Revierderby

Dieser Ex-Profi spielte für S04 und BVB - ohne Derbysieg

Theo Bücker (rechts) absolvierte zwischen 1981 und 1983 53 Spiele für S04. Hier ist der Mittelfeldspieler im Zweikampf mit Bayerns Norbert Nachtweih.

Theo Bücker (rechts) absolvierte zwischen 1981 und 1983 53 Spiele für S04. Hier ist der Mittelfeldspieler im Zweikampf mit Bayerns Norbert Nachtweih.

Foto: imago sportfotodienst

Gelsenkirchen.   Theo Bücker erinnert sich am liebsten an die Zeit auf Schalke. In Dortmund fehlte ihm „herzliche Bindung.“ Heute lebt der 70-Jährige im Libanon.

Wenn am Samstag der FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund zum Derby antritt, lässt das auch Theo Bücker nicht kalt. Der 70-Jährige wir das Spiel in seiner Wahlheimat Libanon verfolgen. Und den Königsblauen in Beirut die Daumen drücken.

Der Ex-Profi hat einst für beide Vereine gespielt. Doch wie sich so ein Derbysieg anfühlt, weiß er nicht. Denn Bücker ist der Mann ohne Derbysieg. Weder im Trikot des BVB, noch als Schalker konnte Bücker gegen den jeweiligen Rivalen gewinnen. In fünf Duellen hat er von 1969 bis 1983 selbst mitgewirkt – viermal als Borusse, einmal als Schalker. Seine Bilanz: Zwei Unentschieden und drei Niederlagen.

Theo Bücker, noch immer als Trainer im Libanon aktiv, ist einer der Überläufer. Einer, der beide Seiten kennt. 1969 hat er seine Karriere bei den Schwarz-Gelben begonnen. Über den Umweg MSV Duisburg und Al-Ittihad in Saudi-Arabien landete der Sauerländer 1981 bei S04. Seine Karriere ist eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht. Und eine unvollkommene.

„Denn du willst als Spieler natürlich mindestens einmal auch das Derby gewinnen“, sagt Bücker und lacht. „Vielleicht war das die Strafe aus dem Fußballhimmel dafür, dass ich von der einen Religion zur anderen gewechselt bin.“ Dabei ist er sehr zufrieden damit, dass er genau das getan hat. Obwohl der gebürtige Sauerländer mal Fan des BVB war.

Gerade kommt er vom Training. Auch mit 70 Jahren ist er noch nicht amtsmüde, betreut einen Zweitligisten. „Ein Freundschaftsdienst“, erklärt Bücker. Eigentlich wollte er vor der Saison aufhören und sich nur noch seinen Fußballschulen widmen, aber die Liebe zum Fußball war größer.

Als er zum ersten Mal in einem Derby mitwirken durfte, erlebte der ehemalige Mittelfeldspieler gleich Historisches. „Es war das Spiel, bei dem Friedel Rausch nach dem Schalker 1:0 von einem Schäferhund in den Hintern gebissen wurde, nachdem jubelnde S04-Fans den Rasen gestürmt und die Ordner daraufhin die Hunde losgelassen haben“, erinnert sich Bücker. Als direkter Gegenspieler von Friedel Rausch hatte Bücker alles hautnah mitbekommen.

In Bestwig aufgewachsen, stand er früh vor der Glaubensfrage: Blau-Weiß oder Schwarz-Gelb? Als er mit 18 Jahren bei Borussia Dortmund einen Profivertrag unterschrieb, fühlte er sich am Ziel seiner Träume. Aber es fehlte ihm dort die menschliche Wärme. 1972 stieg er mit dem BVB ab, spielte insgesamt vier Jahre für den Verein. „Meine Zeit in Dortmund war nicht schlecht. Aber sie war ohne herzliche Bindung“, meint Bücker rückblickend. „Ich habe dort gearbeitet, mein Geld bekommen und die Sache war erledigt. Schalke war anders.“

Bücker schwärmt von seiner Zeit bei den Knappen. „Man sagt ja: Einmal Schalker, immer Schalker. So ist es auch bei mir. Ich habe in meiner Karriere für viele Klubs gespielt oder gearbeitet. Aber in keinem anderen Verein war die Atmosphäre, wie sie auf Schalke war.“ Wenn der S04 auflaufe, dann hüpfe das Herz, als sei er selbst noch dort. „Die Gemeinschaft, die massive Unterstützung der Fans, diese Liebe und Hingabe: Das sind alles Dinge, die habe ich in meiner weltweiten Reise durch den Fußball so nur in Gelsenkirchen erlebt.“ Er zitiert seinen im vergangenen Jahr verstorbenen Mitspieler Bernd Thiele: „Bernd sagte mal in einem Gespräch unter uns Spielern: „Eins will ich euch allen sagen: Wer für Schalke nicht gespielt hat, hat Fußball nie kennengelernt.“ Genau so sei es.

Seit 35 Jahren ist der ehemalige Mittelfeldspieler als Fußballlehrer in der arabischen Welt tätig. So lange, wie kein anderer Deutscher. Er hat in sechs Ländern im Orient als Vereinstrainer gearbeitet, übernahm zweimal die libanesische Nationalmannschaft.

Seit dem Tod seiner ersten Ehefrau vor knapp zwei Jahrzehnten lebt Bücker – inzwischen mit einer Libanesin verheiratet - in Beirut. Die Entwicklung bei den Knappen verfolgt er, als säße er in seiner Eigentumswohnung im Meschede. Die hat er nämlich behalten. Für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn es ihn in die festlich geschmückte Heimat zieht – und vier Wochen im Hochsommer. Bücker fühlt sich ansonsten pudelwohl im Libanon, sagt es sei wie im Paradies. Gerade jetzt im Spätherbst, wenn die Temperaturen dort erträglich werden. Beinahe täglich geht er am Strand, den er von seiner Terrasse aus sehen kann, joggen.

Als Bücker 1981 - im Herbst seiner Kariere – für Schalke kickte, lief im Verein einiges schief. Eine gute Schule für seine Mission als Trainer im Nahen Osten. Nach dem Super-Gau, dem ersten Bundesligaabstieg der Schalker Vereinsgeschichte holte ihn Rudi Assauer aus Saudi-Arabien zum S04. Dorthin folgte Bücker zuvor seinem Mentor, dem Trainerfuchs Dettmar Cramer. Der wollte ihn eigentlich als Spieler vom MSV Duisburg zu Bayern München locken – bevor beide bei den Scheichs landeten. Eine Entscheidung, die Bückers Leben auf den Kopf stellte.

Dazwischen Schalke. „Theo, wir brauchen dich“, flehte Assauer. Sie kannten sich aus gemeinsamen Zeiten beim BVB. Ausgerechnet. Der junge Manager musste eine neue Mannschaft aufbauen und brauchte Erfahrung. Einziges Ziel: Wiederaufstieg. „Der Anruf war eine Ehre für mich. Schalke 04 war eine Berufung. Das halbe Sauerland hat doch getrauert, weil der S04 dort Kulturgut ist“, erinnert sich Bücker.

Als der Aufstieg geschafft war, überredete ihn Assauer, eine Saison dranzuhängen. Der Aufzug rauschte aber wieder nach unten, weil der Favorit aus der Bundesliga die Relegationsspiele gegen Bayer 05 Uerdingen versemmelte. Bücker wurde in der 2. Liga auf Assauers Wunsch Stand-by-Profi und Co-Trainer unter Coach Diethelm Ferner. Bevor es ihn ganz in die Ferne zog.

Wem er am Samstag die Daumen drückt? Der Bessere möge gewinnen, sagt er zunächst – plötzlich ganz diplomatisch. Erzählt etwas von 60:40. Weil er aber weiß, dass er mit so einer wachsweichen Aussage im Ruhrpott nicht durchkommt, legt er sich dann doch noch fest: „Wenn einer gewinnen soll, dann Schalke.“

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