Fußball

Neuer Lockdown: Auch MSV Duisburg sorgt sich um die Talente

Wollen wieder spielen: Die Junioren Henry Kree (re.) vom VfL Bochum und Hyun Joon Park vom MSV Duisburg.

Wollen wieder spielen: Die Junioren Henry Kree (re.) vom VfL Bochum und Hyun Joon Park vom MSV Duisburg.

Foto: Uwe Möller / FUNKE Foto Services

Essen/Duisburg.  Der zweite Lockdown könnte Folgen für den Nachwuchs haben. U15-Trainer des MSV Duisburg warnt vor mentaler Belastung. DFB fürchtet Desinteresse.

Über das Internet versucht Vincent Wagner zu retten, was zu retten ist. Der 34-Jährige betreut die U15 des MSV Duisburg, gibt die Anweisungen in diesen Zeiten aber nur digital. Zweimal Athletik-Training, einmal ein wenig Ballgefühl. Im Garten, im Kinderzimmer. Was auch immer möglich ist. „Das hat zwar ein gutes Niveau, ist aber kein Ersatz für reguläres Training auf dem Feld“, sagt Wagner. Dabei sind seine Spieler, die die im März abgebrochene Regionalliga-Saison als Spitzenreiter beendet haben, gerade in einem „goldenen Lernalter“, legen die Grundlagen dafür, später eventuell mal eine Profikarriere anstreben zu können.

Beim DFB und beim MSV: Den Talenten fehlt die Zeit

Bis an die Spitze schaffen es ja ohnehin nur wenige. Auf dem Weg von den E- bis zu den A-Junioren gehen dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) grob gesagt die Hälfe seiner Talente verloren. Und nun sorgt der Teil-Lockdown dafür, dass mindestens bis Dezember, vermutlich aber bis ins nächste Jahr die Fußballplätze geschlossen sind. Das hat weitreichende Folgen, vor allem weil wieder Zeit verloren geht, den Anschluss an die europäischen Top-Ausbildungsschmieden herzustellen. „Wir machen uns große Sorgen“, sagt der für die Nationalmannschaften und Fußball-Entwicklung zuständige DFB-Direktor Oliver Bierhoff.

DFB-Funktionär Chatzialexiou: Vergleichbar mit Kreuzbandriss

Sein Sportlicher Leiter Joti Chatzialexiou berichtet von Untersuchungen, dass die ausgefallene Spielzeit aus dem ersten Lockdown im Frühjahr vergleichbar sei mit einem Kreuzbandriss. Die Aussage muss hellhörig machen, weil damit auch psychische Folgen einhergehen. „Für die Jugendlichen ist die Pause definitiv eine mentale Belastung. Man merkt, wie ihnen das Herz blutet“, sagt MSV-Trainer Wagner. Er glaubt aber nicht, dass der zweite Lockdown dazu führt, dass „plötzlich die Jungs das Interesse verlieren – im Gegenteil“.

Es ist ein schwacher Trost, dass auch in Frankreich gerade nur in den Nachwuchszentren der Profivereine noch ein Trainingsbetrieb aufrecht erhalten wird. In England betrifft das Verbot alle Rasensportarten abseits der professionellen Ebene. Der Breitensport außerhalb der Schule ist bis zum 2. Dezember unterbrochen. Mindestens bis dahin gilt auch in Deutschland das Sportverbot, doch niemand rechnet inzwischen wirklich damit, dass es vor Weihnachten weitergeht. Aber was ist in den Wintermonaten Januar und Februar, wenn die Infektionsraten nicht signifikant sinken?

Beim DFB werden die Langzeitfolgen durch einen zu langen Lockdown gefürchtet. Denn zu viel lief schon vorher in der Nachwuchsarbeit schief. Falsche Schwerpunkte in der Ausbildung, unpassende Spielformen, ungeduldige Eltern und gesellschaftliche Entwicklungen haben dazu geführt, dass der DFB zwischen 2009 und 2019 fast jede fünfte seiner Nachwuchsmannschaften und neun Prozent seiner Mitglieder verlor. Das Corona-Jahr 2020 könnte die Verluste immens erhöhen.

DFB: Die Revolution im Nachwuchs ist vertagt

Eigentlich wollte der DFB diesen Herbst massive Veränderungen für die G-, F- und E-Jugend auf den Weg bringen. Kleinere Teams, mehrere Spielfelder für Turnierformen. Lieber drei gegen drei statt sieben gegen sieben. Bierhoff steht vorbehaltlos hinter der Revolution im Kinderfußball. Würde man einen gestandenen Bundesligaspieler fragen, was denn sein Rat für einen Acht- oder Neunjährigen sei, dann gebe es eigentlich immer dieselbe Antwort, sagt der ehemalige Nationalspieler: „Der soll Spaß haben und spielen.“ Die Bolzplatzmentalität soll zurückgeholt werden. Nur wie soll das gehen, wenn die Pandemie alles stilllegt?

„Das ist gerade für Kinder, die einen natürlichen Bewegungsdrang haben, eine schwierige Situation“, stellt Chatzialexiou fest. „Mir tut das persönlich auch weh.“ MSV-Trainer Wagner erinnert sich an die Zeit im Frühjahr. Auch da war alles dicht, doch das Wetter immerhin besser, um ein wenig draußen üben zu können. „Und natürlich sind unsere Jungs damals wie heute verantwortungsbewusst. Sie verstehen: Wenn ich in der Schule meine Maske trage und Hygieneregeln einhalte, ist es keine gute Idee, sich anschließend in Kleingruppen auf dem Bolzplatz zu treffen“, so Wagner.

Trainer des MSV Duisburg sagt: Ein verlorenes halbes Jahr

Jetzt geht es darum, dass der Ball überhaupt wieder rollt. Wagner rechnet vor: „Wenn von fünf wichtigen Jahren in der Ausbildung ein halbes Jahr wegfällt, ist das schon eine Menge.“ Die Arbeit mit den Spielern sei ein Prozess, Fortschritte seien erst nach einem halben Jahr sichtbar. „Egal in welcher Verfassung der Spieler ist, wirft ihn eine Pause zurück“, sagt Wagner. „Es dauert nicht so lange, die Fähigkeiten zu reaktivieren, wie es gedauert hat, sie zu erlernen, aber eine Weiterentwicklung findet in diesem Zeitraum nicht statt.“ Doch vorerst muss das Online-Training reichen.

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