Interview

MSV-Kapitän Moritz Stoppelkamp: „Fußball verlernt man nicht“

Nachdenklich: Moritz Stoppelkamp, seit 2017 Profi des MSV Duisburg

Nachdenklich: Moritz Stoppelkamp, seit 2017 Profi des MSV Duisburg

Foto: André Hirtz / Funke Foto Services

Duisburg.  Wie lebt ein Profi, der nicht im Team trainieren darf? Wie sieht sein neuer Alltag aus? Moritz Stoppelkamp, Kapitän des MSV Duisburg, gibt im Interview einen ausführlichen Einblick.

Moritz Stoppelkamp (33) bestritt sein bislang letztes Spiel mit dem MSV Duisburg am 6. März. Mehr als 12.000 Zuschauer sahen den 1:0-Heimsieg des Drittliga-Tabellenführers gegen den 1. FC Magdeburg. Wie so viele andere Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit wirkt auch diese Partie wie eine Erinnerung an eine andere Zeit. Der Spielbetrieb ruht aufgrund der Coronavirus-Pandemie. Auch MSV-Kapitän Stoppelkamp muss sein Leben als Profifußballer komplett umstellen. Die Familie stärkt ihn.

Herr Stoppelkamp, es ist gerade kurz vor zehn. Was haben Sie bisher heute gemacht?

Moritz Stoppelkamp: Ich war früh wach, schon um sechs Uhr. Mein Sohn war ein bisschen unruhig. Ich muss gestehen, dass ich dann kurz wieder eingeschlafen bin. Ich versuche derzeit auch, meiner Frau zu helfen, sie im Haushalt zu unterstützen. Das ist ja alles nicht so leicht, wenn man ein Baby zu Hause hat.

Sie sind im Februar erstmals Papa geworden. Wie sehr hat sich Ihr Leben verändert?

Stoppelkamp: Die Nächte sind zwar kürzer. Aber vieles ist jetzt schöner. Man sieht auch alles ein bisschen entspannter. Wenn man nach Hause kommt und weiß, dass da ein kleiner Mensch auf dich wartet, ist das etwas ganz Besonderes.

Wir alle erleben gerade eine große Krise. Hat es für Sie vielleicht auch etwas Gutes, dass Sie aufgrund der Situation jetzt so nah bei Ihrer Familie sein können?

Stoppelkamp: Wenn man etwas Positives daraus ziehen kann, dann ist es das. Genau darüber habe ich gestern auch mit meiner Frau gesprochen. Normalerweise bin ich jeden Tag weg und habe immer viel zu tun. Aber jetzt kann ich viel Zeit daheim verbringen.

Würden Sie mal Ihren aktuellen Tagesablauf beschreiben?

Stoppelkamp: Ich stehe auf und kümmere mich um meinen Sohn, damit meine Frau ein bisschen schlafen kann, weil sie oft in der Nacht wach ist. Dann frühstücke ich und trinke zwei Kaffee zum Wachwerden. Anschließend bin ich in den vergangenen Wochen an der Sechs-Seen-Platte joggen gewesen. Wir wohnen ja direkt dort. Das ändert sich jetzt, weil wir ja wieder auf dem Trainingsgelände arbeiten dürfen – wobei das ja in den Kleingruppen immer noch kein Fußballer-Alltag ist. Ich lerne zudem jeden Tag Russisch, denn meine Frau spricht ja die Sprache. Dann gehe ich einkaufen. Um den Hund muss ich mich auch noch kümmern, also gehe ich mit ihm später noch spazieren. Seit Februar gehe ich relativ früh schlafen. Ganz am Anfang sind mir schon um neun Uhr abends die Augen zugefallen. Jetzt habe ich mich schon ein bisschen daran gewöhnt. Um zehn bin ich aber meistens schon im Bett.

Bereitet Ihnen die derzeitige Weltlage auch Sorgen?

Stoppelkamp: Ich sehe häufig Nachrichten, um zu schauen, welche Maßnahmen ergriffen werden und wie die Prognosen sind. So etwas hat man vorher noch nie erlebt. Es ist eigentlich unvorstellbar gewesen, dass wir alle eine Art Hausarrest auferlegt bekommen. Man tut aber das, was man als Bürger tun kann: nämlich die sozialen Kontakte zu vermeiden, zu Hause zu bleiben und es nur zu verlassen, wenn es wirklich nötig ist. Es ist eine komische Situation. Ich mache mir nicht unbedingt Sorgen um mich, aber um Menschen, die mir nahestehen, die eventuell zur Risikogruppe gehören könnten. Das Schlimme daran ist, dass man nicht wirklich genau weiß, ob man das Virus mit sich herumträgt. Die Ungewissheit bringt einen zum Nachdenken. Und natürlich die Entwicklung, wie schnell sich das Virus verbreitet.

Spüren Sie manchmal auch Angst?

Stoppelkamp: Ich habe keine Angst um meine Gesundheit, weil ich denke, dass ich das schon gut aushalten könnte. Wenn ich das Virus haben sollte, hätte ich nur Angst, jemanden damit anzustecken.

Beim MSV sind die Spieler derzeit getrennt. Sie tragen als Mannschaftskapitän aber Verantwortung. Können Sie diese Rolle momentan überhaupt erfüllen?

Stoppelkamp: Zu Beginn gab es etliche Gespräche darüber, wie wir jetzt fortfahren sollen und was wir machen müssen. Wir haben zudem eine WhatsApp-Gruppe, in der wir uns austauschen und auch Informationen vom Verein erhalten. Für diesen Klub wie auch für viele andere ist es keine einfache Situation, gerade in der Dritten Liga. Momentan ist es sogar schwerer denn je. Es ist ein sehr gutes Zeichen, wenn die Spieler versuchen, dem Verein zu helfen. Gerade im Mannschaftsrat haben wir deshalb viele Dinge besprochen.

Ein Mannschaftstraining hat es schon länger nicht mehr gegeben. Stattdessen absolvieren alle ihre Einheiten individuell, sind jetzt in Zweiergruppen gestartet. Wie wirkt sich das auf die Fitness aus?

Stoppelkamp: Wir bekommen jeweils einen Wochenplan, der auch immer wieder angepasst wird. Ich glaube nicht, dass wir Fitness verlieren, denn wir arbeiten jeden Tag – auch wenn es Kurzarbeit ist. Aber kein Einzel- und auch kein Kleingruppen-Training zu zweit kann das Mannschaftstraining auf dem Platz mit dem Ball ersetzen. Das ist natürlich eine ganz andere Belastung, auf die wir im Moment leider verzichten müssen, so schwer es uns auch fällt.

Die Dritte Liga pausiert noch bis mindestens Ende April. Wie könnte es danach weitergehen?

Stoppelkamp: Ich weiß es nicht. Und ich bin auch froh, das nicht entscheiden zu müssen. Da verlasse ich mich auf die Personen, die das Sagen haben. Man kann einfach nur hoffen, dass das alles irgendwann mal vorbei ist. Dann sollten wir wieder unserer Leidenschaft nachgehen können.

Was soll mit dieser Saison nun geschehen?

Stoppelkamp: In erster Linie will man natürlich immer wieder spielen. Aber wenn die Saison abgebrochen wird, bin ich dafür, dass wir als Aufsteiger feststehen. Gerade deshalb, weil wir mehr als 70 Prozent der Saison gespielt haben und 14 Spieltage nacheinander auf Platz eins standen. Dann haben wir es auch verdient. Mit einem Saisonabbruch kann man es grundsätzlich nicht allen recht machen. Eine Annullierung kann ich mir aber nicht vorstellen. Das wäre für viele Mannschaften extrem bitter.

Würden sich die Spieler nach der ganzen Zeit überhaupt bereit dazu fühlen, auf den Rasen zurückzukehren?

Stoppelkamp: Wenn der Tag X kommt, werden wir da sein. Darauf bereiten wir uns vor. Wir schaffen die Grundlagen. Fußballspielen ist wie Fahrradfahren. Das verlernt man nicht. Gib mir eine Kugel und dann geht es schon wieder.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben