Analyse

Gewalt im Amateurfußball – Wie groß das Problem wirklich ist

Nicht selten kommt es auf Fußballplätzen in Deutschland zu Gewaltvorfällen. Häufig richtet sich die Wut der Spieler und Fans gegen den Schiedsrichter und seine Assistenten. (Symbolbild)

Nicht selten kommt es auf Fußballplätzen in Deutschland zu Gewaltvorfällen. Häufig richtet sich die Wut der Spieler und Fans gegen den Schiedsrichter und seine Assistenten. (Symbolbild)

Foto: george tsartsianidis / Getty Images/iStockphoto

Essen.  Immer wieder kommt es im Amateurfußball zu Gewalt. Laut DFB verläuft die Mehrheit der Spiele störungsfrei – Experten zeichnen ein anderes Bild.

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Es ist ein Vorfall, der bundesweit für Kopfschütteln sorgte: Bei einem Kreisliga-Spiel in Hessen hat ein Amateurfußballer den Schiedsrichter am vergangenen Sonntag (27. Oktober) bewusstlos geschlagen. Die Partie wurde abgebrochen, das 22-jährige Opfer mit einem Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen. Der Grund für die Attacke: Der Schiedsrichter hatte dem Fußballer kurz zuvor die Gelb-Rote Karte gezeigt.

Auch beim Fußballverband Niederrhein (FVN) hat es in diesem Jahr bereits mehrere Gewaltausbrüche gegeben. Erst im Juni war es in einem Relegationsspiel in Duisburg zu wilden Jagdszenen gekommen, nachdem der Unparteiische zwei Fußballer des Feldes verwiesen hatte. Mitte September erlitt ein Kreisliga-Spieler während einer Schlägerei auf dem Fußballplatz einen doppelten Kieferbruch. Schockierende Einzelfälle oder Zeichen einer zunehmenden Verrohung?

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Seit 2015 veröffentlicht der Deutsche Fußball-Bund (DFB) einmal pro Jahr seinen „Lagebericht Amateurfußball“. Grundlage für die Statistik sind die Spielberichte, die die Schiedsrichter online an den DFB senden müssen. Die Ergebnisse der abgelaufenen Saison: 6.291 von über 1,3 Millionen erfassten Spielen (0.48 Prozent) seien durch eine Gewalthandlung oder Diskriminierung gestört worden. Nur 685 Partien (0,0525 Prozent) mussten laut DFB aufgrund einer solchen Störung abgebrochen werden.

Gewalt im Fußball: Jeder fünfte Schiedsrichter bereits tätlich angegriffen

Bei über 80.000 Spielen pro Wochenende sind das Woche für Woche rund 42 Abbrüche. Sorgt der Amateurfußball also lediglich aufgrund der schieren Masse an Spielen fast ununterbrochen für Negativ-Schlagzeilen? Adrian Sigel kommt in seiner Masterarbeit zu einem anderen Fazit. Der Sportpsychologe hat 2015 insgesamt 915 Schiedsrichter befragt: „Die Interviews ergeben ein unzweideutiges Bild massiver und regelmäßiger Aggressionserfahrungen“, schreibt Sigel. „Beleidigungen sind allgegenwärtig, Gewaltandrohungen häufig, tätliche Angriffe de facto selten, als Drohung jedoch oft vorhanden.“

Dr. Christian Rullang, der 2015 an der Universität des Saarlandes im Rahmen seiner Dissertation insgesamt 4.813 Unparteiische nach ihren Gewalterlebnissen gefragt hat, kommt zu einem ähnlichen Schluss. Zwar seien Beleidigungen und Bedrohungen – bis hin zu Morddrohungen – rein statistisch gesehen „definitiv das größere Problem“. Trotzdem habe rund jeder fünfte Amateurschiedsrichter angegeben, bereits Opfer körperlicher Gewalt geworden zu sein. Die Zahlen decken sich mit den Studien von Sigel und Vester (siehe Grafik).

„Die vom DFB vorgelegten Zahlen sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs“, kritisiert Dr. Thaya Vester. Die 37-Jährige forscht seit acht Jahren zu Gewalt im Amateurfußball und ist Mitglied der DFB-Arbeitsgruppe „Fairplay und Gewaltprävention“. 2013 veröffentlichte Vester eine Studie, in der sie die Antworten von 2.602 Schiedsrichtern aus Baden-Württemberg auswertete. Der „Lagebericht Amateurfußball“ sage laut Vester weder etwas über die Intensität noch unbedingt über die Quantität der Gewaltvorfälle aus.

Nicht alle Gewaltvorfälle werden von Unparteiischen an den DFB gemeldet

„Unter dem Eis verbirgt sich eine Menge an Unsportlichkeiten, die haarscharf an der Gewaltdefinition vorbeischrammen oder erst gar nicht an den DFB gemeldet werden“, so Vester. Andreas Thiemann, Schiedsrichterbeauftragter des Westdeutschen Fußballverbandes (WDFV) und Vorsitzender des Verbandsschiedsrichterausschusses im FVN, bestätigt, dass Schiedsrichter Gewaltvorfälle teilweise nicht in den Online-Bogen eintragen: „Das habe ich selber auch schon mal mitbekommen“, so Thiemann.

Die Gründe seien vielfältig: „Manche Unparteiische sagen: Wenn sich jemand bei mir entschuldigt, melde ich den Vorfall nicht dem Verband“, erklärt Vester. Andere Schiedsrichter seien hingegen unsicher, ab wann eine Beleidigung als Diskriminierung oder ein Foul als tätlicher Angriff zu werten sind und verzichten im Zweifel auf einen Eintrag. „Die Grenze ist sehr fließend“, bestätigt Rullang. Hinzu komme, dass einige Landesverbände die Schiedsrichter nicht ausreichend betreuen und ermutigen würden, solche Fälle konsequent zu melden.

Das Kernproblem sei laut Vester jedoch ein anderes: „Man hat das Gefühl, der Schiedsrichter selektiert vor und notiert nur Beleidigungen, die er persönlich nimmt.“ Es gebe Unparteiische, die Beleidigungen von Zuschauern prinzipiell ignorieren. „Das wird als völlig normal angesehen“, so Vester. Auch Sportpsychologe Sigel beschreibt in seiner Studie einen schleichenden Gewöhnungsprozess, den unerfahrene Schiedsrichter in den ersten Monaten ihrer Tätigkeit durchmachen.

39 Prozent aller Geschädigten auf dem Fußballplatz sind Schiedsrichter

Viele Unparteiische bekämen im Laufe der Jahre ein „dickes Fell“, meint Thiemann, Schiedsrichterbeauftragter des WDFV. Was zur Folge habe, „dass Schiedsrichter Fälle, die Außenstehende viel negativer bewerten würden, schon gar nicht mehr melden“, erklärt Vester. Dementsprechend sei die Gewalt im Amateurfußball laut Thiemann zum Teil auch ein „hausgemachtes Problem“, weil sich Schiedsrichter immer mehr gefallen lassen würden: „So wie der Schiedsrichter im Fußball von den Spielern behandelt wird, wird er in keiner anderen Sportart behandelt.“

Und tatsächlich: Der Sportentwicklungsbericht 2015/16 vom Deutschen Olympischen Olympischen Sportbund (DOSB) besagt, dass Fußball-Schiedsrichter im Vergleich zu Schiedsrichtern anderer Sportarten mehr als doppelt so häufig beleidigt, fast viermal so häufig bedroht und rund dreimal so häufig Opfer eines tätlichen Angriffs werden. Schuld daran sei der Fußball an sich: „Der Sport selbst produziert solche Gewaltvorfälle allein schon durch seine Anlage“, sagt Vester. Fußball sei ein von Emotionen geprägter Kontaktsport, bei dem einzelne Entscheidungen des Unparteiischen im Vergleich zu Sportarten wie Handball einen viel größeren Einfluss auf den Verlauf des Spiels nehmen können.

In der Saison 2017/18 hat der DFB bundesweit 2.866 Angriffe auf Schiedsrichter gezählt. Fast 39 Prozent aller Geschädigten auf dem Fußballplatz waren somit Unparteiische. Berücksichtige man den Umstand, dass auf einen Schiedsrichter insgesamt 22 Spieler inklusive Ersatzbank und Trainerteam kommen, sind Schiedsrichter im Amateurfußball laut DFB „die mit Abstand größte Geschädigtengruppe“.

Tatort Kreisliga: Untere Klassen sind anfälliger für Gewaltausbrüche

Vor allem in den Kreisligen seien Schiedsrichter den Anfeindungen der Spieler ausgesetzt: „In den unteren Klassen verfügen die Fußballer nicht über ein so großes spielerisches Vermögen und auch ein Schiedsrichter, der ‚nur‘ Kreisliga C pfeift, darf nicht an den Fähigkeiten eines Bundesliga-Schiedsrichters gemessen werden“, so Thiemann. Genau das geschehe jedoch, kritisiert Vester: „Viele Spieler und Zuschauer gestehen dem Unparteiischen nicht zu, so fehlerhaft zu pfeifen wie die Jungs auf dem Platz kicken.“

Hinzu komme, dass Schiedsrichter bei Kreisliga-Spielen oft ohne die Unterstützung von Linienrichtern auskommen müssen. Das steigere die Fehleranfälligkeit zusätzlich. Außerdem habe ein Fußballer in der Kreisliga in der Regel viel weniger zu verlieren als ein Bezirks- oder Landesliga-Spieler: „In dem Moment, in dem Spieler Geld verdienen, überlegen sie sich zweimal, ob sie eine Sperre riskieren“, meint Schiedsrichterbeauftragter Thiemann. Für einen Kreisliga-C-Spieler, der ohnehin nur zum Spaß Fußball spiele, habe eine längere Pause hingegen nicht so dramatische Auswirkungen.

Studien zeigen: Einen Anstieg an Gewalt und Beleidigungen gibt es nicht

In einem Punkt gibt Vester dem DFB allerdings Recht: „In Württemberg ist das Gewaltaufkommen im Vergleich zu 2013 konstant bis leicht rückläufig.“ Auch die DFB-Statistiken der vergangenen fünf Jahre geben keinen Hinweis darauf, dass die Anzahl der Spielabbrüche (siehe Grafik) oder Störungen durch Gewalt oder Diskriminierungen bundesweit zugenommen haben.

Um fundierte Aussagen darüber treffen zu können, ob es in jüngster Zeit einen Anstieg an Gewalt und Beleidigungen gab, hat Vester ihre Studie von 2013 im Rahmen ihrer kürzlich veröffentlichten Dissertation wiederholt. „Ich saß staunend vor dem Rechner“, so Vester. „Ich hatte in manchen Punkten exakt die gleichen Ergebnisse wie vor sechs Jahren.“ Auch das Sicherheitsempfinden der Schiedsrichter habe sich kaum verändert: „Vor fünf Jahren fühlten sich noch 72,2 Prozent der befragten Schiedsrichter fast immer sicher, jetzt lag der Wert bei 70,6 Prozent.“

DFB sieht Verbesserungspotenzial bei seinen jährlichen Lageberichten

Trotzdem zeigt sich der DFB nach den jüngsten Vorfällen im Amateurfußball alarmiert. Jeder Gewaltausbruch sei „einer zu viel, jede Form von Gewalt nicht akzeptabel“, schrieb die Verbandsspitze am Mittwoch in einem öffentlichen Statement. Beim DFB sei man sich im Klaren darüber, dass es bei der Erhebung der Lageberichte durchaus Verbesserungspotenzial gebe: „Wir wissen, dass alle Beteiligten weiter daran arbeiten müssen, um diesen zu optimieren“, schreibt DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann auf Anfrage dieser Redaktion.

Gemeinsam mit dengewalt im fußball- briten entwickeln bodycam-app für schirisLandesverbänden wolle der DFB bei den Amateurschiedsrichtern „verstärkt Überzeugungsarbeit leisten“, damit Gewaltvorfälle und Diskriminierungen ausnahmslos an den DFB übermittelt werden. Schließlich liege ein immer präziseres Lagebild im Interesse aller. Darüber hinaus hatte der DFB bereits nach der vergangenen Saison angekündigt, eine bundesweite Umfrage der Schiedsrichter-Obleute und Schiedsrichter-Lehrwarte durchzuführen, um mögliche Lösungsansätze zu erarbeiten. Die Ergebnisse sollen laut Zimmermann Ende November ausgewertet werden.

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