Interview

Gladbach gegen Köln: So bewertet Dreßen seine Ex-Klubs

August 1988: Gladbach-Profi Hans-Georg Dreßen (links) und Bremens Mirko Votava.

August 1988: Gladbach-Profi Hans-Georg Dreßen (links) und Bremens Mirko Votava.

Foto: imago

Mönchengladbach.  Hans-Georg Dreßen spielte für Borussia Mönchengladbach und den 1. FC Köln. Vor dem rheinischen Derby spricht er im Interview über seine Ex-Klubs.

Die Profikarriere von Hans-Georg Dreßen (55) verlief außergewöhnlich. Er wechselte zwischen der Borussia und dem 1. FC Köln hin und her, ehe er 1992 seine aktive Laufbahn beendete. Vor dem Bundesliga-Nachholspiel der Rivalen am Mittwoch (18.30 Uhr/Sky) spricht Dreßen über die Gründe für seine Wechsel, sein prägendstes Erlebnis im rheinischen Derby und die Unterschiede zwischen den beiden Klubs.

Herr Dreßen, wie konnten Sie nur als gebürtiger Gladbacher nach Köln wechseln?
Hans-Georg Dreßen: Bei mir war das ganz einfach: Ich war als Jungspund im eigenen Stall. Und früher galt das nicht so viel. Ich habe mir immer gesagt: Wenn du irgendwo ein doppeltes Gehalt geboten bekommst, brauchst du darüber nicht großartig nachzudenken. Das Finanzielle war bei mir der Grund. Köln war nicht meine große Liebe.


Sie sind sogar zweimal von Gladbach nach Köln gegangen. Das ist sehr ungewöhnlich.
Dreßen: Ich bin dorthin gewechselt und habe kein gutes Jahr gespielt. Ich hatte mit Verletzungen zu kämpfen, konnte meinen sportlichen Anspruch nicht umsetzen. Für die Kölner war ich nicht so ein guter Einkauf. Gladbach hat mich eine Saison später per Leihe zurückgeholt. Dann habe ich mich leider am vorderen und hinteren Kreuzband verletzt. Nach einem Jahr lief die Leihe aus. So bin ich nach Köln zurückgegangen.

Wie haben die Fans auf Ihre Wechsel reagiert?
Dreßen: Ich hatte bei meinem Wechsel nach Köln keine Probleme. Dort bin ich optimal aufgenommen worden. Auch in der Mannschaft gab es keine Vorurteile. Ebenso wenig gab es Schwierigkeiten, als ich nach Gladbach zurückkam. Die Rivalität zwischen den Vereinen bestand zwar früher schon, aber dennoch ist sie heute anders, was auch an der Entwicklung der Fanszenen liegt. Als Spieler war es immer ein großartiges Derby.

Gibt es ein Derby-Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Dreßen: 1984 habe ich mit Gladbach in Köln im Müngersdorfer Stadion abends mit 5:1 gewonnen. Da hat Uli Sude zwei Elfmeter gehalten. Und ich habe das 1:0 geschossen gegen Toni Schumacher geschossen. Der Ball prallte gegen den Pfosten und von Schumachers Rücken ins Tor. Das war für mich etwas ganz Besonderes. Es war mein einziger Derby-Treffer.

Wo liegen die wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Vereinen?
Dreßen: Gladbach steht für Kontinuität. Die Gladbacher haben immer wieder vernünftig gearbeitet. Sie haben nicht alle zwei Jahre das Personal gewechselt, egal in welcher Hinsicht. Sie sind Schritt für Schritt nach vorne gegangen. In Köln gab es schnellere Wechsel. Der mediale Druck in Köln ist auch anders.



Gladbach hat sich auf viele Ebenen weiterentwickelt, auch infrastrukturell. Wo sehen Sie den Klub im Vergleich mit anderen Top-Teams der Bundesliga?
Dreßen: Borussia gehört zu den Top Fünf. Die Entwicklung in den letzten zehn Jahren ist phänomenal. Sie ist auch noch nicht zu Ende. Mit dem Borussia-Park wurde etwas ganz Tolles geschaffen. Der Verein und die Stadt können darauf richtig stolz sein. Auch das hängt mit der Art und Weise der Arbeit zusammen. Dass man zusammen durch gute und schlechte Zeiten geht, ist ein ganz wichtiger Baustein.

Wer sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Personen im Verein?
Dreßen: Es ist wichtig, dass man Sportdirektor Max Eberl Vertrauen schenkt. Es gehört aber auch ein Präsidium dazu, das sich sehr gut beraten lässt. Geschäftsführer Stephan Schippers zum Beispiel macht einen hervorragenden Job. Heute wird generell Teamwork benötigt. Wenn man ein Team in Ruhe arbeiten lässt, trägt diese Arbeit solche Früchte wie in Gladbach. In Köln gab es häufig zwei, drei Leute, die bestimmt haben. Das ist auch ein großer Unterschied zu Gladbach.

Gladbach war der Dauer-Spitzenreiter der Hinrunde und ist durch die Niederlage gegen Dortmund vorerst auf Rang fünf abgerutscht. Enttäuscht Sie das?
Dreßen: Nein, auf keinen Fall. In Gladbach kann man realistisch einschätzen, wo man hingehört. Wenn Borussia unter die ersten Sechs kommen würde, wovon wir mal ausgehen, wäre das ein Riesenerfolg. Eine Qualifikation für die Champions League wäre fast schon wie eine Meisterschaft.

Wie attraktiv finden Sie den Fußball, den Trainer Marco Rose spielen lässt?
Dreßen: Als Zuschauer manchmal hervorragend. Das ist dann sehr schön anzusehen. Generell ist ein Ruck durch die Mannschaft gegangen. Gegen Dortmund war ich aber ein bisschen enttäuscht, weil der Fußball, den Gladbach in der Lage ist zu spielen, mir ein bisschen gefehlt hat, wenn man das zum Beispiel mit der ersten Halbzeit in Leipzig vergleicht.

Was fehlt der Borussia eventuell noch, um dauerhaft ganz oben mitspielen zu können?
Dreßen: Eventuell ein bisschen Konstanz in den Leistungen. Vielleicht auch dieses Glück, dass man die aktuelle Mannschaft noch ein bisschen länger zusammenhalten kann. Und möglicherweise auch noch die eine oder andere optimale Ergänzung dazu. Dass die Gladbacher in den vergangenen Jahren schon immer im oberen Drittel mitspielen, ist schon einmal überragend. 2011 hat der Klub noch in der Relegation gegen Abstieg gespielt.

Ihr ehemaliger Klub Köln galt in der Hinrunde als abstiegsgefährdet. Dann kamen Trainer Markus Gisdol und Sportchef Horst Heldt. Zuletzt gab es zehn Siege aus acht Spielen. Wie ist ein solcher Aufschwung zu erklären?
Dreßen: Das ist schwierig zu erklären. Aber wenn ein neuer Trainer kommt, bringt er auch neue Ideen mit. Er setzt woanders an und setzt auch auf anderes Personal. Markus Gisdol scheint eine Einheit geformt zu haben, die genau das umsetzt, was er will. Am Mittwoch wird es ein ganz schweres Spiel für Gladbach werden. Ich sehe da keinen klaren Favoriten.

Die FC-Fans haben beim Spiel in Paderborn schon vom Europapokal gesungen. Ist das tatsächlich jetzt ein realistisches Ziel?
Dreßen: (lacht) Das geht ja relativ schnell bei den Kölnern. Wenn sie mal einige Spiele gewinnen, gibt es direkt eine andere Erwartungshaltung. Man könnte jetzt natürlich den Phrasenspruch bringen: Im Fußball ist alles möglich. Das wäre so, wenn Köln jetzt keine Spiele mehr verlieren sollte. Aber erst einmal sollte erst einmal froh sein, dass man sich aus der unteren Hälfte befreien konnte und sich nun Schritt für Schritt weiter nach oben arbeiten. Wenn es am Ende eine solche Tabellenposition werden sollte, hat man in Köln alles richtig gemacht.

  • Das Interview mit Hans-Georg Dreßen wurde geführt, ehe feststand, dass die Partie zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus vor leeren Rängen ausgetragen wird.
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