Interview

Kremers-Zwillinge werden 70 - "Schalke darf nicht absteigen"

Erwin (l.) und Helmut Kremers (r.) feiern ihren 70. Geburtstag.

Erwin (l.) und Helmut Kremers (r.) feiern ihren 70. Geburtstag.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Erwin und Helmut Kremers kamen aus Gladbach und wurden heimisch auf Schalke. Am Sonntag werden die Golf spielenden Fußball-Zwillinge 70.

Im Restaurant des Golfclubs Haus Leythe in Gelsenkirchen ist gerade Betrieb. Die leidenschaftlich Golf spielende Schalker Fußball-Prominenz trifft sich zum Fachsimpeln, ehemalige Spieler wie Klaus Fischer und Olaf Thon sind da, auch ehemalige Trainer wie Peter Neururer und Uli Maslo. Gesprächsstoff gibt es ja gerade mal wieder reichlich. Auch Erwin und Helmut Kremers bangen um Schalke 04. Sie gehörten zur legendären Pokalsieger-Mannschaft von 1972, sie waren Popstars damals – von ihnen gab es einen Bravo-Starschnitt und eine Schallplatte. Am Sonntag werden die berühmtesten Zwillinge des deutschen Fußballs 70 Jahre alt.

Siebzig. Kaum zu glauben…

Erwin Kremers: Wir ignorieren unser Alter. Außerdem: Hat die Marktforschung nicht herausgefunden, dass 70 das neue 50 ist? (lacht) Wir nehmen uns übrigens die Freiheit heraus, nur noch das zu tun, was uns Spaß macht, und wollen uns nur noch mit positiven Menschen umgeben.

Wie kann das gelingen?

Helmut Kremers: Es ist wichtig, auch im Alter Erfolge zu haben.

Erwin Kremers: Deshalb engagieren wir uns auch im Schalker Golfkreis, mit diesem Freundeskreis unterstützen wir soziale Einrichtungen.

Helmut Kremers: Das hat natürlich auch etwas mit Dankbarkeit zu tun. Wir sind dankbar dafür, dass wir professionell Fußball spielen durften. Auch dafür, dass wir für Schalke 04 spielen durften. Es war eine tolle Zeit.

Erwin Kremers: Das sieht man schon daran, dass wir immer noch mit früheren Mitspielern wie Klaus Fischer, Rüdiger Abramczik und Norbert Nigbur befreundet sind. Und bis heute tut es uns weh, dass Rolf Rüssmann nicht mehr bei uns ist.

Sie beide wirken wie ein Herz und eine Seele.

Erwin Kremers: Mein Zwillingsbruder ist auf ewig auch mein Freund. Ich brauche ihn nur anzugucken, dann weiß ich, was er denkt. Wir telefonieren täglich miteinander, und schon nach drei Sekunden ist mir klar, wie es ihm geht.

Dennoch sind Sie unterschiedliche Typen. Stimmt es, Helmut, dass Sie Erwin früher ‚Herr Pastor‘ genannt haben?

Helmut Kremers: (lacht) So nenne ich ihn immer noch. Wenn ich anrufe und seine Frau dran ist, frage ich: Iris, wo ist der Pastor?

Und warum?

Helmut Kremers: Wenn wir früher gespielt haben, sind wir auch schon mal weggegangen. Er hat das nie mitgemacht. Am nächsten Morgen habe ich dem Pastor dann alles gebeichtet.

Erwin Kremers: Und ich habe nur mit dem Kopf geschüttelt.

Interessant ist ja, dass es auf dem Platz genau umgekehrt war. Erwin, der Angreifer, galt als der Impulsive, der manchmal nur von Helmut, dem Abwehrspieler, beruhigt werden konnte.

Erwin Kremers: Ja, auf dem Platz, das war ich irgendwie gar nicht.

Helmut Kremers: Und ich musste ihn wirklich oft beruhigen. Der war oft so sauer, dass er gar keine Lust mehr hatte weiterzuspielen. Aber wenn ihm gesagt habe, dass er wegen der Mannschaft gefälligst nicht aufgeben soll, hat er mich jedes Mal verstanden.

Erwin Kremers: Er war mein Baldrian.

Nur das eine Mal war er nicht da, und das hat Sie prompt die WM-Teilnahme 1974 gekostet.

Erwin Kremers: Die legendäre Geschichte. Ich bin bis heute sicher, dass ich am letzten Bundesligaspieltag in Kaiserslautern nicht vom Platz geflogen wäre, wenn Helmut nicht verletzt gewesen wäre. Ich hatte den Schiedsrichter beleidigt, und als der mir sogar noch eine Brücke bauen wollte und nachfragte, ob er sich verhört habe, habe ich gesagt: Und jetzt noch mal für Doofe…

Helmut kam auf acht Länderspiele, Erwin auf 15. Hand aufs Herz: Waren das bei Ihrem Talent nicht zu wenige?

Erwin Kremers: Ja, grundsätzlich stimmt das.

Helmut Kremers: Ich habe mich auf Schalke immer viel wohler gefühlt. Außerdem hatte ich ja außergewöhnliche Konkurrenten vor mir: als Linksverteidiger Paul Breitner, als Libero Franz Beckenbauer.

Erwin Kremers: Wenn ich heute darüber nachdenke – es war eine Riesensache, dass ich überhaupt mit Leuten wie Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Gerd Müller Fußball spielen durfte.

Die Nationalmannschaft von 1972 mit Erwin Kremers gilt bis heute als die spielstärkste, die es je gab.

Erwin Kremers: Das höre ich sehr gerne. Deshalb sage ich auch: Es schadet in diesem Beruf nicht, wenn man Fußball spielen kann. (lacht)

Sie beide sind gebürtige Mönchengladbacher, die Borussia war ihre erste Profistation. Schon seltsam, dass Sie dort nicht während der großen Gladbacher Zeit Karriere gemacht haben.

Helmut Kremers: Das lag an Helmut Grashoff, dem Geschäftsführer.

Also ging es ums Geld?

Helmut Kremers: Ja, da bin ich ehrlich. Man muss sich das mal vorstellen: Wir sind damals mit 18 Jahren ohne Berater in Grashoffs Büro gegangen und haben Verträge ausgehandelt.

Erwin Kremers: Helmut hat mich beraten und ich ihn. (lacht)

Der legendäre Hennes Weisweiler soll wütend gewesen sein, als Sie nach Offenbach gewechselt sind.

Erwin Kremers: Ja, aber er war ein toller Trainer.

Helmut Kremers: Zu sagen hatte man bei ihm aber nullkommanull. Als ich mit 18 nach drei Spielen als Libero gute Kritiken bekam, dachte ich, ich könnte mich in einer Mannschaftssitzung mal melden. Als ich nur den Finger hob, brüllte der mich schon an: Halt die Klappe, du hast hier gar nichts zu sagen!

Auf Schalke haben Sie bei den Trainern den größtmöglichen Kontrast erlebt: Erst Ivica Horvat, dann Max Merkel.

Helmut Kremers: Horvat war eine Vaterfigur und ein Fachmann. Und Merkel war einfach nur furchtbar, der hat kein bisschen Spaß verstanden.

Aber Sie wohnten mit ihm unter einem Dach. Haben Sie ihn tatsächlich damals, als ihm die Reifen von seinem Auto gestohlen wurden, nicht mit zum Training genommen?

Helmut Kremers: Ja, er saß im Wagen und versuchte zu starten. Er hatte gar nicht bemerkt, dass die Reifen fehlten. Wir haben zuerst unter sein Auto geguckt, uns dann in unser Auto gesetzt, haben gewunken und sind zum Training gefahren. (lacht)

Kam es je vor, dass Sie so sauer aufeinander waren, dass Sie nicht mehr miteinander geredet haben?

Helmut Kremers: Nein, das gab es nie.

Erwin Kremers: Ich habe es allerdings mal angedroht. Als er damals auf Schalke Präsident war und alles drunter und drüber ging, weil er angefeindet wurde, habe ich zu ihm gesagt: Wenn du da weitermachst, rede ich kein Wort mehr mit Dir.

Auch so ein Unterschied: Nur Helmut war auf Schalke noch Präsident, Manager und Trainer.

Helmut Kremers: Dass wir während meiner Funktionärszeit nicht abgestiegen sind, werte ich höher als eine Deutsche Meisterschaft. Damals ging es dem Verein richtig schlecht.

Erwin Kremers: Ich habe mich ganz bewusst rund 20 Jahre vom Fußball zurückgezogen.

Und wenn Sie heutzutage Fußball schauen - woran erfreuen Sie sich, was ärgert Sie?

Erwin Kremers: Das Motto ‚Die Mannschaft ist der Star‘ ist lachhaft. Was ist denn aus Real Madrid ohne Ronaldo geworden? Ich genieße es, Leute wie ihn oder Messi zu sehen. Im Fußball geht es nicht ohne Individualisten. Die muss man fördern.

Helmut Kremers: Qualität in der Mannschaft ist die beste Taktik.

Machen Sie sich große Sorgen um Schalke?

Erwin Kremers: Über die vielen Fehler, die da gemacht wurden, müssen wir gar nicht mehr reden. Jetzt ist der Verein in einer Situation, in der es nur noch darum gehen kann, alle Kräfte zu bündeln, um die Saison zu überstehen. Was gestern war, interessiert jetzt nicht mehr. Wir alle müssen jetzt nach vorne schauen. Schalke darf nicht absteigen.

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