Fußball-Europameisterschaft

Eine EM zwischen Aufbruch und Angst

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Fans auf den Tribünen – ähnlich wie hier beim Spiel Deutschland gegen Lettland in Düsseldorf wird es auch bei der EM aussehen.

Fans auf den Tribünen – ähnlich wie hier beim Spiel Deutschland gegen Lettland in Düsseldorf wird es auch bei der EM aussehen.

Foto: firo Sportphoto

Essen.  Bei der Europameisterschaft geht es vor allem um einen sicheren Ablauf. Uefa-Chef Aleksander Ceferin versucht dennoch, Euphorie zu erzeugen.

Das Olympiastadion von Kiew hatte sich am 30. Juni 2012 fein herausgeputzt, an der Fassade waren bereits die Hinweise aufs Finale zwischen Spanien und Italien angebracht, auf dem großen Vorplatz wehten die bunten Flaggen der EM-Teilnehmer sanft im Wind, als die Europäische Fußball-Union zur Abschlusspressekonferenz bat. Mit dem damaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini, dem Strippenzieher, der bereits die nicht unumstrittene Vergabe nach Polen und in die Ukraine orchestriert hatte.

Klar war zu diesem Zeitpunkt nur: Die EM 2016 würde in Platinis Heimat Frankreich ausgerichtet. Dann kam der einstige Spielmacher mit einer fixen Idee um die Ecke: „Wir können in zwölf Städten in einem Land spielen, aber auch in zwölf Städten in ganz Europa. Das Exekutivkomitee hat mir die Erlaubnis erteilt, den Verbänden diesen Vorschlag zu unterbreiten.“ Viele Funktionäre wirkten damals genauso überrumpelt wie die Journalisten. Ein Gewitter kritischer Fragen prasselte auf Platini ein. Doch dieser Vorstoß war noch besser vorbereitet als jener Freistoß, mit dem der filigrane Franzose sein Land 1984 im Endspiel gegen Spanien zum EM-Titel geschossen hatte.

Im Hintergrund war längst abgeklopft, dass vor allem osteuropäische Nationen eine große Chance witterten, so mal in den Genuss einer EM-Ausrichtung zu kommen, Ungarn, Aserbaidschan, natürlich Russland als WM-Ausrichter 2018 waren rasch in Habachtstellung. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban, der aserbaidschanische Autokrat Ilham Alijew und erst recht der russische Staatschef Wladimir Putin haben den Sport schon lange als machtpolitisches Fanal missbraucht. Daher ist es kein Zufall, dass Budapest, Baku, St. Petersburg, das kürzlich noch mal flugs die dem Standort Dublin entzogenen Gruppenspiele übernahm, und Bukarest jetzt unter den elf Ausrichterstädten auftauchen.

Riskante Expansionspläne

Zwar fanden Fans sogleich wenig Gefallen daran, quer durch Europa zu reisen, aber weil Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz keine größere Rolle spielten, beschloss das Uefa-Exekutivkomitee die paneuropäische Euro 2020. Verkündet übrigens vom heutigen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, der für derlei Expansionspläne schnell zu haben war. Als Aleksander Ceferin den Uefa-Vorsitz übernahm – Platini war kurz vor seinem Heimturnier über Ethikverstöße gestürzt – vermied der Slowene, dieses Event wieder gesundzuschrumpfen, obwohl ihn einige Zweifel plagten.

Die verschiedenen Sprachen, Zeitzonen und Einreiseregeln erfordern riesigen organisatorischen Aufwand – als das Corona-Virus im vergangenen Jahr auch den Fußball infizierte, schien vorübergehend das ganze Vorhaben geplatzt zu sein. Mit der Absage ließ sich die Uefa viel Zeit, weil zu viel Geld daran hängt. Kurz nachdem am 17. März 2020 die Verschiebung um ein Jahr beschlossen wurde, gab Turnierdirektor Martin Kallen zu, dass die Uefa bereits mehrere hundert Millionen Euro verloren hatte: „Es ist viel Geld, das wir von unseren Reserven nehmen. Aber wir versuchen, den Schaden zu minimieren.“ 2016 hatte die Uefa allein 2,163 Milliarden Euro über die Wettbewerbe mit Nationalmannschaften eingenommen, vorrangig durch die EM.

Noch immer ist Corona nicht besiegt, wie aktuell die positiven Fälle bei den EM-Teilnehmern Spanien und Schweden zeigen. Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen sind die Fußball-Blasen nicht dicht. Und wenn sich immer wieder Spieler anstecken, was ist erst mit den Zuschauern? Ceferin hatte ziemlich unverhohlen von den Ausrichterstädten verlangt, die Rückkehr in die Stadien zu garantieren. Überall gehen nun die Tore auf – zwischen 20 Prozent (München) und 100 Prozent (Budapest) der Kapazität werden genutzt. Der Regelfall ist jener, der zum Eröffnungsspiel zwischen Italien und Türkei an diesem Freitag (21 Uhr/ARD) in Rom greift, wo etwa jeder vierte Platz belegt sein soll. Die Stimmung, die Bilder sind für die Uefa enorm wertvoll – gerade auch gegenüber den Sponsoren.

Ein Wagnis an allen Schauplätzen

„Fußball ohne Fans ist nicht dasselbe, und es ist sehr wichtig, sie zurück zu haben“, betont Turnierchef Kallen. Dieses Nationenturnier soll das Kontrastprogramm zu den Geisterspielen in den Vereinswettbewerben setzen. „Es wird die erste Veranstaltung von weltweiter Dimension sein, die seit Ausbruch der Pandemie durchgeführt wird – die perfekte Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass Europa anpassungsfähig ist“, beteuert Uefa-Boss Ceferin und fügt an: „Europa lebt und feiert das Leben. Europa ist zurück.“

Doch die Organisatoren wissen, dass sie an allen Schauplätzen ein Wagnis eingehen. Denn es ist eingedenk stets nicht vorhersehbarer Corona-Entwicklungen eben nicht sicher, dass alles bis zum Finale am 11. Juli in London rund läuft. Fast schon flehentlich appelliert der Schweizer Kallen an die Fans, vernünftig zu sein, pünktlich zu kommen, Maske zu tragen und „wenn möglich, Abstand zu anderen zu halten“. Ob das gelingt, wenn vor und nach den EM-Spielen die Gastronomie geöffnet hat und reichlich Alkohol fließt, erscheint fraglich. Es wird ein Experiment. Irgendwo zwischen Aufbruch und Angst.

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