DFB-Analyse

Ein Mann sieht Not: Löw steckt in einem großen Dilemma

Abgang: Ein zerknirschter Bundestrainer Joachim Löw nach dem 0:6-Debakel gegen Spanien in Sevilla.

Abgang: Ein zerknirschter Bundestrainer Joachim Löw nach dem 0:6-Debakel gegen Spanien in Sevilla.

Foto: Pablo Morano / firo Sportphoto

Essen.  Weil Joachim Löw den besten Zeitpunkt für einen Rücktritt verpasste, ist nun die Wahl zwischen Flucht und Verbleib keine gute mehr. Eine Analyse.

Ein Hotel in Freiburg, Joachim Löw hatte es als Ort fürs Interview selbst ausgesucht, er kennt dort die Leute und die Räumlichkeiten. Es war September 2019, an Corona dachte noch niemand. Aufgeräumt erschien der Bundestrainer zu einem Gespräch, das er in jeder Hinsicht zuließ. Er erklärte sich, er gab auch einiges von sich persönlich preis, unangenehmen Fragen wich er nicht aus. Er schaute seinen Gesprächspartner an, er lächelte oft, und höflich ist er sowieso. Wer ihn so erlebt, im direkten Miteinander, käme nicht auf die Idee, ihn abgehoben oder arrogant zu nennen.

Nach der WM 2018 wollte Joachim Löw nicht gehen

Die Nachwirkungen der WM-Pleite ein Jahr zuvor konnte und wollte Joachim Löw nicht leugnen, sie hatten lange an ihm genagt. Aber er wollte diesen Vorrunden-K.o. nicht auf sich sitzenlassen, er hatte direkt nach dem Desaster in Russland den Drang verspürt, zur Wundheilung selbst beizutragen. „Oliver Bierhoff und ich haben uns zusammengesetzt, und wir waren uns schnell einig darin, dass wir weitermachen. Wir waren beide total angefressen, aber wir haben uns gesagt: So gehen wir nicht! Wir beweisen es noch einmal“, erzählte er. Er dachte, er könnte alles wiedergutmachen.

Das war falscher Ehrgeiz.

Heute dürfte es auch ihm dämmern, dass es wohl besser gewesen wäre, direkt nach der WM den Hut zu nehmen und Platz für einen Nachfolger mit neuen Ideen zu machen. Das hätte man ihm als Größe auslegen können, sein Ruf als Weltmeistertrainer von 2014 wäre geblieben. Aber er glaubte, neue Impulse setzen zu können, indem er Routiniers aussortierte und Aufstrebenden mehr Raum zur Entwicklung und Entfaltung gab.

0:6 in Spanien – die höchste Niederlage seit fast 90 Jahren

In dieser Woche ging das Länderspieljahr 2020 zu Ende. Zwölf Spiele lang seit Herbst 2019 war die deutsche Nationalmannschaft ungeschlagen geblieben, häufig hatte es dennoch Kritik wegen später Gegentore und fehlender Stabilität gegeben. Löw verteidigte seinen Kurs, er stand zu seinen Spielern. Doch dann kam der Tag, an dem sie ihn im Stich ließen. Dann kam Spanien, dieses Nations-League-Spiel in Sevilla – mit der Wirkung einer Planierraupe in einem mühsam gepflegten, mit kleinen blühenden Pflänzlein bestückten Vorgarten.

0:6. Höchste Niederlage seit fast 90 Jahren. Ein Ergebnis, das keinen Diskussionsspielraum mehr lässt. Ein Debakel.

Löw kennt die Mechanismen des Geschäfts genau

Joachim Löw ist weder naiv noch dumm, der 60-Jährige kennt alle Mechanismen des Geschäfts, schließlich ist er seit 14 Jahren im Amt und damit der dienstälteste Nationaltrainer der Welt. Er hatte vieles erlebt, eine solche Demütigung aber noch nicht. Sie schockierte ihn, das konnte er nicht verbergen.

Ein Mann sieht Not. Das Dilemma des Joachim Löw könnte nicht größer sein. Er wird wissen, dass er nach einem weiteren vermurksten Turnier unehrenhaft vom Hof gejagt würde. Ginge er jetzt freiwillig, sieben Monate vor der Europameisterschaft, wäre es eine Flucht – und es bliebe der letzte Eindruck. Auch der DFB scheint gerade angesichts fehlender Alternativen keine andere Möglichkeit zu sehen, als Joachim Löw, dessen Vertrag bis 2022 gilt, die Nationalmannschaft auch bei der EM 2021 anzuvertrauen.

Das Vertrauen der Öffentlichkeit aber scheint bereits jetzt verspielt zu sein. Reaktionen in sozialen Netzwerken muss man nicht überbewerten, sie sind oft getrieben von aktueller Emotion. Doch die Meinung, selbst eine Notlösung mit U21-Trainer Stefan Kuntz wäre besser als das Festhalten an Joachim Löw, lässt sich nicht gerade selten lesen.

Kann er es noch? Diese Frage stellen sich auch die Journalisten

Auch die professionellen Kritiker des Landes, Redakteure und Reporter, die Löw lange und gut kennen und die seine Gesamtleistung nicht herabwürdigen wollen, beurteilen ihn zunehmend härter oder rücken gar von ihm ab. „Es geht jetzt darum, das Leistungsprinzip wieder einzuführen“, schreibt die Frankfurter Rundschau und führt aus: „Es wurde von Löw zum Nachteil der Leitwölfe Müller, Hummels und Boateng außer Kraft gesetzt, um den Jungen Raum zur Entwicklung zu schenken. Das ist durch Leistung nicht ausreichend gedeckt worden.“ Die Süddeutsche Zeitung kommentiert: „In Sevilla ist ja mehr als eine heftige Niederlage passiert, es ist der Eindruck einer Enthüllung und Entlarvung entstanden. Die Nationalelf präsentierte sich als dringender Notfall, der nach externer erster Hilfe verlangt, weil der in Ehren ergraute Hausarzt überfordert zu sein scheint.“ Die Bild-Zeitung zieht einen nachvollziehbaren Vergleich: „Wäre Jogi Löw Vereinstrainer, dann hätte er am Tag nach solch einem 0:6 mit hoher Wahrscheinlichkeit das Vormittagstraining schon nicht mehr geleitet.“ Und der Kicker verlangt, Löw müsse „mit Überzeugung nachweisen, dass ihn noch immer die nötige Power und Energie antreiben“. Der Bundestrainer müsse „grundsätzlich präsenter sein und darf nicht seiner Zurückgezogenheit frönen – wenn es nicht schon zu spät ist.“

Die Kernfrage lautet: Kann Joachim Löw die Nationalmannschaft in dieser Stimmungslage überhaupt wieder auf Kurs bringen? Vier Monate verbleiben bis zum nächsten Länderspiel, Zeit für eine umfassende Analyse auch beim Deutschen Fußball-Bund, dessen hochrangige Repräsentanten Fritz Keller als Präsident und Oliver Bierhoff als Direktor am Tag nach der Blamage in Spanien Löw im Amt bestätigten. Wenn sie dabei bleiben, bleibt auch die allgemeine Gereiztheit: Dem Bundestrainer würde schon bei kleinsten Fehlern heftiger Gegenwind ins Gesicht blasen.

Vor einem Monat entzog er sich der Kritik: „Ist mir eigentlich egal“

Noch im Oktober hatte er sich der Kritik mit Selbstgefälligkeit entzogen: „Es ist mir eigentlich auch egal, wer was sagt. Wir wissen schon, was wir machen.“ Und er bekräftigte den Vorwurf der Unnahbarkeit: „Ich stehe über den Dingen.“

Vor einem Jahr, beim Interview in Freiburg, hatte er das etwas genauer erklärt und weniger plakativ. Er verriet, dass er immer versuche, „im Gleichgewicht zu bleiben“. Dass er die Schulterklopfer nach der WM 2014 ebenso richtig einzuordnen wisse wie „das andere Extrem“, die massive Kritik nach der WM 2018. Aber wie will er jetzt, ausgehend von diesem neuen Tiefpunkt, wieder Begeisterung entfachen? Die Diskussion um Joachim Löw wird anhalten, monatelang.

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