Trainer-Rauswurf

Die große Verzweiflung: Bochum zieht die Notbremse

Foto: Bongarts/Getty Images

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Bochum. Der VfL Bochum hat mit Heiko Herrlich als Trainer total daneben gelegen und setzt jetzt auf Dariusz Wosz, um noch den Klassenerhalt zu schaffen.

„Gemeinsam laufen die Wölfe das Reh müde, um im richtigen Moment zuzupacken.“ Heiko Herrlich, 38, liebt Vergleiche aus dem Tierreich. Um in seinem Sprachbild zu bleiben: Das Reh ist gerissen, Herrlich seinen Job los. Der Hoffnungsträger des VfL Bochum tanzte nicht einmal einen Sommer, nach 22 Spieltagen war für den Trainer-Neuling der Bundesliga Schluss. Bochums Kultfußballer Dariusz Wosz, bislang Trainer der A-Jugend, soll nun versuchen das Schlimmste, den sechsten Abstieg nämlich, zu verhindern.

Einen „einwandfreien Charakter“ hat Matthias Sammmer seinem Ziehkind Herrlich einst attestiert, fachlich sei der ehemalige Stürmer auch bereits „fast perfekt“. Lobeshymnen, die heute wie Realsatire anmuten. In Bochum hat Herrlich mit anhaltendem Misserfolg komplett die Beherrschung verloren – und seine Glaubwürdigkeit. Zuletzt dichtete er Joel Epalle eine Verletzung an, obwohl er dem Kameruner nach einem Streit um Schienbeinschoner Trainingsverbot erteilt hatte. Unehrlichkeiten prägten den Alltag, dazu gesellten sich Allmachtsfantasien. Herrlich erhöhte sich selbst und erniedrigte lautstark die Spieler.

Kurios: Herrlich hatte lange Zeit die auf Besserung hoffenden Fans hinter sich, Marcel Koller, sein eigentlicher und in der Öffentlichkeit ungeliebter Vorgänger, konnte dafür auf die Mannschaft zählen. Die Hierarchie im Team, für den Erfolg unabdingbar, hatte Herrlich früh zerschlagen, ohne eine neue zu installieren. Getreu dem absolutistischen Motto: „L’etat c’est moi“ (Der Staat bin ich).

Fußballerisch sei Herrlich überzeugend gewesen, sagte Altegoer

Einer von vielen Kardinalfehlern, über die die Verantwortlichen des VfL jetzt aber lieber nicht sprechen wollen. Die Eskalation innerhalb der Mannschaft und gegenüber den Medien, auch der von Herrlich öffentlich geäußerte Maulwurfsverdacht gegenüber dem eigenen und aus der „Vor-Herrlich-Ära“ stammenden Funktionsteam, das alles sei „nicht ausschlaggebend“ für die Entscheidung gewesen, ihn zwei Jahre vor dem Vertragsende freizustellen, sagte Sportvorstand Thomas Ernst. Und Aufsichtsrats-Boss Werner Altegoer mochte seinem dritten Ex-Trainer in dieser Saison „nichts vorwerfen außer dem Tabellenplatz“.

„Fußballerisch überzeugend“ sei Heiko Herrlich gewesen, sagte Altegoer unbeirrt und blendete dabei des Ex-Trainers weitgehend sinnfreie, an Experimente am offenen Herzen gemahnende und am Ende regelrecht konfuse Rotation einfach aus. Herrlich selbst suchte offenbar nicht mal nach Argumenten, die zunehmende Kritik an seiner selbst-herrlichen Arbeit zu widerlegen, die er leichthin als „Schwachsinn“ abtat.

Immerhin räumt man inzwischen auf der Führungsebene ein, so Thomas Ernst, „dass Erfahrung grundsätzlich ein großes Gut ist“. Auch sei es wohl „immer ein Risiko, wenn man einen Newcomer nimmt“. Übersetzt ins Klardeutsche darf man das als Eingeständnis werten, komplett daneben gelegen zu haben bei der Wahl des neuen Übungsleiters.

„Den Spielern ehrlich die Meinung sagen“

Der „letzte Strohhalm“, wie Ernst sagte, und damit der vierte VfL-Trainer in dieser Saison nach Marcel Koller, Frank Heinemann und Heiko Herrlich heißt Dariusz Wosz, ist 40 Jahre alt und hat 324 Bundesliga-Partien als Spieler auf dem Buckel. Der Ex-Nationalspieler hat bereits angekündigt, am Samstag bei den Münchener Bayern „erfrischend nach vorne spielen“ zu lassen - „mit zwei Stürmern, einem Mittelfeld, einer Abwehr, einem Torwart und einem Ball“. Unerhörte Töne von einem, der auf dem Trainingsplatz in der Kürze der Zeit wohl nicht mehr viel wird bewirken können, aber vielleicht etwas in den Köpfen und Herzen der Spieler.

„Wie ein Vater“, so Wosz, müsse man als Trainer sein und „den Spielern ehrlich die Meinung sagen“. Durchaus streng, aber gerecht und in den Entscheidungen immer nachvollziehbar – so soll es sein, so war es offenbar aber nicht. Was geradewegs in die Misere und zu zehn sieglosen Spielen führte. Obwohl es sich, sagt Wosz, um „eine gute Mannschaft“ handelte „Und deshalb steigen wir auch nicht ab.“

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