Fußball

Engelbrecht fordert: "Wir müssen Herzen häufiger anschauen"

Ist nach Bochum zurückgekehrt: Daniel Engelbrecht. Der 28-Jährige arbeitet als Co-Trainer der U19.

Ist nach Bochum zurückgekehrt: Daniel Engelbrecht. Der 28-Jährige arbeitet als Co-Trainer der U19.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Bochum.  Daniel Engelbrecht war der erste Fußballprofi, der mit Defibrillator gespielt hat. Nun hat er die Karriere beendet – und fordert Änderungen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Angst ist immer da. Nicht nur vor dem Tod. Oder dem Rollstuhl. Sondern auch vor dem Defibrillator. Diesem Schockgeber, der unter das Schlüsselbein und den Brustmuskel von Daniel Engelbrecht transplantiert wurde. Ihm das Leben retten soll, dies auch macht, dabei aber grausame Schmerzen versucht. „Als würde ich von innen verbrennen.“

Dreimal schon musste der Defibrillator eingreifen, zuletzt beim Training in Essen. Als Daniel Engelbrecht es im Sommer 2017 noch einmal bei Rot-Weiss versuchte. Wieder scheiterte. Nicht wegen der fußballerischen Fähigkeiten, eigentlich könnte er viel höher als Regionalliga spielen. Sondern wegen seines Herzens. Bilder zeigen, wie er auf dem Boden liegt, nach Atem ringt. Es folgten Operationen, erneute Comeback-Pläne wurden geschmiedet. Aber jetzt, im Dezember 2018, weiß er, dass er nicht auf den Platz zurückkehren kann. Die Karriere ist vorbei.

Offenbar eine Erkältung verschleppt

Deswegen empfängt der 28-Jährige im Vip-Bereich des Bochumer Ruhrstadions. Beim VfL arbeitet er heute als Co-Trainer der U19. Es ist eine Rückkehr zu dem Verein, bei dem er seine beste Zeit erlebte. Eine Karriere einläutete, die eigentlich großartig werden sollte.

Doch irgendwann muss Daniel Engelbrecht eine Erkältung verschleppt haben. Vielleicht wurde auch eine Infektion nicht erkannt. Jedenfalls entzündete sich sein Herz. Zunächst unbemerkt. Bis er im Juli 2013 im Trikot der Stuttgarter Kickers zusammenbrach, den Tod vor Augen. Am Ende hatte er Glück – und doch sucht er seitdem danach. Weil ihm der Fußball fehlt.

Immerhin kann er seine Bekanntheit nutzen, um zu warnen. Deutschland kennt ihn. Über seine Krankheitsgeschichte wurde viel berichtet. Weil Engelbrecht, nachdem bei ihm eine Herzrhythmusstörung und eine Herzmuskelentzündung diagnostiziert wurden, als erster deutscher Profi mit einem Defibrillator weiterspielte. Im ersten Spiel sogar das entscheidende Tor schoss. Doch als Rückschläge folgten, die Helden-Geschichte Risse bekam, weil die Gesundheit nicht mitspielte, wurde auch die Berichterstattung weniger.

Heute fordert der Stürmer, dass sich die Öffentlichkeit stärker mit den Gründen für Herzerkrankungen im Fußball beschäftigt. Nur so könne ein Umdenken einsetzen.

Zwar sind Zusammenbrüche bei Fußballern eine Seltenheit, doch die Folgen sind häufig dramatisch. 2018 etwa starb der italienische Nationalspieler Davide Astori (AC Florenz). 2017 der Ivorer Cheik Tioté (Beijing Enterprises). 2016 der Kameruner Patrick Ekeng (Dinamo Bukarest). Adbelhak Nouri, Profi bei Ajax Amsterdam, ist erst im August dieses Jahres aus dem Wachkoma aufgewacht, nachdem er ein Jahr zuvor in einem Testspiel gegen Werder Bremen kollabiert war. Die Ursachen für die Unfälle sind verschieden, wie Professor Hans-Georg Predel erklärt.

Es braucht Aufklärung bei Fußballern und Trainern

Der Herz-Kreislauf-Spezialist leitet das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. Laut Predel können Zusammenbrüche an einer Vorerkrankung am Herzen liegen, die nicht diagnostiziert wurde. „Oder auch an einer Herzmuskelerkrankung, die meistens durch kardiotrope Viren verursacht wird.“ Viren also, die speziell auf das Herz wirken. Die Konsequenzen? Man müsse systematische Screenings durchführen. Außerdem brauche es Aufklärung – bei Fußballern, aber auch bei Trainern. Predel: „Bei einem Infekt darf man sich nicht intensiv belasten, das kommt aber – nach unseren Erfahrungen – immer noch häufig vor.“

Auch, weil die tragischen Fälle oft nur für einen kurzen Moment im Fokus stehen. Kurz wird über Maßnahmen diskutiert, werden Änderungen angeregt. Bis der Fußball wieder in alte Muster verfällt, in denen eine Erkältung gerne als Lappalie angesehen wird, die man ja auch ausschwitzen könne.

„Profisportler müssen funktionieren“, meint Daniel Engelbrecht, „wegen einer Grippe will man nicht zurückstecken.“ Er fordert: „Wir müssen uns viel häufiger die Herzen der Spieler anschauen.“

Dass Untersuchungen Leben retten können, beweist der VfL Bochum. Baris Ekincier gehört dort zum Zweitliga-Kader, träumt mit seinen 19 Jahren ebenfalls von der großen Karriere. Allerdings wurde bei einem Test des Herz-Kreislauf-Systems ein Fehler in seinem Herzen gefunden. Nun pausiert er. Vorerst. Daniel Engelbrecht hat ihm Tipps gegeben. Und ihm geraten, nicht zu ungeduldig zu sein.

Auch Sebastian Neumann hat sich gemeldet. Der 27-Jährige verteidigt im Trikot des Zweitligisten MSV Duisburg und ist der Nachfolger von Daniel Engelbrecht – als derzeit einziger deutscher Profi mit einem implantierten Defibrillator. Ursache dafür ist eine Herzerkrankung, die vor drei Jahren bei einer Routine-Untersuchung diagnostiziert wurde. „Ich habe hart an mir gearbeitet“, sagt Neumann. „Mittlerweile denke ich nicht mehr daran. Es gehört zum Alltag.“

Schalke-Legende Asamoah muss Medikamente nehmen

Auch Gerald Asamoah hat mit einem Herzfehler Fußball gespielt. Die Schalke-Legende leidet unter einer Verdickung der Herzscheidewand, die im Alter von 19 Jahren diagnostiziert wurde. Trotzdem brachte es Asamoah auf 323 Bundesliga-Spiele für Hannover, Schalke, St. Pauli und Fürth, jubelte über 50 Tore. „Ich liebe Fußball, deshalb wollte ich unbedingt weiterspielen“, erklärt er. In Deutschland sei ihm ein Karriere-Ende nahegelegt worden, aber „ich habe mich dann in den USA untersuchen lassen, dort wurde das Risiko eines Herzstillstandes auf ein Prozent beziffert. Also sehr gering. Deshalb bin ich wieder auf den Platz.“ Seitdem musste Asamoah jedoch Medikamente nehmen und am Spielfeldrand stand immer ein Defibrillator.

Wenn der heute 40-Jährige nun von Todesfällen erfährt, mache ihn das natürlich betroffen: „Ich denke dann auch immer an meinen eigenen Herzfehler.“

Genauso geht es Daniel Engelbrecht. Er möchte sich jetzt als Trainer weiterentwickeln, weiterkommen. Manchmal mischt er im Training seiner U19 mit, tritt vor den Ball. Natürlich ist die Angst groß, aber die Lust auf Fußball auch.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben