelaunte Waliser zurren uns wie Vieh in Gurten fest und klicken uns mit Karabinern in Stahlschlitten. „Drei, zwei, eins - und los!“, schreit jemand, und Kopf voraus schießen wir am Stahlseil über türkises Wasser.

Könnte eine Lagune in der Südsee sein, denke ich im kurzen Flug, oder ein Gletschersee in Patagonien - wären da nicht die grauen Stufen, die ringsum ansteigen. Sie sind die Reste des größten Schiefertagebaus der Welt. Wobei Reste nicht ganz korrekt ist, schließlich ist der Penrhyn-Steinbruch noch aktiv - als einer der letzten in Wales.

Früher Tagebau, heute Touristenmagnet

Schiefer war im 19. Jahrhundert der Exportschlager des kleinen Landes. Die Steinplatten wurden als Dachziegel, Schreibtafeln, Grabsteine und sogar als Billardtische in alle Welt verkauft. Bis zuerst der spanische und dann der chinesische Schiefer billiger waren und die Minen in den 1960er Jahren schlossen. Doch nun regt sich neues Leben in den grauen Wunden, die der Tagebau in die grünen Hügel gerissen hat. Mit viel Geld bauen Unternehmer die Industriebrachen zu einem großen Abenteuer-Spielplatz um. Und die Neugierigen strömen trotz saftiger Preise herbei.

„Die schnellste Zipline der Welt“ versprechen ihnen Monitore im Besucherzentrum, mit 190 Stundenkilometern soll ein Ex-Rugbyspieler die Velocity 2 hinab gerast sein, erzählt eine Angestellte. Das zieht. Im 20-Minuten-Rhythmus werden Gruppen gewogen, eingekleidet und in Lastern zur Startrampe der Velocity 2 gekarrt. Nach dem Flug können sie in einem Restaurant mit Blick auf den Grubensee speisen und Bier, Shirts oder Tassen mit dem ferrariroten Logo der Zip World kaufen. Und an der Kasse bekommen sie gleich den Flyer für die anderen Spielplätze des walisischen Adrenalin-Imperiums.

Hochseilgarten im Kletterpark

„Zip World ist ein Touristenmagnet in Nordwales“, sagt Joanna Perrin, 25, die Pressesprecherin der Firma. Und ein massiver wirtschaftlicher Faktor in dieser strukturschwachen Gegend. Geschaffen hat ihn Sean Taylor, ein Armee-Veteran aus der Gegend. Vor zwölf Jahren steckte er sein Geld in einen Hochseilgarten, ein paar Jahre später startete er mit zwei Freunden Zip World. 251 Millionen Pfund seien allein in den vergangenen fünf Jahren investiert worden, sagt Perrin. Die Regierung von Wales schoss großzügig Geld zu. Im Sommer arbeiten mittlerweile 500 Menschen an den drei Standorten. Zu 93 Prozent seien sie Nordwaliser, erklärt Perrin. Die Gäste kämen vor allem aus Mittel-England, Familien ebenso wie Junggesellenabschiede. „Vor ein paar Tagen sauste eine 91-Jährige die Velocity 2 hinab.“

Ob die reife Dame sich auch in die Schieferhöhlen gewagt hat, ist fraglich. In den unterirdischen Minen bei Blaenau Ffestiniog hat Zip World einen noch aberwitzigeren Spaßpark gebaut. Durch einen niedrigen Stollen gehen wir in den Berg, bis sich eine Höhle öffnet, in die scheinbar eine Monsterspinne ihre Netze gespannt hat. Die Beute in diesen Netzen kreischt allerdings vor Vergnügen. Angestrahlt von wechselnd bunten Scheinwerfern, angefeuert von Partymusik, hüpfen Kinder und Eltern durch die Trampoline, die in mehreren Ebenen übereinander und nebeneinander gespannt sind. Dazwischen kriechen sie durch Netzgänge oder gleiten Rutschen hinab.

Lunch auf Schieferplatten

Nur eines geht kaum auf den wackligen Netzen: still stehen. Und so sind wir schon nach einer Viertelstunde durchgeschwitzt, obwohl es in der Höhle kühl ist. Zum Glück geht es nicht nur uns so: Bald liegen die ersten Kinder mit ausgestreckten Armen in den muffig riechenden Netzen.

Zeit für ein Mittagessen, natürlich serviert auf Schieferplatten, bevor es zurück in die Höhle geht, zum unterirdischen Klettersteig. Die Einweisung ist lang und gründlich, denn diesmal müssen wir allein durch den Parcours. Ein junger Bärtiger erklärt, wie man das Klettergeschirr anlegt, wie man den Gurt mit dem Sicherungsbügel durchs Stahlseil führt und wie man den Minischlitten korrekt auf die Zipline setzt. „Aussteigen könnt ihr nur im Notfall.“

Discomusik lärmt fröhlich

Im Halbdunkel tapsen wir auf Stahlbügeln und Trittstangen die Schieferwand entlang, die Discomusik lärmt fröhlich, die Kinder in den Trampolins neben uns jauchzen. Auf der Plattform hängen wir den Schlitten ins Stahlseil, lassen uns in den Gurt sacken und rutschen los, quer über den Abgrund zur nächsten Plattform. Der erste Aufprall ist noch hart, aber die Wand ist gepolstert, und bald haben wir die Landung raus. Von Höhle zu Höhle geht es weiter, durch Stollen kriechend, über Hängebrücke und Stahlseil balancierend, sich unter einer Affenleiter hindurch hangelnd. Verglichen mit Klettersteigen in den Alpen ist das außergewöhnlich.

„Zip World hat bereits Pläne für eine alte Kohlemine in Südwales“, sagt Joanna Perrin, in den kommenden Jahren soll sie zur nächsten Adrenalinfabrik umgebaut werden. Und im Penrhyn-Steinbruch können die Gäste noch dieses Jahr in dreirädrigen Carts die Serpentinen hinab rasen.

Surflagune mit laufender Welle

Das Imperium muss investieren. Denn die Konkurrenz ist umtriebig.

Adventure Parc Snowdonia nennt sich der große Herausforderer seit Jahresbeginn. Sein Spaßpark, zuvor bekannt als Surf Snowdonia, steht in Dolgarrog an der Nordostgrenze des Nationalparks. Die englische Industriellenfamilie Ainscough hat hier vor Jahren eine alte Aluminiumfabrik gekauft, abgerissen und an ihrer Stelle 2015 eine Surflagune mit laufender Welle eröffnet: ein lang gezogenes Becken, in dessen Mitte ein schmaler Steg auf dünnen Stahlträgern verläuft.


„Das ist wie ein Skilift, der einen großen Schneepflug durchs Wasser zieht“, sagt Tom Kenyon. Der 31-Jährige ritt schon als Junge die Wellen vor den Hebriden. Seit vier Jahren arbeitet er als Surflehrer im Adventure Parc Snowdonia. Natürlich lerne man hier nicht, unter Wellen hindurch zu tauchen oder sie draußen auf dem Meer zu lesen, sagt Kenyon. „Es ist einfach nur ein schöner, spaßiger Point Break.“

Gischt schießt über die Schultern

Mit ein paar Schlägen paddeln wir hinaus zu dem Plastikriff, wo die Welle alle 90 Sekunden in vollkommener Gleichmäßigkeit bricht. Anders als auf Korallen kann man hier bequem stehen, Farbstreifen zeigen an, wo man zu warten hat. Als der Pflug durch den Mittelkanal schiebt, springen zuerst die Profis auf die heranrollende Welle, dann sind wir dran. Die Gischt schießt über die Schultern, die Welle erfasst das Brett. Hochdrücken, aufspringen, Balance halten. Und, wie Kenyon es uns eingeschärft hat: rechtzeitig vor dem Beckenrand rückwärts abspringen!

Er hatte recht, tatsächlich eine spaßige Welle. Natürlich sind Halle und Parkplatz keine ganz so hübsche Kulisse wie eine Palmeninsel in Indonesien. Aber um Surfen zu lernen, sind die Bedingungen ideal. Man muss nicht durch die Gischt aufs Meer hinaus paddeln und mit niemandem um seine Welle kämpfen.

Dieser Komfort hat allerdings seinen Preis: Für die Profiwelle zahlt man mindestens 45 Pfund pro Stunde, rund 50 Euro. Surfjunkies ist die Ersatzdroge das offenbar wert. Einige reisen jedes Wochenende an, sagt Kenyon, manche bis aus London.

Klettersteig unter dem Dach

Damit die Gäste auch im Winter kommen und am besten mehrere Tage bleiben, gibt es eine neue Halle. Geschützt vor dem walisischen Regen kann man dort durch einen Klettersteig unter dem Dach kraxeln, in Fiberglashöhlen robben, über einen Ninja-Parcours springen. Und, ganz wie bei Zip World, draußen an Stahlseilen über die Lagune fliegen.

Ganz so autobahnschnell wie im Penrhyn-Steinbruch jagt man allerdings nicht dahin, und das Wasser ist eher braun als türkis. Dafür könnte man durch den Schleier des Nieselregens fast denken, dass auf dem Hügel hinter der Lagune tropischer Regenwald wächst - wenn man die Augen nur etwas zukneift. (dpa)

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Anreise: Aus mehreren deutschen Städten gibt es Nonstop-Flüge nach Manchester. Von dort fährt man im Zug nach Bangor. Dort nimmt man am besten einen Mietwagen, denn die Abenteuerparks sind etwas abgelegen.

Reisezeit: Die Attraktionen von Zip World und die neue Halle von Adventure Parc Snowdonia sind das ganze Jahr über geöffnet, die Surfwelle läuft von März bis Dezember.

Aktivitäten: Für die Zipline Velocity 2 (ab 65 Pfund, rund 72 Euro) und für den unterirdischen Klettersteig (65 Pfund) müssen Kinder mindestens zehn Jahre alt sein, für die Trampolins (ab 20 Pfund, rund 22 Euro) ist die Altersgrenze sieben Jahre. Und im Hochseilgarten dürfen schon Dreijährige in Netzen zwischen den Wipfeln herumtoben (ab 13 Pfund, rund 14 Euro) und im Zweierbob die Schienen hinab sausen (ab 19 Pfund, rund 21 Euro). Der Adventure Parc Snowdonia lässt Kinder ab fünf Jahren Surfen lernen, die gleiche Altersgrenze gilt für die neue Halle. Es gibt einzelne Surfstunden mit Lehrer (ab 40 Pfund, rund 44 Euro) und bis zu dreitägige Kurse (250 Pfund, rund 278 Euro).

Daneben werden in Nordwales viele weitere Outdoor-Aktivitäten angeboten: zum Beispiel Coasteering, bei dem man Klippen entlang kraxelt und ins Meer springt, Klettern an den Bergen des Snowdonia Nationalparks oder Mountainbiken in Coed Llandegla.

Unterkunft: In Nordwales finden Urlauber alles vom Luxushotel bis zum einfachen Bed & Breakfast. Direkt neben dem Adventure Parc Snowdonia können sich bis zu vier Gäste für 65 Pfund (rund 72 Euro) eine spartanische Campinghütte teilen.

Informationen: Zipworld im Snowdonia Nationalpark und Adventure Parc Snowdonia und Visit Wales, Tel.: (+44) 0333 006 3001, E-Mail: info@visitwales.com

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