Kuba

Über die meisterhaften Tricks der kubanischen Betrüger

Havanna.  Sie tauchen aus dem Nichts auf, kennen die besten Bars und den leckersten Rum. Aus purer Nächstenliebe handeln sie jedoch nicht: Kubas Jineteros.

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Es ist heiß, um die 30 Grad im Schatten. Schon jetzt, um kurz nach zehn am Morgen, lastet eine drückende Schwüle über der Stadt. Die Küste ist nur ein paar Gehminuten entfernt, doch die Luft, abgasgeschwängert von ungefilterten Oldtimermotoren und den schwarzen Auspuffschwaden der Busse und Lkw, bringt keine Brise vom Meer. Havanna, erster Morgen. Wir sind auf dem Weg zur historischen Altstadt, wie alle Touristen, die gerade in der kubanischen Hauptstadt angekommen sind. Von unserer Unterkunft sind es nur wenige hundert Meter zum Weltkulturerbe mit den aufwändig restaurierten Kolonialbauten. Doch die ungewohnte Hitze macht uns zu schaffen, der Schweiß fließt schon aus allen Poren.

Zuckerwasser in Che Guevaras Bar

Im Schatten einer großen Pinie, gleich neben dem Museum, in dem die Granma zu bewundern ist, das Schiff, in dem Fidel Castro und Che Guevara vor der Revolution nach Kuba übersetzten, ruhen wir ein wenig aus. Und das ist der Moment des Angriffs. Plötzlich ist er da, wie aus dem nichts: Francisco, ein dunkelhäutiger Hüne mit Boxergesicht, freundlichem Grinsen und überschäumender Herzlichkeit. „Hello, where you come from?“ – „Germany.“ – „Ah, Germany, Deutschland, gut, gut, alles paletti?”

Francisco strahlt uns an, er wirkt geradezu begeistert, dass er ausgerechnet uns getroffen hat. „My brother three years in Munich. Deutschland gut Land.“ Francisco ist Mitte 20, er geht Arm in Arm mit einer Frau, die er uns als seine Mutter vorstellt, vom Alter passt es. „First time in Havanna? When did you arrive?“ Und wir, von der Hitze gedrückt und ein bisschen verwirrt, sagen tatsächlich: „Yesterday.“

Da hat Francisco schon gewonnen. Gleich in der Nähe auf dem Weg in die Altstadt gibt es eine Bar, sagt er, in der Che Guevara häufig war und geschrieben hat. Die kann er uns zeigen, inklusive Ches Arbeitsplatz. Außerdem wird dort der eisgekühlte Che Guevara Drink serviert. Francisco lacht und scherzt, er ist der geborene Entertainer, unterwegs unterhält er uns mit kleinen Geschichten und Witzen aus dem kubanischen Alltag – oder dem, was Touristen dafür halten sollen. „Havanna – two million people, five million policemen“, feixt er. Das ist zwar völliger Unsinn, aus seinem Mund klingt es sympathisch.

Ein Mojito in Che Guevaras Stammbar

Und dann sind wir da, in der Bar „Angel Tejadillo“, einer schlichten Kneipe mit kubanischem Publikum. Francisco zeigt uns die Heiligtümer. An der Wand ein vergilbtes Blatt mit Fotos von Che Guevara, darüber ein Glocke, die soll der Comandante geschlagen haben, wann immer er im Tejadillo war. Neben der Theke ein kleiner Tisch, darauf eine rostige alte Schreibmaschine, ein Holzstuhl davor, regelmäßig hat Che hier gesessen und gearbeitet, erfahren wir. Und natürlich dürfen wir die Glocke schlagen. Dann kommen auch schon die Che Guevara Drinks, Francisco hat sie nebenbei geordert, auf unsere Kosten, klar, wir sind zu viert, dazu unser neuer Freund und seine Mutter, macht sechsmal eisgekühltes blau gefärbtes Zuckerwasser zum Preis von je fünf CUC, etwa 4,50 Euro. Wir sind ein wenig irritiert, doch sei’s drum: Wir wissen ja noch nicht, dass auf Kuba grandiose Mojitos, Daiquiris und Pina Coladas nirgendwo mehr als drei CUC kosten.

Dann ist der Reiseleiter kurz verschwunden, seine Mutter, eine zurückhaltende Frau in den Vierzigern, erzählt auf Spanisch ein wenig vom Leben in Havanna. Wir verstehen nicht viel, aber immerhin das: Francisco hat einen kleinen Sohn, noch kein Jahr alt, Vladimir, ein Name, der uns – wie sollte es anders sein – zum Lachen bringt. Und schon ist Francisco zurück und sorgt weiter für Unterhaltung. Aus einer Tasche holt er Zigarren und Drei-Peso-Scheine mit dem Konterfei von Che Guevara. Wir rauchen, machen Fotos und fragen uns, wie wir aus der Nummer wieder rauskommen. Okay, sagen wir uns, wir sagen adios und schauen, was passiert.

Jinetero Francisco und das Milchpulver

Francisco macht ein trauriges Gesicht. Ob wir ihm helfen können? Nein, nein, kein Geld, er will kein Geld, es geht um seinen Sohn. Der Junge braucht Milch, doch die gibt es nicht auf Kuba, und Milchpulver ist so teuer, dass er es sich nicht leisten kann. Der arme Vladimir. Wir verstehen nicht recht, woher wir jetzt Milchpulver nehmen sollen, doch Francisco nimmt uns mit nach draußen. Und siehe da, gleich neben der Bar, auf dem Bürgersteig, sitzt ein junges Mädchen an der Wand, eine Straßenhändlerin, im Schoß drei Packungen Milchpulver. Welch eine Fügung! Na gut, soll er es haben, dann haben wir ein würdiges Ende, denken wir. Während wir nach dem Preis fragen, greift Francisco nach den Packungen, sagt gleichzeitig danke und auf Wiedersehen, als wir hören: 30 CUC!

Da setzt ein wenig von unserem gesunden Menschenverstand wieder ein. Mir dämmert, dass das auf Kuba dem Monatsverdienst eines Staatsbediensteten entspricht. Stopp, sagt meine Frau und fällt Francisco in den Arm. Wir entscheiden, dass eine Packung reichen muss. Dafür allerdings will das Mädchen nicht etwa zehn, sondern 15 CUC. Die geben wir tatsächlich ab, und Sekunden später ist Francisco samt Mutter um die nächste Ecke verschwunden. Das Mädchen auch.

Das Blaue vom Himmel – versprochen!

So langsam kommen wir zu uns. Was hat uns die letzte halbe Stunde gekostet? Etwa 40 Euro, für ein bisschen Zuckerwasser – und eine großartige Performance. Ohne seine sanfte, kleine „Mutter“ hätte Francisco keine Chance bei uns gehabt. Und ohne das Milchpulvermädchen hätten wir keine 15 CUC gespendet. Später am Tag kommen wir in eine kleinen Lebensmittelladen. Sieh mal, da liegt ja auch das Milchpulver – zum Einheitspreis von 2,65 CUC.

Jineteros nennt man diese Leute auf Kuba. Junge Männer, die Touristen das Blaue vom Himmel versprechen. Günstige Zigarren, besonders guten Rum, das beste Essen in einem wunderbaren Restaurant, ein Blick in das wahre Kuba, Erlebnisse, die in keinem Reiseführer stehen. Es geht immer um Geld, es ist immer Nepp, es ist viel falsche Freundlichkeit dabei. Wir sind nie mehr auf so etwas hereingefallen. Wer auch immer uns über den Tisch ziehen wollte, entlockte uns nur ein müdes Lächeln. Denn unserem Freund Francisco, dem Meister-Jinetero, konnte keiner das Wasser reichen.

>>>> Reisetipps:

  • Anreise: Mit Air Berlin (www.airberlin.com) ab Düsseldorf nach Havanna oder mit Eurowings (www.eurowings.com) ab Köln/Bonn nach Varadero.
  • Veranstalter: Verschiedene Rundreisen bietet zum Beispiel Dertour ( 069/153 22 55 33, www.dertour.de) an. Bei Tui ( 0511/56 78 01 05, www.tui.com) gibt es die achttägige Busreise „Höhepunkte Kubas“ ab 1229 Euro pro Person (ohne Flüge).
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