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Nigbur über Derby-Klatsche: "Das war für mich nicht Schalke"

Dortmunder Jubel, Schalker Frust: Am 3. November 1979 verloren Norbert Nigbur und die Königsblauen im Westfalenstadion mit 1:2.

Dortmunder Jubel, Schalker Frust: Am 3. November 1979 verloren Norbert Nigbur und die Königsblauen im Westfalenstadion mit 1:2.

Foto: imago

Gelsenkirchen.  Schalkes Jahrhundert-Torwart Norbert Nigbur kennt das Gefühl einer Derby-Klatsche. Entscheidend ist für ihn die Reaktion der Wagner-Elf.

Es war ein wahrhaft trüber Herbsttag im Jahr 1966. Zum Glück zogen zur zweiten Halbzeit dicke Nebelschwaden auf, die die gruselige Vorstellung des FC Schalke 04 im damaligen Derby bei Borussia Dortmund zumindest teilweise verschleierten. „Es gibt eben so Tage, da kriegst du eine Klatsche“, erinnert sich Schalke-Torwartlegende Norbert Nigbur an jenes 2:6 im alten Stadion Rote Erde. „Das war eines dieser Spiele, in denen ähnlich wenig zusammenlief wie für die aktuelle Schalker Mannschaft am vergangenen Samstag.“

Am 12. November 1966 stand es sogar schon zur Pause 4:0 für die Schwarz-Gelben: Dortmunds Vize-Weltmeister Lothar Emmerich mit einem Dreierpack und Schalkes Friedel Rausch (per Eigentor) hatten für die vorentscheidenden Treffer gesorgt. Im zweiten Durchgang legten der spätere Schalke-Coach Siggi Held und Reinhold Wosab für den BVB nach; Gerd Neuser und Karl-Heinz Bechmann sorgten für blau-weiße Ergebniskosmetik.

Schalke-Legende Nigbur: "Schalke hat die Corona-Empfehlungen übererfüllt"

„Ich weiß noch, dass der Lothar Emmerich allein in der ersten Hälfte dreimal ganz in Ruhe auf mein Tor zugelaufen kam“, blickt der 72-jährige Norbert Nigbur auf einen der schwärzesten Tage seiner Karriere zurück. „Ganz allein in meiner Kiste sah ich natürlich etwas alt aus. Und dann war da noch dieses Ding, das der Friedel Rausch unhaltbar abgefälscht hatte. Es war sicher kein Spiel für einen Torhüter, und ich sag’s mal so: Wir alle hatten damals nicht unseren besten Tag.“ Vor allem in der Deckungsarbeit habe vieles nicht gestimmt, so Norbert Nigbur – auch das sei eine Parallele zum jüngsten Derby. „Am vergangenen Samstag“, sagt er, „hat die Schalker Elf die Corona-Sicherheits-Empfehlungen von eineinhalb bis zwei Metern Abstand ja geradezu übererfüllt. Die waren teilweise nicht mal mehr in der Nähe ihrer Gegenspieler. Hätte nur noch gefehlt, dass die alle Mundschutz und Handschuhe tragen. Das war für mich nicht Schalke.“

Doch Norbert Nigbur will die Elf von Trainer David Wagner keinesfalls durch den Kakao ziehen. Schalkes Jahrhundert-Torwart stellt klar: „Bei der Beurteilung solcher Klatschen sind letztlich immer zwei Fragen entscheidend. Erstens: Woran genau hat es gelegen – waren wir so schlecht, oder waren die anderen so überwältigend stark? Und, zweitens: Schaffst du es, nach so einem katastrophalen Spiel eine angemessene Antwort zu finden und dich an den eigenen Haaren aus dem Schlamassel zu ziehen?“

Den Derby-Verlierern von 1966 um Norbert Nigbur und Klaus Fichtel gelang eine beeindruckende Trotzreaktion: Das folgende Bundesliga-Heimspiel gewann Schalke mit 2:1 – und zwar nicht gegen irgendeinen Gegner, sondern gegen den großen FC Bayern um Torwart Sepp Maier, Taktgeber Franz Beckenbauer und Torjäger Gerd Müller. Gerd Neuser und Willi Kraus trafen noch vor der Pause zur verdienten 2:0-Führung; Gerd Müllers Anschlusstreffer (46.) war zu wenig für die Münchner.

Keine gute Körpersprache

„An besagtes Spiel gegen die Bayern kann ich mich, ehrlich gesagt, gar nicht so genau erinnern“, gesteht Norbert Nigbur, der insgesamt 289 Ligapartien für die Knappen bestritt. „Ich weiß aber noch genau, dass wir Spieler uns nach dem 2:6 in Dortmund unter der Woche zusammengesetzt hatten. Und da gab es dann ein richtiges Donnerwetter. Wir haben uns alles an den Kopf geworfen – verbal natürlich. Da kamen plötzlich ganz viele Dinge auf den Tisch, die in den Wochen zuvor nicht mehr so gepasst hatten.“ Gegen die Bayern funktionierte plötzlich (fast) alles: Selbst den gefürchteten Bomber Müller hatte Schalke bis auf eine Szene glänzend im Griff. „Manchmal brauchst du als Mannschaft so ein reinigendes Gewitter, und dann findet man gemeinsam wieder in die Spur“, erklärt Norbert Nigbur.

Auch von der aktuellen Schalker Truppe erwartet Nigbur im kommenden Heimspiel gegen den FC Augsburg eine angemessene Antwort auf das Derby-Debakel: „Ehrlich gesagt, hatte ich in Dortmund sogar auf einen Sieg gehofft, zumindest im Vorfeld der Partie. Doch die Mannschaft hatte von Beginn an keine gute Körpersprache. Auch im Gesicht fehlte mir die nötige Entschlossenheit. Die Spieler müssen jetzt eine Reaktion zeigen.“ Schließlich, so Norbert Nigbur, habe es ja schon vor der Corona-Pause in sieben Spielen keinen einzigen Sieg gegeben: „Wenn am Sonntag keine eindeutige Leistungssteigerung zu erkennen ist, dann könnten die Ersten sogar schon fragen, ob der Trainer die Mannschaft überhaupt noch erreicht.“

Und noch etwas gibt Norbert Nigbur zu bedenken: Sollte die aktuelle Sieglos-Serie anhalten, könnte Schalke im schlimmsten Fall sogar noch in den Abstiegsstrudel geraten. „Die Mannschaft hat jetzt 37 Punkte. Mit dieser Ausbeute bist du nicht unbedingt gerettet“, sagt er. „Deshalb täten die Spieler gut daran, mit einem Dreier schnell die 40 Punkte vollzumachen, das sollte sicher reichen. Und wer weiß – vielleicht entsteht dadurch ein Positivlauf, und man erringt am Ende doch noch einen Platz im internationalen Geschäft. Das ist ja nicht unmöglich, wenn man die Konkurrenz betrachtet.“

1966/67 nur auf dem 15. Platz

In der Saison 1966/67 landeten Norbert Nigburs Königsblaue am Ende nur auf Platz 15 – allerdings mit komfortablem Vorsprung auf die Abstiegsränge: „Schalke hatte ja damals, ähnlich wie heute, eine Mannschaft im Umbruch. Wir haben uns erst in den folgenden Jahren zu einem absoluten Topteam entwickelt.“ Einen ähnlichen Werdegang erhofft sich der gebürtige Gelsenkirchener auch vom aktuellen Team, trotz angespannter Finanzlage: „Ein Verein kann bekanntlich auch mal mit sehr wenig Geld sehr gute Spieler holen, wenn man seine Hausaufgaben macht.“

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