Heynckes

Jupp Heynckes wird 75 - und findet mahnende Worte

Der Trainer-Gigant: Jupp Heynckes mit allen Trophäen, die er 2012/2013 mit dem FC Bayern holte.

Der Trainer-Gigant: Jupp Heynckes mit allen Trophäen, die er 2012/2013 mit dem FC Bayern holte.

Foto: dpa

Essen.  Am Samstag wird Jupp Heynckes 75. Als Spieler und Trainer gewann er viele Titel, jetzt ist er im Ruhestand - und fordert deutliche Veränderungen.

Es ist ruhig geworden um Jupp Heynckes, und das im buchstäblichen Sinne. Mal bellt ein Hund, mal knattert ein Traktor, viel mehr ist nicht zu hören in Fischeln, das zur niederrheinischen Gemeinde Schwalmtal gehört. 130 Einwohner gibt es hier, eine große Straße, die durch den Ort führt, ansonsten Wald, Wiesen, ein paar Höfe. Darunter hinter einem gusseisernen Tor, umgeben von einer dicken Mauer und hohen Hecken: die „Casa de los Gatos“, das Haus der Katzen, ein liebevoll restaurierter Landsitz mit 5000 Quadratmetern Grundstück. Hierhin hat sich Jupp Heynckes zurückgezogen nach einem Leben, das dem Fußball gewidmet war, hier wird er an diesem Samstag mit seiner Frau Iris auf seinen 75. Geburtstag anstoßen.

Seit er im Juni 2018 seine Trainerkarriere beendete, hat sich Heynckes rar gemacht. Eine rauschende Partie, die ihm von der Corona-Pandemie verhagelt worden wäre, war ohnehin nicht geplant. „Große Feten habe ich nie gemacht. Kleine Feiern passen mehr zu meinem Naturell“, hat er kürzlich dem „Kicker“ erzählt.

Heynckes gewann, was zu gewinnen war

Es hat ihn nie auf die große Bühne gedrängt, obwohl er als Fußballer und Trainer die größtmöglichen Bühnen bespielt hat – und gewonnen hat, was zu gewinnen war. Europameister wurde er als Spieler, er zählte zum Weltmeister-Aufgebot, holte mit Borussia Mönchengladbach vier Meistertitel, gewann den DFB-Pokal und den Uefa-Cup, wurde zweimal Bundesliga-Torschützenkönig. Als Trainer kamen zahlreiche Titel dazu, 1998 der Champions-League-Sieg mit Real Madrid und 2013 die Krönung: das Triple mit dem FC Bayern und die Wahl zum Welttrainer.

2018 war dann Schluss, Heynckes vermisst die aufgeregte Fußballbranche nicht: „Ich bin mit mir im Reinen und happy, wenn ich mein Leben in Stille genießen kann“, sagt er. „Ich brauche die Öffentlichkeit nicht.“ Auch in Fischeln, wo er nach dem Triple-Gewinn 2013 mit allen Einwohnern ein Fest feierte, sieht man ihn seltener, seit im vergangenen Jahr sein Schäferhund Cando starb und das gemeinsame Gassigehen wegfiel.

Sorgen um Corona und das Klima

Zweimal die Woche unternimmt er noch lange, stramme Spaziergänge, um sich fit zu halten, er schwimmt zudem und macht Gymnastik. Und er beschäftigt sich stärker mit politischen und gesellschaftlichen Themen. Mit der Corona-Pandemie ohnehin, aber auch mit dem Klimawandel: „Wenn wir so weitermachen, endet alles in einer Katastrophe. Das Coronavirus wird nicht das letzte Problem bleiben, wir müssen unseren Lebensstil, der auf immer mehr Profit ausgerichtet ist, ändern“, findet Jupp Heynckes. Er empfindet deshalb „große Sympathien“ für die Fridays-for-Future-Bewegung. Manchmal denke er sogar daran, „bei einer Klimademonstration mitzumarschieren. Missstände und Ungerechtigkeit kann ich nicht ertragen“.

Es sind Gedanken, für die er als Spieler und Trainer nicht immer einen Kopf hatte – und die in früher Kindheit ganz weit weg waren. Am 9. Mai 1945, einen Tag nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, kam Josef Heynckes im Klinikum Hehn in Mönchengladbach zur Welt. Er war das neunte von zehn Kindern, der Vater schuftete als Schmied, die Mutter betrieb einen Tante-Emma-Laden. Karg sei das Leben gewesen, vermisst habe er aber nichts.

Sein Vorbild war Ferenc Puskas

Denn der kleine Jupp hatte den Fußball. Stundenlang schoss er gegen die Hauswand, jonglierte er mit dem Ball im Hinterhof, und nach der Weltmeisterschaft 1954 wollte er so sein wie der ungarische Torjäger Ferenc Puskas.

Erst einmal aber wurde er mit 17 Angreifer bei Borussia Mönchengladbach, für 160 Mark im Monat, dazu Prämien und ein Opel Rekord, beige mit blauem Dach. In der Regionalliga kamen dann mit Prämien schon 1000 Mark im Monat zusammen, die Lohntüte lieferte er stolz bei der Mutter ab. Und spätestens mit dem Bundesliga-Aufstieg 1965 begann die ganz große Karriere, die bis 1978 dauerte.

Rückschläge als Trainer

Die Trainerkarriere verlief weniger geradlinig. Heynckes haftete lange kein besonders guter Ruf an. Bei Bayern München hatte man ihn 1991 entlassen, bei Eintracht Frankfurt legte er sich mit den Stars Yeboah, Gaudino und Okocha an. Bei Real Madrid musste er trotz des Champions-League-Siegs gehen, weil es in der Liga nur zu Rang vier gereicht hatte. Auf Schalke rief ihm Manager Rudi Assauer hinterher, er sei ein Trainer der alten Schule. In Gladbach trat er zurück, nachdem das Team auf einen Abstiegsplatz gerutscht war und er Morddrohungen erhalten hatte.

Heynckes galt als überehrgeizig, als zu verbissen. Das Bild wandelte sich erst, als ihn der FC Bayern im April 2009 erstmals aus der Fußballrente zurückholte, um Jürgen Klinsmann zu ersetzen, und als er dann weiterzog zu Bayer Leverkusen. Mit einem Mal schwärmte alles von der Ruhe und Gelassenheit dieses erfahrenen Trainers.

„Viele Trainer können sich eine Scheibe davon abschneiden, denn an Ihnen sieht man, was möglich ist, wenn man guten jungen Spielern vertraut, auf sie setzt und ihnen auch schlechte Spiele verzeiht“, schreibt Nationalspieler Toni Kroos, den Heynckes früh förderte, nun in einem Gastbeitrag in der „tz“.

Schweinsteiger schwärmt von einer Tanzeinlage

„Für mich waren die Jahre mit Dir die vielleicht schönsten meiner Karriere“, meint Bastian Schweinsteiger im Mitglieder-Magazin des FC Bayern und blickt mit einem Augenzwinkern auf die Feier nach dem Champions-League-Sieg zurück: „Es gab einen Riesenapplaus, und dann haben wir Dich auf der Tanzfläche erlebt. Unvergesslich! Dieses Rhythmusgefühl in den Hüften! Jetzt wurde uns klar, woran Du die ganze Zeit im Gym gearbeitet hattest.“

Sieben Jahre später ist keine Tanzeinlage geplant: „Meine Frau wird ein tolles Essen zubereiten, dazu trinken wir ein Glas Wein und lassen unsere Gedanken in die gemeinsame Vergangenheit schweifen.“ Bei einem derart prall gefüllten Leben dürfte das eine Weile dauern.

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