Mutmach-Serie

So kam Schalke 04 durch seine erste Existenzkrise

Das älteste existierende Mannschaftsfoto des FC Schalke 04, aufgenommen vor einem Spiel gegen Westfalia Bismarck. Die überlieferten Namen von links hinten nach rechts vorne: Oetzelmann, Gwiasda, Seimetz, Küpper, Gies, Latza, Klopp, Gebauer, Kullmann, Grzella,  Jansen und Koppmann.

Das älteste existierende Mannschaftsfoto des FC Schalke 04, aufgenommen vor einem Spiel gegen Westfalia Bismarck. Die überlieferten Namen von links hinten nach rechts vorne: Oetzelmann, Gwiasda, Seimetz, Küpper, Gies, Latza, Klopp, Gebauer, Kullmann, Grzella, Jansen und Koppmann.

Foto: Schalke04

Gelsenkirchen.  In einer neuen WAZ-Serie erinnern wir daran, wie Schalke bisher seine Existenzkrisen überstand. Teil 1 beginnt vor über 100 Jahren.

Es gehe „um die Existenz des FC Schalke 04“, betonte Alexander Jobst angesichts der aktuellen Coronakrise. Ein Ausblick auf die zu erwartenden finanziellen Einbußen durch das Virus gibt dem Marketingvorstand Recht – einerseits. Andererseits hat sich der Klub in seiner über 115-jährigen Geschichte wesentlich krisenfester gezeigt als viele andere Vereine ...

Die heutige Massenbewegung namens FC Schalke 04 war gerade zehn Jahre alt, da schien sie bereits am Ende. Im Mai 1904 unter dem Namen Westfalia Schalke gegründet, hatte der anfangs „wilde“ Klub bereits eine Namensänderung hinter sich und schlitterte völlig unverschuldet in die vielleicht bedrohlichste Krise seiner langen und wechselhaften Geschichte. Man schrieb das Jahr 1914: Der Schalker Turnverein 1877, der Westfalia Schalke zwei Jahre zuvor „geschluckt“ und in den offiziellen Liga-Fußball eingegliedert hatte, musste seinen Spielbetrieb in der damaligen B-Klasse einstellen. Grund war der mörderische Erste Weltkrieg, der um ein Haar dafür gesorgt hätte, dass es den heutigen Traditionsklub S04 niemals gegeben hätte.

Als ein gewisser Robert Schuermann die Initiative ergriff

Doch schon damals schien es, als hielte eine unsichtbare höhere Macht ihre schützende Hand über Schalke: Als die zum Frontdienst eingezogenen Spieler und ihre Kameraden nicht, wie von der Kriegs-Propaganda versprochen, an Weihnachten 1914 zurück waren und der leblose Fußballklub einzugehen drohte, ergriff ein gewisser Robert Schuermann die Initiative. Der Bankangestellte sammelte junge Fußballer verschiedener Gelsenkirchener Vereine um sich und gründete mit ihnen das alte Westfalia Schalke neu. „An dieser Stelle bedurfte es wohl einer ganz besonderen Persönlichkeit und auch einer gewissen Beharrlichkeit, damit der Verein weiter fortbestehen konnte“, erläutert Schalkes Vereinshistorikerin Dr. Christine Walther. „Robert Schuermann war an dieser Weggabelung der Geschichte und auch später ein ganz zentraler Faktor für den Werdegang des FC Schalke 04.“

1915 wurde das von Schuermann geführte neue, alte Westfalia Schalke in den Westdeutschen Spielverband (WSV) aufgenommen und konnte immerhin bis ins vorletzte Kriegsjahr 1917 hinein seinen Spielbetrieb aufrecht erhalten. 1918 aber drohte das zarte Fußball-Pflänzchen endgültig zertreten zu werden: von den mörderischen Mechanismen eines Vernichtungskriegs, der erst im November jenes Jahres enden sollte und 16 Schalker Spieler (darunter die Westfalia-Mitbegründer Josef Seimetz und Willy van den Berg) in den Tod beförderte. Hinzu kamen eine dramatische Hungersnot und die „Spanische Grippe“, die zwischen 1918 und 1919 weltweit bis zu 100 Millionen Menschen dahinraffte. Die Sterblichkeit in Gelsenkirchen (ohne Kriegsgefallene) lag in jener Zeit rund 40 Prozent über dem Normalniveau.

In dieser kritischen Situation war es erneut Robert Schuermann, der den Mythos Schalke über die Runden rettete. Anfang 1919 aus dem Krieg heimgekehrt, trommelte der spätere Bankdirektor alle noch einsatzfähigen Westfalia-Spieler zusammen, und am 25. Mai 1919 konnte der Klub tatsächlich seine erste Nachkriegs-Partie bestreiten – gegen einen Kölner Vorort-Verein namens Hacketäuer Mülheim. Doch Westfalia Schalke brachte zu jener Zeit nicht mal mehr eine vollständige Elf zustande, zudem hatte man keinen eigenen bespielbaren Platz – es fehlte jegliche Lebensgrundlage. Der einzige rettende Ausweg war der erneute Zusammenschluss mit dem bürgerlichen Schalker Turnverein 1877, dessen Vorsitzender Fritz „Papa“ Unkel später eine prägende Figur bei den Königsblauen werden sollte.

Schalke-Historikerin erinnert an Fritz Unkel

„Unkel, der dem Verein zwischen 1912 und 1939 insgesamt 22 Jahre als Präsident vorstand, stammte selbst aus dem Turnerlager“, erklärt Dr. Christine Walther. „Dazu muss man wissen: Die Turner waren dem konkurrierenden Lager der Fußballer nicht unbedingt wohlgesonnen. Dennoch dürfte Fritz Unkel irgendwann eine gewisse Zuneigung zum Fußball entwickelt haben. Nach allem, was man heute weiß, hatte er sowohl 1912 als auch 1919 dafür gesorgt, dass Westfalia Schalke sich mit dem TV 1877 zusammenschließen konnte, um den Fußball-Spielbetrieb aufrecht zu erhalten.“

Keine Heirat aus Liebe, aber es entstand ein entzückendes Kind

Die zweite Fusion im Juli 1919 aber war ein Zusammenschluss auf Augenhöhe: Westfalia und TV 1877 einigten auf den neuen gemeinsamen Namen Turn- und Sportverein (kurz: TuS) Schalke. Gespielt wurde auf der im Krieg als Schuttabladeplatz genutzten Rasensportfläche an der Grenzstraße. Zwar geschah die erneute „Heirat“ zwischen Fußballern und Turnern nicht unbedingt aus Liebe, doch sie sollte letztlich ein entzückendes Kind hervorbringen: den am 5. Januar 1924 aus der Taufe gehobenen FC Schalke 04.

Ganze drei Jahre später feierten die Königsblauen, die im Gründungsjahr 1904 noch Gelb und Rot getragen hatten, ihren ersten großen Erfolg: die Ruhrbezirksmeisterschaft 1927. Eine goldene Generation um die Eigengewächse Ernst Kuzorra und Fritz Szepan war auf dem Weg, das einst so zarte Pflänzchen Schalke zum mit Abstand beliebtesten Verein Deutschlands hochzupäppeln. „Dass es dazu überhaupt kommen konnte, ist aus heutiger Sicht vor allem Robert Schuermann und Fritz Unkel zu verdanken“, bilanziert Dr. Walther. „Während Schuermann wohl vor allem von großer persönlicher Fußballbegeisterung getrieben war, hatte Unkel vermutlich auch erkannt, wie identitätsstiftend diese noch relativ junge Sportart war – und zwar über den reinen Spielbetrieb hinaus.“

Heute hat der FC Schalke 04 rund 160.000 Mitglieder und weltweit Millionen von Fans, die ihm auch in den zurückliegenden Jahrzehnten durch so manche Krise halfen. Jener Zusammenhalt ist es, den die Geschichte dieses einzigartigen Vereins lehrt – nicht zuletzt mit Blick auf die aktuelle Coronakrise.

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