Schalke-Aufsichtsrat

Tönnies stellt sich dem Wahlkampf auf Schalke

Schalke-Boss Clemens Tönnies.

Schalke-Boss Clemens Tönnies.

Foto: firo

Gelsenkirchen.  Bei der Schalker Jahreshauptversammlung am 30. Juni steht Clemens Tönnies zur Wiederwahl. Auf Schalke-TV diskutierte er mit seinen Mitbewerbern.

Vier Kandidaten für zwei freie Plätze: Mit dieser Konstellation wird bei der Mitgliederversammlung am 30. Juni der Aufsichtsrat des FC Schalke 04 ergänzt. Die Versammlung in diesem Jahr erfährt nicht nur wegen der sportlich lausigen vergangenen Saison eine erhöhte Aufmerksamkeit. Denn: Mit Clemens Tönnies (63) steht der „gefühlte“ Schalke-Präsident zur Wiederwahl. Auch das Mandat von Peter Lange (63) läuft aus, er kandidiert ebenfalls für eine weitere Amtszeit. Die beiden Herausforderer sind Ingolf Müller (56) und Matthias Rüter (42). Alle vier stellten sich jetzt auf Schalke-TV in der Sendung MitGEredet vor – die einzige S04-Wahlkampfveranstaltung dieser Art.

Heidel und „der große Scherbenhaufen“

Eines vorweg: Der Wahlkampf auf Schalke verläuft in diesem Jahr oberhalb der Gürtellinie – vor drei Jahren, als Tönnies das letzte Mal zur Wiederwahl stand, gab es eine interne Opposition und Grabenkämpfe, die am Ende sogar zum (vorübergehenden) Amtsausschluss eines Aufsichtsrates führten. Diesmal muss sich Tönnies mit Sachthemen auseinandersetzen, die freilich auch unangenehm sein können – wie eben der sportliche Absturz in der vergangenen Saison. Herausforderer Ingolf Müller legt auf Schalke-TV den Finger in die Wunde: „Ich fühle mich an 2011 erinnert, da waren wir gerade Felix Magath losgeworden. Jetzt hat sich Christian Heidel vom Acker gemacht und einen großen Scherbenhaufen zurückgelassen - man kann jetzt noch gar nicht absehen, wie hoch der Schaden ist, den er hinterlassen hat.“

Tönnies kann sich nicht von Heidel freisprechen

Heidels Verpflichtung wurde damals von Tönnies eingestielt, wenn auch im Frühjahr 2016 vom kompletten Aufsichtsrat mehrheitlich abgesegnet. Aber im Endeffekt kann sich Tönnies nicht von Heidel freisprechen – was er auch nicht tut.

„Wir“, sagt Tönnies und meint den gesamten Aufsichtsrat, „waren total von Christian Heidel überzeugt. Wir haben gedacht: Jetzt haben wir da einen, der bewiesen hat, dass er es kann.“

Ohne Stevens wäre es abwärts gegangen

Eigentlich geht das Schuldeingeständnis für den Fehlgriff mit Heidel an dieser Stelle aber noch nicht weit genug, weshalb Tönnies die missglückte Verpflichtung auch noch einmal auf sich selbst projiziert: „Ganz klar liegt die Verantwortung bei mir. Deswegen habe ich mich auch gestellt und gesagt: Ich hau’ nicht ab.“ Tönnies räumt ein, er habe sich „geärgert und geschämt für die Spiele, die wir abgeliefert haben“. Domenico Tedesco sein „ein kleiner, junger und sehr unerfahrener Trainer“ gewesen, seine Ablösung in dieser Situation alternativlos: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir noch ein, zwei Plätze runtergefallen wären, wenn wir das nicht so entschieden hätten.“ Zwei Plätze tiefer – das wäre die Relegation gewesen.

Tönnies: „Ich habe reagiert“

Tönnies ist jedoch so erfahren auf diesem Terrain, dass er die Situation für sich und seine Amtsführung drehen kann. Huub Stevens war der sportliche Retter, weil er seinen Sitz im Aufsichtsrat für ein paar Wochen gegen die Trainerbank eingetauscht hat. Und dass Stevens überhaupt im Aufsichtsrat sitzt, zeigt, dass Tönnies keineswegs beratungsresistent ist – so stellt es zumindest der Vereinschef dar: „Ich habe reagiert, als es vor drei Jahren hieß, es muss mehr sportliche Kompetenz in den Aufsichtsrat. Und was gibt es mehr Kompetenz als Huub?“

Mit solchen Bemerkungen spielt der Schalke-Boss seinen Heimvorteil aus – er muss ja nur darauf hinweisen, wie Schalke in seiner Amtszeit gewachsen ist: „Das Stadion ist bezahlt, und wenn ich mich hier so umgucke, bin ich froh, was wir auf die Beine gestellt haben.“ Erinnert irgendwie an die „blühenden Landschaften“, von denen Helmut Kohl einst sprach – ist aber trotzdem richtig: „Der Umbau des Vereinsgeländes ist durchfinanziert. Was wir dort bauen, hat kein anderer.“

Kandidat Lange aus dem Hintergrund

Gegen den charismatischen „CT“ verblassen die drei anderen Kandidaten. Auch Peter Lange, der ja ebenfalls schon lange im Aufsichtsrat sitzt (seit 18 Jahren), dort aber eher im Hintergrund arbeitet. Sachlich richtig („Ich bin ein großer Fan von Fakten“) weist er darauf hin, dass man Heidels Spielerverpflichtungen nicht dem Aufsichtsrat in die Schuhe schieben könne: „Die sportliche Verantwortung liegt nicht beim Aufsichtsrat, sondern bei der sportlichen Führung. Wir trennen das operative Geschäft vom strategischen.“

Kandidat Müller ein agiler Herausforderer

Der agilste Herausforderer ist Ingolf Müller, der aber auch eher ein Schalke-Profi ist: Er saß schon zwischen 2012 und 2015 im Aufsichtsrat und will nun dorthin zurückkehren. Seinerzeit war er für die Belegprüfung zuständig, aus dieser Tätigkeit leitet er Detailwissen über den Inhalt von Spielerverträgen ab. Außerdem sein Credo: Die Knappenschmiede (damit punktet es sich gut auf Schalke in diesen Zeiten) und ein enger Draht zur Fan-Basis („Ich würde gerne den Fans im Aufsichtsrat eine Stimme verleihen“).

Kandidat Rüter sucht die Schalke-Identität

Etwas leiser tritt Matthias Rüter, ein Unternehmensberater aus Gelsenkirchen, bei der Diskussion auf. Sein Schlagwort ist die Identität: „Wofür steht Schalke 04?“ Eine solche Leitlinie vermisst der 42-Jährige sowohl auf dem Platz („Keine Spielidee“) als auch bei der Verpflichtung von Spielern und Trainern.

Sie alle wollen Schalke auf ihre Art in den kommenden drei Jahren, so lange läuft die Amtszeit, im Aufsichtsrat helfen. Den größten Wunsch für die Zukunft hat Peter Lange, wobei man unterstellen darf, dass alle vier diesen Wunsch haben – nur Lange spricht ihn halt aus: Er wünscht sich mit Blick auf die nächsten zehn Jahre, „dass wir vielleicht mal Deutscher Meister geworden sind, ich bin 63.“ Clemens Tönnies greift nicht ganz so hoch, er verspricht: „Ich werde alles dafür tun, dass wir unter den erste drei, vier der Liga sind, das ist ein klares Ziel.“ Außerdem hebt Tönnies die Knappenschmiede (hier punktet wirklich jeder) und Schalkes soziale Verantwortung („die Stehplatzkarte muss bezahlbar sein“) als seine Ziele hervor.

Er kann nur eins, und das ist Schalke

Wenn man ihn, der seit 1994 dabei ist, denn weiter machen lässt. Tönnies hofft natürlich drauf, aber er sagt auch: „Sollte ich nicht gewählt werden, ist das eine demokratische Entscheidung. Auch dann bleibe ich Schalke gewogen.“ Was anderes kommt für ihn nicht in Frage, das ist keine Frage: „Ich kann nur eins, ich kann nur Schalke.“

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