Fußball

Die Folgen des Rücktritts von Mesut Özil aus dem DFB-Team

Spielt seit 2013 für den FC Arsenal: Mesut Özil.

Spielt seit 2013 für den FC Arsenal: Mesut Özil.

Foto: imago

Essen.  Vor einem Jahr trat Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft zurück. Seine Entscheidung und die Reaktion des DFB brachten eine gesellschaftliche Debatte ins Rollen.

Maike Selter-Beer genießt den Sommer. Als Direktorin der Gelsenkirchener Gesamtschule Berger Feld hat sie wie viele Kollegen in Deutschland gerade schulfrei. Doch diese Ferien sind für Maike Selter-Beer anders. Ruhiger. „Der letzte Sommer stand unter weniger entspannten Vorzeichen“, sagt sie. Wegen eines ehemaligen Schülers: Mesut Özil.

Das Drama in drei Akten

Vor einem Jahr trat der Fußball-Profi des FC Arsenal aus der deutschen Nationalmannschaft zurück. Nach seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, nach wochenlangem Schweigen, nach einer kochenden Integrationsdebatte und einer historisch schlechten Weltmeisterschaft meldete sich Özil via Twitter zu Wort. In einem Drama in drei Akten rechnete er mit Reinhard Grindel, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), ab. „In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Migrant, wenn wir verlieren.“ Und der Ex-Schalker teilte auch gegen seine ehemalige Schule aus. Wegen seines Fotos mit Erdogan habe seine Schule ihn von einem Besuch ausgeladen, aus Angst vor den Medien und einer rechten Partei, vermutete der gebürtige Gelsenkirchener. „Um ehrlich zu sein, das schmerzt.“

Der Schmerz saß nicht nur bei Mesut Özil tief. „Das hat mich schon sehr getroffen, dass er enttäuscht war. Für eine Schulleiterin ist es nicht angenehm zu wissen, dass ein ehemaliger Schüler so über seine alte Schule denkt“, sagt Maike Selter-Beer ein Jahr später und betont, dass es allein um den Termin seines Besuches ging. „Im Kollegium waren wir uns einig und hatten uns nichts vorzuwerfen. Aber der Hype, der über die Schule hineingebrochen ist, war schon heftig. Das hat viel Energie gebunden, die wir so dringend für unsere schulische Arbeit benötigen. Ich wünsche mir, dass das nicht noch einmal passiert.“

Kooperationsschule des FC Schalke 04 im Fokus

Die Abrechnung wurde hunderttausendfach geteilt, Berger Feld, die Kooperationsschule des FC Schalke 04, war ungewollt Thema und ließ eine ratlose Schulleiterin zurück. Es habe bis heute keinen Kontakt zu Özil gegeben, „weil dieser nur über Zwischenleute und Mittelsmänner möglich war. Ich hätte mir einen persönlichen Kontakt gewünscht, aber ich bin nicht an ihn herangekommen“.

Özil verschwand, seine Vorwürfe nicht. Für Grindel hatte die Debatte zunächst keine Folgen. Erst nach der Affäre um eine geschenkte Uhr trat der DFB-Präsident Anfang April zurück. Und für die Basis? Welche Folgen spürte der Amateurfußball?

DFB bemerkt keine Veränderung

Keine. „Mesut Özils Rücktritt hat auf unsere Fußballvereine keine Folgen gehabt“, sagt Jürgen Kreyer, Integrationsbeauftragter und Vize-Präsident des Fußballverbands Niederrhein (FVN), „im Gegenteil. Für die Vereine ist Integration Tagesgeschäft.“ So berichten es auch andere Landesverbände und Vertreter, so sieht es auch der DFB. „Die Mehrheit türkischstämmiger Jugendspieler hat sich schon immer für die deutschen Nationalteams entschieden. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich durch den Fall Özil etwas ändert“, sagte der für Sozial- und Gesellschaftspolitik zuständige DFB-Vizepräsident Eugen Gehlenburg.

Der FVN, zu dem die Ballungszentren Düsseldorf, Duisburg und Essen gehören, hat schon Jahre vor Özils Anklage etwas geändert. 2013 installierte der Verband Vereinsdialoge. Zwölfmal im Jahr fahre die Verbandsspitze zu Vereinen, um über Probleme vor Ort zu sprechen, berichtet Kreyer. Und seit 2016 gebe es einen hauptamtlichen Integrationsbeauftragten.

Viktoria Wehofen als positives Beispiel

Philipp Theobald arbeitet täglich als solcher mit den Vereinen am Nieder- und am Mittelrhein. „Die Debatte war äußerst unangenehm, die Vereine waren anfangs verängstigt, aber es sind keine Nachwirkungen mehr zu spüren.“ Theobald betont, dass Integration an Rhein und Ruhr längst ein Thema war, genauso wie die Probleme: Sprachhürden, der Mangel an Ehrenamtlern und die komplexen Anforderungen des deutschen Fußballs etwa bei Spielerpässen. Statt negativer Beispiele sieht Theobald vermehrt positive. Wie Viktoria Wehofen. Der Duisburger Verein integriert seit Jahren Geflüchtete in sein Herrenteam.

Auf den Fluren von Maike Selter-Beers Schule ist das Thema Özil abgeebbt. Das Integrationsprojekt, das Özil unterstützt habe, sei „weiterhin erfolgreich“. Demnächst könnte der 30-Jährige wieder Gesprächsstoff liefern: In der vierten September-Woche feiert die Gesamtschule Berger Feld ihr 50-jähriges Bestehen. „Wir haben die Profifußballer, die bei uns zur Schule gingen, um eine Videobotschaft gebeten, auch Mesut Özil. Wir würden uns sehr freuen, wenn er sich bei uns meldet.“

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