Freistoß-Kolumne

Kolumne: Erst die Liebe der Fans macht den Fußball einzigartig

Foto: Montage/Eling

Jerez  Zahlreiche Fans haben sich aufgemacht, um ihre Lieblingsklubs ins Trainingslager zu begleiten. Sie unterstützen ihre Vereine leidenschaftlich.

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Tilman Wälbers hat Epilepsie, die leider zu spät erkannt wurde. Deswegen kann er nicht richtig sprechen, ist geistig beeinträchtig, kann sich ohne seinen Rollstuhl kaum fortbewegen. Trotzdem parkte er jeden Tag am Rande des Fußballplatzes in Jerez de la Frontera. Während dort, in Spanien, die Profis von Borussia Mönchengladbach im Trainingslager schwitzten.

Denn Tilman brennt für die Fohlen. Besucht alle Heimspiele, viele Auswärtsspiele zudem. Seit fünf Jahren begleitet er die Mannschaft in jedem Trainingslager. Auf den Rädern seines Rollstuhls prangt die Gladbacher Raute. Sonderanfertigung. Zahlreiche Borussen haben sich dort schon mit ihrer Unterschrift verewigt. Ich musste mich etwas zu ihm herabbeugen, um zu verstehen, wer sein Lieblingsspieler ist. „Oscar Wendt“, sagte er dann und lachte.

Eigentlich ist Fußball ja nur ein Spiel, bei dem sich 22 Sportler um einen Ball raufen. Ihn dabei natürlich manchmal ganz ansehnlich behandeln. Doch wäre da nicht die Hingabe. Die Leidenschaft. Die Liebe von Menschen wie Tilman, wäre Fußball so bedeutsam wie Joggen. Ganz gut für die Gesundheit also. Mehr nicht.

Doch im Januar haben sich wieder zahlreiche Fans aufgemacht, um ihre Lieblingsklubs ins Trainingslager zu begleiten. Bei Schalke. Oder beim BVB. An jedem Bundesliga-Wochenende pilgern Hunderttausende in die Stadien in Deutschland. Jubeln, schreien, fluchen.

„Die Borussia ist seine große Leidenschaft"

Sie opfern ihren Urlaub. Geben ihr Geld aus. Nehmen Strapazen auf sich. Tilman wurde in Spanien von seinem Vater Paul Wälbers und seiner Mutter Christa begleitet. Er ist zwar schon 30 Jahre alt, wirkt aber nicht nur jünger, sondern könnte so eine Reise nicht alleine stemmen. Seine Familie lebt in Kevelaer, der Vater arbeitet beim Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW in Duisburg. Ein Teil seines Gehaltes gibt er gerne für die Aufenthalte aus, die seinem Sohn so viel bedeuten. Denn: „Die Borussia ist halt seine große Leidenschaft. Sobald der Ball rollt, ist er glücklich.“

Profis können also gerne goldene Steaks verputzen. Sie können gerne in Privatjets durch Europa düsen. Sie können ihr Geld für grelle Sportwagen verjubeln. Allerdings: Sie dürfen keine Steuern hinterziehen, streiken, Vereinsembleme küssen und wenige Monate später woanders unterschreiben.

Vor allem aber sollten sie sich immer bewusst machen, dass der Profi-Fußball seine gesellschaftliche Bedeutung nur durch die vielen besonderen Fans erlangt. Nur dadurch ist er so einzigartig. Nur dadurch lässt sich mit ihm so viel Geld verdienen. Und nur dadurch ist er so wunderschön. Weiterhin.

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