Schalke-Idol Gerhardt: "Gelsenkirchen bleibt meine Heimat"

Waldemar Gerhardt (rechts) spielte für Schalke 04 als Außenstürmer.

Waldemar Gerhardt (rechts) spielte für Schalke 04 als Außenstürmer.

Foto: Imago

Waldemar Gerhardt spielte für Schalke 04 und Fortuna Düsseldorf. Der 80 Jahre alte Dauerkartenbesitzer freut sich auf das Duell der Ex-Klub.

Wenn der FC Schalke 04 am Mittwoch gegen Fortuna Düsseldorf um den Einzug in das DFB-Pokal-Viertelfinale kämpft, wird sich Waldemar Gerhardt wieder aus Düsseldorf auf den Weg nach Gelsenkirchen machen. Wie immer, wenn der S04 ein Heimspiel hat. Am 6. Januar ist der ehemalige Schalker Außenstürmer 80 Jahre alt geworden. Seit mehr als 50 Jahren lebt der gebürtige Gelsenkirchener in Düsseldorf.

Gerhardt durchlief alle Jugendteams

Wer an Schalke 04 und Fortuna Düsseldorf denkt, denkt automatisch an Mike Büskens. An den Eurofighter aus Düsseldorf, der sich so sehr in den S04 verliebte, dass er nach dem Ende seiner Karriere in Gelsenkirchen blieb. Waldemar „Waldi“ Gerhardt ging den umgekehrten Weg. Gerhardt durchlief ab 1947 alle Jugendmannschaften des FC Schalke 04 und erzielte im allerersten Bundesligaspiel der Knappen am 24. August 1963 in der Glückauf-Kampfbahn das Tor zum 2:0-Endstand gegen den VfB Stuttgart.

Seine ersten Erinnerungen an die Schalker Kult-Spielstätte sind noch viel älter. 184 Angriffe flogen die Alliierten von 1943 bis 1945 über Gelsenkirchen. Sie galten den Betrieben der rüstungsrelevanten Industrie. Die „GAK“ war schwer getroffen. „Die Spielfläche sah aus, wie eine Mondlandschaft“, weiß Gerhardt noch. Auf dem ehemals gepflegten Rasen reihte sich Loch an Loch. Dazwischen verbogene Eisenstangen, zerbeulte Blechplatten. Auf den Rängen haben die Bomben große Löcher gerissen, darüber hob sich das Stahlgerüst der ausgebrannten Tribüne empor.

Zusammen mit seinem Klassenkameraden und späteren Mitspieler Helmut Laszig half Gerhardt nach der Schule beim Wiederaufbau. „Helmuts älterer Bruder Otto spielte schon bei S04. Wir haben mit Schubkarren Schutt abgeladen. Wenn wir damit fertig waren, hat uns der Platzwart, den wir alle nur „Opa Simon“ nannten, für eine halbe Stunde seinen Lederball ausgeliehen. Dann durften wir bolzen und fühlten uns wie die Großen“, erklärt Gerhardt.

Immer noch besitzt er Dauerkarten für die Arena. Aber beruflich und privat ist er in Düsseldorf hängen geblieben. 1965 wechselte Gerhardt nämlich nicht ganz geräuschlos von den Knappen zu Fortuna Düsseldorf. Es hatte Streit gegeben. Schalke war als Letzter abgestiegen. Aber geflohen sei er nicht. Darauf legt er Wert. „Wir waren nach dem vermeintlichen Aus im Hans-Sachs-Haus beim Oberbürgermeister und haben ihm und uns das Ehrenwort gegeben, dass wir als Mannschaft zusammenbleiben, um den Wiederaufstieg anzugehen“, schwört er. „Der Vorstand um Fritz Szepan war dagegen und wollte einige Spieler loswerden. Und dann sind wir alle gegangen. Das tat weh. Wir waren ja im besten Alter“, sagt Gerhardt.

Als der DFB-Bundestag wenige Tage vor Saisonbeginn die „Lex Schalke“ beschloss und die Bundesliga auf 18 Vereine aufgestockte, war es bereits zu spät. Das Team war in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Nur wenige wie Manfred Kreuz, Hannes Becher und Friedel Rausch blieben doch noch.

„Nach dem Abschluss meiner Karriere wollte ich eigentlich nochmal nach Gelsenkirchen zurück. Aber nachdem meine Tochter in Düsseldorf eingeschult wurde, wollte ich ihr einen Umzug nicht mehr zumuten“, erklärt Gerhardt. Außerdem fand er in der Landeshauptstadt eine Stelle als Sportlehrer an einer Hauptschule, nachdem er sein Sportstudium an der Deutschen Sporthochschule in Köln abgeschlossen hatte. Dennoch besucht er, dessen Herz nach eigenem Bekunden für beide Vereine schlägt, die Heimspiele von Fortuna Düsseldorf nur sporadisch.

Im Kader des letzten Meisterteams

1958 gehörte Gerhardt als 19-Jähriger bereits dem Kader der bislang letzten Schalker Meistermannschaft an. Zu Einsatz kam er jedoch nicht. Seine Zeit kam später. Er ist in der Üchtingstraße aufgewachsen. Als Achtjähriger trat er dem Verein bei. „Dort, wo sich neben den Sitzplätzen heute die Stehtribünen befinden, waren früher auf beiden Seiten nur unüberdachte Ränge. Wenn wir als Kinder zum Training kamen, ließ uns der Platzwart Leo Tibulsky zunächst jeder einen Meter Unkraut aus den Fugen zwischen den Steinplatten der Stehränge ziehen.

Erst dann rückte er die Bälle raus“, erinnerte er sich im Gespräch mit dem „Schalker Kreisel“. Die Lektion des strengen Greenkeepers sollte Gerhardts Lebensmotto werden: „Du kannst nur Erfolg haben, wenn du als Mannschaft an einem Strang ziehst. Als einzelnes Glied in der Kette bist du nichts.“

Spielführer der Schalker Profis

Diese Einstellung sollte ihm helfen, als er später als Spielführer der Knappen mit der Spielergewerkschaft beim DFB um höhere Gehälter stritt. „Nach der Einführung der Bundesliga durften die Spieler im ersten Jahr zunächst zwischen 240 und 600 DM verdienen. Da sie jetzt aber Berufsfußballspieler waren, durfte der Verein als Arbeitgeber auch darüber bestimmen, ob sie neben dem Status als Profi weiterhin ihrem Job nachgehen durften. Und so haben viele ihre Stellen verloren und haben zunächst weniger verdient als vorher als Amateure.“ Das konnte nicht sein, fand Gerhardt.

Die Konsequenz: Schon nach wenigen Monaten wurde die Regelung gekippt und die Verdienstmöglichkeit auf immerhin bis zu 1.200 DM aufgestockt.

Viele seiner damaligen Weggefährten sind bereits gestorben. Auch die gemeinsamen Treffen in der Schalker Vereinskneipe Bosch, das er bis zuletzt mit organisierte, sind seit einigen Jahren Geschichte. „Außer Helmut Laszig ist ja keiner aus meiner Jugend mehr da.“ Das Pokalspiel seiner ehemaligen Klubs schaut sich Gerhardt natürlich im Stadion an. Er steckt etwas in der Klemme. „In der Bundesliga soll es ein Unentschieden geben“, sagt er. „Aber im DFB-Pokal soll der Bessere gewinnen.“

Beide Vereine hätten ihm in seiner Karriere viel gegeben. Aber einen gewaltigen Unterschied gibt es. „Meine Großeltern sind in Gelsenkirchen auf dem Rosenhügel beerdigt, meine Mutter und mein Bruder liegen in Buer begraben. Düsseldorf ist inzwischen mein zu Hause. Aber Gelsenkirchen ist meine Heimat. Und Heimat bleibt Heimat. Das ändert sich nicht." (St)

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