Hall of Fame

Ein Festtag für den deutschen Frauenfußball in Dortmund

(L-R) Silvia Neid, Tina Theune, Silke Rottenberg, Renate Lingor, Hannelore Ratzeburg, DFB-Präsident Fritz Keller, Steffi Jones, Inka Grings, Bettina Wiegmann und Nia Kuenzer bei der Ehrung in Dortmund.

(L-R) Silvia Neid, Tina Theune, Silke Rottenberg, Renate Lingor, Hannelore Ratzeburg, DFB-Präsident Fritz Keller, Steffi Jones, Inka Grings, Bettina Wiegmann und Nia Kuenzer bei der Ehrung in Dortmund.

Foto: Getty

Dortmund.  In Dortmund gab es die Aufnahme der ersten Elf des Frauenfußballs in die Hall of Fame. Das lässt sich DFB-Präsident Fritz Keller nicht entgehen.

Es gab einen Moment, in dem wusste Nia Künzer nicht genau, was gerade um sie herum geschah. Es war der 12. Oktober 2003: Das WM-Finale gegen Schweden wurde gespielt, in der Verlängerung gab es einen Freistoß, kurz darauf schlug Künzers wuchtiger Kopfball im gegnerischen Tor zum 2:1 ein. „Warum laufen die alle aufs Feld? Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass das Spiel nun vorbei ist, dass wir gewonnen haben.“ Dass sie Weltmeisterinnen sind.

Weiterer Festtag für den Fußball

Auf den Tag genau 16 Jahre später sitzt die Schützin des Golden Goals im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund und schildert ihre Erinnerungen an jenen Moment. Nun weiß Nia Künzer allerdings genau, was um sie herum geschieht. Als sie von damals erzählt, wird gelacht und geklatscht. Die 39-Jährige sitzt im Scheinwerferlicht auf der Bühne, im Zuschauerbereich kreisen die Sektgläser. Es wird wieder einmal gefeiert, der 12. Oktober 2019 ist ein weiterer Festtag für den Frauenfußball: die Gründungself der Hall of Fame ist angekommen.

28 deutsche Sportjournalisten, darunter auch Peter Müller, Sportchef dieser Redaktion, haben eine Wahl getroffen, die größte Zustimmung fand. Ein halbes Jahr nach der Einweihung durch die Männer nehmen Nia Künzer, Silke Rottenberg, Steffi Jones, Renate Lingor, Silvia Neid, Bettina Wiegmann, Inka Grings und Trainerin Tina Theune ihre Trophäen entgegen, die sie als Teil der Ruhmeshalle auszeichnen. Als Persönlichkeiten, die die deutsche Fußballgeschichte mitgeprägt haben. Die mit ihren Leistungen und Erfolgen dafür sorgten, dass die heutige Spielerinnen-Generation überhaupt erstmals die Fußballschuhe schnürte. Sie sind Pionierinnen, Vorbilder – und nun auch offiziell Legenden.

„Es ist eine große Ehre, dazuzugehören“, sagt Silke Rottenberg. Die 126-malige Nationalspielerin, Welttorhüterin von 2003, lacht viel an diesem Abend. Die acht anwesenden Geehrten berichten von ihren Erfolgen (neun Weltmeister- und 33 Europameistertitel hat diese Auswahl vorzuweisen), von den Partys nach diesen Erfolgen (Renate Lingor: „Und feiern – das konnten wir“), von den ersten Trainingseinheiten im Kindesalter. Während sie spielten, hat sich der Frauenfußball gewandelt. Die Nationalmannschaft entstand (1982), die Bundesliga wurde gegründet (1989). Aus Amateuren, die „ganz normal acht Stunden zur Arbeit und danach zum Training gingen“ (Silvia Neid) wurden bezahlte Sportlerinnen. „Heute ist alles viel professioneller, die Strukturen sind ganz andere. Die heutigen Spielerinnen sind Profis, die gutes Geld verdienen“, sagt Neid.

Es sind Entwicklungen, die sie alle mit angestoßen haben. Silvia Neid, die an allen großen Erfolgen der deutschen Frauen beteiligt war, die als Spielerin, Co- und später als Cheftrainerin Europa-, Weltmeistertitel und Olympiagold gewann. Die entscheidend dazu beitrug, als Fußballerinnen wie Birgit Prinz, Martina Voss-Tecklenburg, Doris Fitschen und Heidi Mohr ihre Teams zu Titeln führten. Prinz und Voss-Tecklenburg fehlten am Samstag aus privaten Gründen, Doris Fitschen wegen gesundheitlicher Probleme. Jüngst hatte die 50-Jährige ihre Krebserkrankung öffentlich gemacht. An dieser Krankheit war Heidi Mohr im Februar im Alter von nur 51 Jahren verstorben. In würdigem Rahmen wurde auch der einst als Europas Fußballerin des Jahrhunderts Geehrten gedacht: „Jeder Trainer wünscht sich solch eine Spielführerin. Sie hatte keine Angst, ging immer vorneweg“, sagt die einstige Bundestrainerin Tina Theune.

Grings trifft fünfmal an Torwand

Erster Gratulant zum Einzug in die Ruhmeshalle war Fritz Keller. Der neue DFB-Präsident hatte die Reise zum EM-Qualifikationsspiel der Männer in Estland um einen Tag verschoben, um diesen Moment mitzuerleben. „Jedem, der nicht zuguckt und sich nicht mit dem Frauenfußball beschäftigt, sage ich: Das ist ein Fehler“, betont der 62-Jährige. Wie wahr seine Worte sind, sollte sich wenig später herausstellen. Torwandschießen im ZDF-Sportstudio, vor dem Fußballmuseum tritt die einstige Torjägerin Inka Grings an. Die 41-Jährige trifft dreimal unten und zweimal oben. Das gelang zuvor nur acht Männern – zuletzt Torwart Frank Rost im Dezember 1999.

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