Schalke

Roman Neustädter:„Wenn Schalke spielt, ist Gelsenkirchen eine Geisterstadt“

Spielt für Russland: Roman Neustädter im November 2018 in der Partie gegen Deutschland.

Spielt für Russland: Roman Neustädter im November 2018 in der Partie gegen Deutschland.

Foto: Getty Images

Gelsenkirchen.  Der Ex-Schalker Roman Neustädter spielt für Dynamo Moskau. Im Ínterview blickt er auf seine Karriere und seine ehemaligen Vereine.

Roman Neustädter sitzt gerade in Antalya. Wieder einmal. Dynamo Moskau bereitet sich auf die Rückrunde der russischen Liga vor. „Und in Russland“, sagt Neustädter, „dauert die Winterpause eben etwas länger." Für Abwechslung ist der 31-Jährige dankbar - vor allem, wenn es darum geht, am Telefon über seine Ex-Klubs FSV Mainz 05 und Schalke 04 zu sprechen. Die treffen am Sonntag in der Fußball-Bundesliga (18 Uhr/Sky) aufeinander. Zu Beginn des Gesprächs geht es aber um die ungewöhnliche Häufung der Trainingslager...

Ist die Rückrundenvorbereitung so anders als in Deutschland oder der Türkei?

Roman Neustädter: Auf jeden Fall. Wir haben vom 7. Dezember bis 10. Januar Urlaub, seitdem sind wir immer unterwegs. Ein Trainingslager mit acht, neun Tagen ist schon hart – aber jetzt zum dritten Mal mit 12 bis 14 Tagen und zwischendurch nur zwei, drei Tagen Pause, das ist schwierig. Ich mache das ja zum ersten Mal mit. Erst am 29. Februar geht es wieder los.

Roman Neustädter: "Ich freue mich, dass Schalke wieder so positiv dasteht"

Sie leben jetzt in Moskau, davor haben Sie in Istanbul und Düsseldorf gewohnt – aber auch in Gelsenkirchen. Was verbinden Sie mit dieser Zeit?

Neustädter: Dass eine gesamte Stadt für einen Verein lebt. Wenn Schalke spielt, ist Gelsenkirchen wie eine Geisterstadt. Während der Woche haben die Fans dich angesprochen – und es war durchweg positiv, auch wenn wir mal verloren haben. Ich freue mich, dass Schalke wieder so positiv dasteht. Der Verein gehört zu den Top 4 in Deutschland und muss immer um die Champions League mitspielen, so wie es damals in meiner Zeit auch war.

Ist die Fußballbegeisterung mit in der Türkei vergleichbar?

Neustädter: Nein, das ist noch einmal etwas ganz anderes. Schon die Städte kann man nicht miteinander vergleichen. Und die Fans sind noch einmal einen Tick verrückter. So etwas wie in Istanbul hatte ich noch nie. Meine Familie lebt auch noch dort.

Ihre Familie lebt noch in Istanbul – nicht in Moskau oder Deutschland?

Neustädter: Ja. In Moskau wohne ich am Trainingsgelände. Ich habe für ein Jahr unterschrieben, um zu sehen, ob ich dort klarkomme. Meine Familie ist unter anderem wegen meines Sohnes dort geblieben. Er ist dort im Kindergarten. Und in Istanbul haben wir sehr, sehr viele Freunde. Viele Deutschtürken sind Freunde von uns, die immer wieder mal nach Istanbul kommen. Die Stadt ist schön, zehn Monate im Jahr scheint die Sonne.

Haben Sie von den politischen Diskussion rund um Präsident Erdogan etwas mitbekommen?

Neustädter: Ich bin kein politischer Mensch. Mich hat es nie betroffen.

Über die Stadt Moskau können Sie weniger sagen, wenn Sie am Trainingsgelände wohnen.

Neustädter: Klar war ich dort mal essen, die Stadt ist schön. Aber da bleibt man eher unerkannt, weil die Leute nicht so fußballverrückt sind.

Auch ein langjähriger Schalker spielt in Moskau, aber bei Lokomotive. Haben Sie Kontakt zu Benedikt Höwedes?

Neustädter: Wir haben uns in Moskau ein paar Mal getroffen. Wir schreiben sehr oft, quatschen viel.

Er ist jetzt auch Vater eines kleinen Kindes.

Neustädter: Ja, früher hieß es in unseren Gesprächen: Fährst Du zum Training oder soll ich fahren? Heutzutage sieht das so aus: Kann Dein Kleiner schon laufen? Cool, dann können wir uns treffen und die können spielen. Dann haben wir ein bisschen Ruhe. (lacht)

Sie haben viele Derbys mitgemacht – in Deutschland Schalke gegen Dortmund, in der Türkei die Istanbuler Derbys. Welchen Stellenwert haben Derbys in Moskau?

Neustädter: Derbys haben überall den gleichen Stellenwert – in Russland empfinden die Leute das aber anders. Die Stadien sind auch kleiner. In Deutschland ist Schalke gegen Dortmund das größte Derby, in der Türkei Fenerbahce gegen Galatasaray. Wir beginnen die Rückrunde gegen Spartak. Da wird es auch sehr, sehr gut zur Sache gehen.

Fühlen Sie sich wohl in der russischen Liga?

Neustädter: Am Anfang war es schwierig für mich, weil es eine Umstellung war und ich ohne Vorbereitung erst Mitte August hinzugekommen bin. Mittlerweile fühle ich mich fit. Wir sind ein bisschen weggekommen von den Abstiegsrängen. Und Dynamo hat ein neues Projekt gestartet mit einem neuen Investor.

Begonnen hat Ihre Karriere in Mainz in der Jugend, Sie haben von 1994 bis 2009 für den FSV gespielt. In Mainz sind Sie auch aufgewachsen. Woran denken Sie zuerst, wenn Sie auf Mainz angesprochen werden?

Neustädter: Ich habe dort angefangen, Fußball zu spielen, habe es bis zu den Profis geschafft. Meine Eltern wohnen dort, ich habe Freunde in Mainz, dort mein Abitur gemacht.

Sie haben noch ein Jahr mit Jürgen Klopp zusammengearbeitet. Haben Sie die Magie dieses Trainers schon spüren können?

Neustädter: Ich bin froh, dass ich dieses eine Jahr noch mitbekommen habe. Er war schon damals sehr speziell. Momentan ist er der beste Trainer der Welt. So wie er die Mannschaft vorbereitet hat auf die Spiele, das war Wahnsinn. Er hat jedem in die Augen geschaut, und jeder hat gebrannt, egal ob er von Anfang an gespielt hat oder nur auf der Tribüne saß.

Wie haben Sie den Weg von Mainz 05 verfolgt? Sie haben noch im alten Bruchweg-Stadion gespielt, inzwischen gibt es eine moderne Arena.

Neustädter: In meinen Bundesliga-Jahren habe ich mich immer gefreut, in Mainz zu spielen. Die Familie kam, die Freunde kamen. Ich kenne den Verein seit 1994, mein Papa hat dort gespielt. Wir hatten damals kein Nachwuchs-Leistungszentrum, haben auf Asche trainiert in der Jugend.

Über Mönchengladbach ging es nach Schalke. Dort haben Sie vier Jahre gespielt, 161 Pflichtspiele bestritten. Wie stufen Sie die Zeit sportlich ein?

Neustädter: Durchweg positiv. Ich habe drei Jahre Champions League gespielt, bin zur deutschen Nationalmannschaft eingeladen worden. Ich habe dem Verein und den Trainern, die dort waren, viel zu verdanken. Sportlich war es mit meine beste Zeit.

Es hat aber auch Kritik gegeben.

Neustädter: Das gehört dazu. Es kann nicht immer reibungslos verlaufen. In einer Beziehung ist das ja auch so. Ich bin aber kein nachtragender Mensch, das war schnell abgehakt für mich.

Nicht nachtragend zu sein hilft auch in den sozialen Netzwerken. Ihre Frau und Sie sind dort sehr aktiv, Sie zeigen viel von sich, von den Reisen, die Sie unternehmen. Kritik gibt es da auch.

Neustädter: Wir sind vom Typ so. Wir sind sehr weltoffen, schauen uns gern andere Kulturen an, möchten viel erleben. Ich kann sehr, sehr gut mit Kritik umgehen. Ich mag auch objektive Kritik.

Was lief bei Ihrem Abschied aus Schalke nach vier Jahren falsch?

Neustädter: Horst Heldt hatte mir einen neuen Vertrag zur Verlängerung vorgelegt. Da war aber schon klar, dass Christian Heidel Manager wird. Ich habe mich daraufhin mit Heidel getroffen und ihm gesagt, dass ein Angebot vorliegt und gefragt, ob er mit mir weitermachen will oder nicht. Er hat gesagt, dass er sich meldet. Bis zur EM 2016 kam aber keine Antwort. Ich habe mir daraufhin gesagt: Wenn jemand nicht anrufen kann und sagt, wie es aussieht, dann möchte ich auch nicht bleiben. Ich möchte niemanden anbetteln, ob er mich nimmt. Ich musste ja auch auf meine Zukunft schauen. Ich weiß, wie das Geschäft läuft, jeder hat viel zu tun. Einfach mal anzurufen und zu sagen, wie die Entscheidung aussieht, das wäre nett gewesen. Ein nachtragender Mensch bin ich aber nicht. Irgendwann kam das Angebot aus Istanbul und ich habe gesagt: Lass‘ uns das machen, warum nicht.

Sie sind sehr weltoffen – auf Schalke gibt es gerade eine Rassismus-Diskussion. Haben Sie da in der Türkei oder in Russland ähnlich Erfahrungen gemacht?

Neustädter: Bisher nicht. Es passiert ja nicht nur auf Schalke, sondern auch in England und Italien. Es gibt immer einzelne Personen, die so sind und härter bestraft werden müssen. Ich verstehe nicht, wie man so mit Menschen umgehen kann. Das hat keiner verdient, das ist unterste Schublade. Und irgendwann reicht’s. Viele haben lang genug darüber hinweggesehen. So etwas zu tolerieren, ist falsch.

Sie haben noch Kontakt zu ehemaligen Teamkollegen auf Schalke, zum Beispiel Jermaine Jones, mit dem Sie zu Ihrer Zeit die Doppel-6 gebildet haben. Er ist ein ganz anderer Spielertyp als Sie, ein anderer Mensch.

Neustädter: Aber ist neben dem Platz ein anderer als auf dem Platz: ruhig, nett, ein Familienmensch. Auf dem Platz zeigt er seine harte Seite.

Er lebt in den USA. Wäre die USA eine Perspektive für die Zukunft, wenn der Vertrag in Moskau ausläuft?

Neustädter: Ich gehe vom Alter her auf die Zielgerade, auf die letzten 100 Meter. Ich war von der USA ein Riesenfan, wollte immer in der MLS spielen. Aber jetzt haben wir ein Kind, da geht es um andere Fragen. Zum Beispiel: Was ist am besten für die Familie? Wo schickst Du das Kind zur Schule? Deshalb bin ich hin- und hergerissen. Ich weiß aber, dass man im Fußball nichts planen kann. Ich versuche, mich auf das halbe Jahr zu konzentrieren und dann hoffentlich mit Russland bei der EM dabei zu sein.

Wie sind Ihre Hoffnungen?

Neustädter: Wir haben einen Lehrgang im März, dann elf Spiele in der Rückrunde. Ich versuche da, mein Bestes zu geben. Weil ich die WM 2018 verpasst habe, versuche ich bei der EM dabei zu sein.

Ist eine Rückkehr in die Bundesliga ausgeschlossen?

Neustädter: Nein, die kann ich mir auch vorstellen - falls mich jemand haben möchte und ich noch gut genug bin. Mittlerweile gibt es so viele junge, gute Spieler, da hat man das Gefühl, dass die älteren Spieler keine Chance mehr haben, die meiner Meinung nach sehr wichtig sind.

Bleibt noch die Frage, wem Sie am Samstag die Daumen drücken.

Neustädter: Wo findet das Spiel statt?

In Mainz.

Neustädter: Mit Schalke habe ich nur einmal dort gewonnen... Ich hoffe auf ein gutes Spiel für die Zuschauer und ein 2:2.

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