INTERVIEW

Ata Lameck wird 70: Mit ihm stieg der VfL Bochum nie ab

Stammgast beim Training des VfL Bochum: Ata Lameck.

Stammgast beim Training des VfL Bochum: Ata Lameck.

Foto: Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Services

Bochum.  518-mal spielte Ata Lameck, Kultfußballer des Reviers, für den VfL Bochum in der Bundesliga. Ein Interview über Treue, Popularität - und Wünsche.

In Bochum herrscht gerade Pokal-Euphorie. Seit 2010 ist der VfL Zweitligist, die Fans fiebern dem Zweitrundenspiel gegen den großen FC Bayern am 29. Oktober entgegen. Michael Lameck, den alle nur Ata nennen, hat schon eine Karte, natürlich. Und diese Karte verdeutlicht den Stellenwert dieses Mannes in diesem Verein: Sein Bild ist aufgedruckt, es stammt aus den Achtzigern. Am Sonntag wird Ata Lameck, der 518 Bundesligaspiele für die damals unabsteigbaren Bochumer bestritt, 70 Jahre alt.

Bringen wir es gleich am Anfang hinter uns, Herr Lameck. Ihr geliebter VfL steht nach fünf Spieltagen in der Zweiten Liga auf einem Abstiegsrang. Das schmerzt sicherlich.

Michael Lameck: Natürlich tut das weh. Ich lebe ja hier in Bochum, ich bekomme ja alles mit, die Leute machen sich natürlich Sorgen um den VfL. Dieser Verein hat eigentlich andere Ambitionen, in den vergangenen Jahren ist wiederholt der Aufstieg angepeilt worden. Ich schaue mir oft das Training an, gerade komme ich wieder da her. Ich setze darauf, dass der neue Trainer Thomas Reis das Beste aus der Mannschaft herausholt. Aber er spielt ja nicht selbst, die Spieler sind jetzt gefragt. Der VfL braucht Punkte, und meinetwegen kann er die auch mit der Brechstange holen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Anfänge in Bochum? Sie kamen als gebürtiger Essener 1972 von Schwarz-Weiß Essen zum VfL.

Lameck: Ich hatte auch Angebote aus Innsbruck und von Fortuna Köln. Das hat Heinz Höher mitbekommen, der damals mein Trainer bei Schwarz-Weiß war und nach Bochum wechselte. Er hatte mich in Essen vom Stürmer zum Mittelfeldspieler umfunktioniert, weil er gesehen hatte, dass es schwer war, an mir vorbeizukommen. Er wollte mich unbedingt mitnehmen. Also habe ich mir irgendwann gesagt: Okay, das mache ich jetzt. Ich wechsele in die Bundesliga und setze mich da durch.

Eine selbstbewusste Haltung für einen Debütanten.

Lameck: Ich wusste, dass der Trainer mir vertraut. Aber ich habe mich darauf nicht verlassen. Vor meinem Start in Bochum bin ich nach Berchtesgaden gefahren und habe da zwei Wochen lang intensiv für mich trainiert. Ich wollte es allen zeigen. Bei meinem ersten Spiel in Braunschweig haben wir 2:0 gewonnen. Es hört sich jetzt überheblich an, ist aber nicht so gemeint: Ich habe danach tatsächlich gefragt, ob das alles war. Ich hatte mir die Bundesliga anstrengender vorgestellt, aber ich war gut vorbereitet.

Sie gehören zum Club 500, zu den elf Spielern, die mehr als 500 Bundesligaspiele geschafft haben. Wie kommt man auf so eine beeindruckende Zahl?

Lameck: Das Geheimnis ist die Einstellung. Mich musste keiner motivieren. Wenn ich samstags gut gespielt habe, habe ich anschließend sofort wieder so trainiert, als müsste ich mich für die erste Elf neu empfehlen. Das war mein Vorteil. Hinzu kommt natürlich, dass ich das große Glück hatte, nie lange verletzt gewesen zu sein. Heute habe ich zwei neue Hüften, damals war meine Gesundheit die Basis für meine Beständigkeit.

Sie haben all’ Ihre Bundesligaspiele für den VfL gemacht. Diese Vereinstreue ist heutzutage fast undenkbar.

Lameck: Man kann die Zeiten nicht mitein­ander vergleichen. Heute mischen Berater mit, die vor allem bei Wechseln mitverdienen. Wenn ein Berater heute sagt, du kannst beim nächsten Verein mehr verdienen, dann fragt der Spieler nicht mal zurück: Wohin bringst du mich denn?

Ich behaupte mal frech, dass nicht alle derzeitigen VfL-Profis von vielen Menschen erkannt werden, wenn sie sich in der Stadt blicken lassen. Sie hingegen sind bis heute ein Gesicht des VfL geblieben und werden auf der Straße angesprochen.

Lameck: Ich rede auch gerne mit den Leuten. Ich sage mir: Die haben mich doch früher durch ihre Eintrittskarten bezahlt. Ich bleibe stehen und unterhalte mich, wenn mich einer fragt: Ata, was ist denn mit dem VfL los?

Auch damit erklärt sich Ihre enorme Popularität.

Lameck: Na ja, ich bin einfach normal geblieben. Ich bin ein Ruhrpottjunge, ich weiß, woher ich komme. Und ich bin ein Nachkriegskind. Wenn ich mir früher mal Pommes geholt habe, dann musste ich genau nachzählen, ob auch noch ein paar Pfennige für Mayonnaise übrig waren.

Früher hatten alle Fußball-Originale Spitznamen. Ihrer stammt aus der Kindheit.

Lameck: Wir haben in Essen auf Asche gepöhlt, bis es hieß: Den kriegst du mit Wasser und Seife nicht mehr sauber, den musst du mit Ata abschrubben.

Sie sind heute eine Symbolfigur in Bochum. Der Name Ata Lameck steht für bessere Bochumer Zeiten, für den unerschütterlichen Widerstand des Außenseiters VfL. Während Ihrer langen Karriere ist der VfL nie abgestiegen. Warum?

Lameck: Ganz einfach: Weil wir sieben, acht, neun Leute hatten, die über Jahre ein Gerüst gebildet haben. Dazu kamen dann Talente aus der Region, und die passten sofort zu uns. Diese Kontinuität, dieser Zusammenhalt, das war unsere Stärke. Und wir haben uns trotz der Nachbarschaft von Schalke 04 und Borussia Dortmund behauptet. Dortmund war in den Siebzigern Zweitligist, Schalke in den Achtzigern. Der VfL nicht. Wir waren wirklich ein Team.

Und das über ein paar Jahre auch mit Rolf Schafstall als Trainer, der als ganz harter Hund galt.

Lameck: Ach, meine Generation, also Jungs wie Jupp Tenhagen, Hermann Gerland, Walter Oswald, Lothar Woelk und ich, wir wussten doch, wie der war. Das war eben noch eine Zeit der rauen Töne, manchmal haben wir gar nicht hingehört. Aber eigentlich war es simpel: Hast du Leistung gebracht, hat er dich aufgestellt – und du hattest keine Probleme mit ihm.

An welche Ihrer 518 Bundesligaspiele erinnern Sie sich besonders?

Lameck: Da fällt mir der Abend ein, an dem das Flutlicht in Bochum eingeweiht wurde. Die großen Gladbacher kamen, und wir haben sie 3:0 besiegt. Einmal waren wir fast abgestiegen, 1976, als wir wegen des Umbaus des Ruhrstadions in Herne spielen mussten. Wir haben gegen Eintracht Frankfurt zur Halbzeit 1:2 zurückgelegen und noch 5:3 gewonnen. Dann natürlich das 5:6 gegen die Bayern nach 4:0-Führung, unfassbar. Und der 6:0-Sieg in Schalke, als wir gerade von einer Amerika-Tour zurückgekommen waren.

Hand aufs Herz: Beneiden Sie die Spieler von heute für das viele Geld, das sie verdienen?

Lameck: Ich habe zu meiner Zeit auch ordentliches Geld verdient. Was ist denn mit denen, die vor uns gespielt haben? Die Weltmeister von ‘54 haben vergleichsweise gar nichts verdient. Alle meine Mitspieler von damals sehen das wie ich: Wir sind nicht neidisch.

Sie werden nun 70 Jahre alt. Eine Zahl, vor der Sie Respekt haben? Bei der Sie innehalten?

Lameck: Geburtstage waren mir noch nie wichtig. Die Zahl interessiert mich gar nicht. Ich habe genau zwei Wünsche: dass ich gesund bleibe, und dass der VfL am Sonntag gegen Dresden damit anfängt, Punkte zu holen, um aus dem Keller zu kommen.

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