Aufgeregte Diskussion

Abgewinkelt oder schwingend: Streit ums Handspiel

Redebedarf in Sachen Handspiel-Debatte: DFB-Schiedsrichter-Obmann Lutz Michael Fröhlich.

Redebedarf in Sachen Handspiel-Debatte: DFB-Schiedsrichter-Obmann Lutz Michael Fröhlich.

Foto: dpa

Leipzig  Handspiel oder kein Handspiel? Absicht oder keine Absicht? Schiedsrichterentscheidung oder Videobeweis? Die Aufreger auf Schalke, in Stuttgart und Wolfsburg haben die ewig junge Debatte ums Handspiel im Fußball kräftig befeuert.

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Ein fast waagerecht abgespreizter Arm. Ein sehr eng am Körper angewinkelter Arm. Ein sehr nah am Körper schwingender Arm. Ein leicht abgewinkelter Arm. Und immer nur die eine Frage: Handspiel oder nicht.

"Es wäre definitiv hilfreich für alle - für die Schiedsrichter, für die Verteidiger, für die Offensivspieler, wenn da eine klare Linie reinkäme", forderte Willi Orban, Kapitän und Abwehrchef des Champions-League-Aspiranten RB Leipzig und einer der unmittelbar Betroffenen am 22. Spieltag der Fußball-Bundesliga.

Ein Spieltag, an dem es beim 0:0 des FC Schalke 04 und des SC Freiburg, beim 3:1 von RB Leipzig beim VfB Stuttgart und beim 3:0 des VfL Wolfsburg gegen den FSV Mainz strittige Szenen gab. Mal Elfmeter nach Videobeweis wie nach Orbans Handspiel in Stuttgart. Mal eine Handelfmeterentscheidung, die durch den Videoschiedsrichter wieder zurückgekommen wurde wie auf Schalke. Sicher ist wieder einmal, der Videoreferee hat Regeldiskussionen nicht beendet - im Gegenteil.

"Da muss eine klare Definition, vielleicht auch eine klare Regeländerung, damit es für alle klar ist. So ist es nicht klar. So stehst du jede Woche im Stadion und musst darüber diskutieren, als Beteiligter macht das keinen Spaß", sagte Orban. Mitspieler und Angreifer Yussuf Poulsen hat wie manch andere das Gefühl, "dass mittlerweile die Schiedsrichter jedes Handspiel im Strafraum pfeifen".

Manchmal pfeift es der Schiedsrichter auf dem Platz und nimmt es nach Intervention des Videoschiedsrichters aber wieder zurück - und es stellt sich die Frage, warum der Videoreferee überhaupt eingegriffen hat. So wie auf Schalke in der 81. Minute. Die Aktion von Schalkes Omar Mascarell bei einer Rettungsgrätsche nah der Außenlinie war nach eingehendem Studium der Bewegtbilder doch nicht elfmeterwürdig. "Klar, wir leben in einem Technologie-Zeitalter. Aber ich bin altmodisch. Ich hätte es lieber so wir früher", meinte Freiburgs Trainer Christian Streich.

Selbst Deutschlands ehemaliger Vorzeigeschiedsrichter Markus Merk war als Sky-Experte erstaunt, dass der Videoassistent sich eingeschaltet hatte. Das soll er eigentlich nur bei klaren Fehlentscheidungen machen. Merk aber meinte: "Es ist Fakt, dass es keine klare Fehlentscheidung war."

Also, was denn nun? Hand oder nicht? Darf sich der Videoschiedsrichter einschalten oder nicht? "Dialog und Diskussion gehören zum Fußball dazu", kommentierte Lutz Michael Fröhlich, der Sportliche Leiter der Elite-Schiedsrichter beim Deutschen Fußball-Bund die regelmäßig aufflammende Debatte.

"An der aktuellen Diskussion um das Handspiel stört mich aber, dass immer wieder davon geredet wird, dass es sich um eine neue Regelauslegung handele. Das stimmt nicht", betonte Fröhlich. Der 61-Jährige ging die strittigen Szene durch und unternahm den Versuch einer weiteren Aufklärung. Abgespreizt, angewinkelt, schwingend, eng und nah am Körper - vor allem die Armhaltung spielt eine Rolle.

Das Problem aber: Es ist und bleibt eine Auslegungssache. Schwingt der Arm mit Absicht zum Ball, ist er absichtlich so abgespreizt, dass er die Flugbahn des Balles kreuzt? Handspiel ist im Fußball eben nicht gleich Handspiel.

Dazu mal ein Blick in eine andere Sportart, wie man so ein Problem auch lösen könnte. Beispiel: Hockey. Bekommt ein Spieler oder eine Spielerin den Ball im Schusskreis unter anderem an den Fuß, gibt es eine Strafecke. Ob er oder sie den Ball mit dem Fuß aktiv berührt oder der Gegner bewusst darauf gezielt hat - völlig egal.

In Regel 12 beim DFB heißt es nun aber: "Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt." Helfen sollen folgende drei Punkte. Die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand), die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwarteter Ball), die Position der Hand (das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen).

Für eine Reform der Handspiel-Regel hat sich auch der ehemalige Bundesliga-Referee Thorsten Kinhöfer stark gemacht. "Die Messlatte, wann Hand Hand ist, muss meiner Meinung nach viel höher gelegt werden", schrieb der 50-Jährige in der "Bild am Sonntag". Es dürfe nur Elfmeter geben, "wenn es wirklich ein klares, bewusstes Handspiel ist". Und nicht, weil der Arm im "Luftkampf vielleicht 40 Zentimeter vom Körper entfernt ist und angeschossen wird".

Natürlich sei es eine Definitionsfrage und damit per se schwierig. "Aber unkonkreter und unübersichtlicher als derzeit kann die Regel kaum werden", meinte Kinhöfer. Ein Konkretisierung würde den Leitenden das Leben erleichtern, meinte Orban: "Man muss es dem Schiedsrichter auch einfacher machen."

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