VfL in der Corona-Krise

VfL Bochum: So kontrolliert Trainer Thomas Reis seine Profis

Auf dem Trainingsplatz steht Thomas Reis derzeit nicht. Die Profis des VfL Bochum haben individuelle Trainingspläne für daheim bekommen.

Auf dem Trainingsplatz steht Thomas Reis derzeit nicht. Die Profis des VfL Bochum haben individuelle Trainingspläne für daheim bekommen.

Foto: Roland Weihrauch / dpa

Bochum.  Die Profis des VfL Bochum sind es gewohnt, dass ihre Leistungsdaten überwacht werden. Das ändert sich auch beim Heimtraining wegen Corona nicht.

Der gemeinschaftliche Trainingsbetrieb ruht bei allen Fußballern. Für die Trainer von Profi-Teams, die ihre Teams ansonsten fast täglich sehen, ist das eine Umstellung. Auch Thomas Reis, Trainer des VfL Bochum, erlebt derzeit eine Phase in seiner Trainertätigkeit, die er so noch nicht erlebt hat.

Hallo Herr Reis, die Mannschaft und ihre Trainer haben sich nun elf Tage nicht mehr gesehen. Oder doch – per Videokonferenz? Anders gefragt: Wie wird der Teamgeist hochgehalten?
Die Mannschaft in Gänze hat sich nicht gesehen, auch nicht per Videokonferenz. Natürlich ist die Kontaktaufnahme im Vergleich zum normalen Trainingsbetrieb derzeit ein wenig erschwert, aber die Kommunikation via Telefonate und WhatsApp-Mitteilungen funktioniert. Gerade zum Mannschaftsrat ist der Kontakt regelmäßig da. Um den Teamgeist mache ich mir keine Sorgen, die Situation ist ja für alle Zweitligisten momentan identisch. Es sind keine einfachen Zeiten, aber wir machen das Beste draus, arbeiten an der Fitness und hoffen, dass wir demnächst gemeinsam wieder ins Training starten können.

Wie sieht das Trainingsprogramm für die Spieler aus, wie wird es kontrolliert, wie ist der aktuelle Fitness-Stand?
Die Jungs sind nun in der zweiten Woche mit individuellen Trainingsplänen versorgt worden. Die erste Woche war für sie nicht so schön, weil dort lange Läufe anstanden, obwohl die Grundlagenausdauer bei allen sehr gut ist. Dennoch haben wir darauf mehr Wert gelegt, weil wir ja nicht genau wussten und immer noch nicht wissen, wann wir wieder gemeinsam oder in Gruppen anfangen können zu trainieren. Also müssen wir die Voraussetzungen schaffen, um auf alle Szenarien vorbereitet zu sein – auch darauf, dass eventuell nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs alle zwei Tage ein Spiel stattfindet und somit kaum Zeit fürs Training wäre. In dieser Woche machen wir sehr viele Intervallübungen, wobei die Intensität noch einmal zunimmt. Kürzere Sequenzen, kürzere Abstände, Sprintbewegungen. Kontrolliert wird es über das GPS-basierte Analyse-Tool „Polar Pro“. Die Jungs laden die Daten hoch, sodass wir nachvollziehen können, wie die Aufgaben erfüllt worden sind. Jeder Spieler hat seinen individuellen Rhythmus, eine andere Pulsfrequenz und eine andere Intensität in der Belastung. Nach der Auswertung der Daten berate ich mich mit unserem Leistungsdiagnostiker Rexhep Kushutani und dem Athletiktrainer Jörn Menger, wie wir in puncto Trainingssteuerungen weiter vorgehen, auch hinsichtlich der dritten Woche im Home-Office-Training.

Und der Trainer? Wie halten Sie sich fit, womit beschäftigen Sie sich den ganzen Tag?
Der Trainer hält sich natürlich auch fit und fährt sein eigenes Programm. Ich habe den Crosstrainer aufgebaut, dazu noch einen Hometrainer. Der Hund muss auch spazieren geführt werden, die Lebensgefährtin ist zudem sehr sportlich und animiert mich mitzumachen. Das Fahrrad kommt bei dem guten Wetter auch zum Einsatz, für ausreichend Bewegung ist also gesorgt. Dazu gibt es sehr lange Videostudien, was die bisherigen Saisonspiele angeht. Auch da geht es in die Tiefenanalyse, man schaut sich die Abläufe an und erkennt, woran es gegebenenfalls hakte. Zuletzt hatten wir speziell auf den Fall hintrainiert, eine Führung zu verteidigen. Es war eines der großen Mankos in dieser Saison, dass wir Führungen nicht über die Zeit gebracht haben. Da haben wir verschiedenen Maßnahmen ergriffen, um den Ernstfall zu simulieren. Ich gehe davon aus, dass das weiterhin ein Schwerpunktthema sein wird, wenn der reguläre Trainingsbetrieb wieder aufgenommen werden kann. Damit einhergehend würden wir daran arbeiten, weniger Tore zu kassieren. Auch da haben wir Nachholbedarf, obwohl wir es im vorläufig letzten Saisonspiel bestmöglich gelöst haben.

Und die Spieler? Sitzen die in ihrer Freizeit jetzt nur vor dem PC und zocken Fifa? Gibt es da Verhaltensregeln, auch in punkto Ernährung?
Was die Verhaltensregeln angeht, haben wir zunächst einmal festgelegt, dass alle in Deutschland bleiben sollen. Und was die Freizeitgestaltung angeht: Da haben wir uns in den Prä-Corona-Zeiten nicht eingemischt und werden das auch nunmehr so handhaben. Wir haben viele Familienväter im Kader, die sind verantwortungsbewusst und haben somit genügend Zeit, sich um ihre Lieben zu kümmern. Bei den jüngeren Spieler kann es schon sein, dass deren Konsolen-Skills sich aktuell verbessern, auch wenn ich die Hoffnung hege, dass sie sich nicht ausschließlich damit beschäftigen. Da es Athleten und Bewegungssportler sind, werden sie sich auch genügend an der frischen Luft bewegen. In puncto Ernährung setzen wir viel auf Eigenverantwortung. Aber was sich schon im Normalbetrieb beobachten ließ: Auch die jüngeren wissen, was gut für ihren Körper ist und ernähren sich entsprechend gesund. Schließlich haben sie bei den Vorträgen von Experten, die wir zu diesem Thema angeboten haben, gut zugehört.

Auch Spieler und Trainer des VfL verzichten auf Teile ihres Gehaltes. Beteiligen Sie sich darüber hinaus an Hilfs- oder Spendenaktionen jenseits des Fußballs? Gibt es Spieler, die andere unterstützen?
Im Detail weiß ich es nicht. Dass Patrick Fabian sich für den Tierschutz einsetzt und Simon Zoller für den Kinderschutz, ist bekannt. Aber ich finde, privates Engagement muss man nicht immer an die große Glocke hängen. Was nicht heißt, dass ich Aktionen wie zum Beispiel von Leon Goretzka nicht klasse fände.

Wenn Sie die Wahl hätten: Wäre Ihnen ein Saisonabbruch lieber oder dass die Saison mit Geisterspielen zu Ende gespielt wird?
Als Sportler habe ich den Ehrgeiz, eine Saison auf dem sportlichen Wege zu Ende zu bringen. Und wenn es gesundheitlich vertretbar ist, werden wir die Saison auch auf dem sportlichen Weg beenden. Und zwar so, dass am Ende der Klassenerhalt steht. Natürlich möchte man als Fußballer gerne vor Publikum spielen. Aber auch da gilt: Die Gesundheit steht über allem. Und wenn Massenveranstaltungen nicht durchführbar sind, wären Spiele ohne Zuschauer die Alternative, die wir dann gerne in Kauf nähmen. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre es für den VfL von großem Vorteil.

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