Nationalmannschaft

Warum Nordirlands Fans Sehnsucht nach echter Stimmung wecken

Laut und emotional: die nordirischen Fans feuerten ihr Team in Frankfurt laut an.

Laut und emotional: die nordirischen Fans feuerten ihr Team in Frankfurt laut an.

Foto: firo

Frankfurt.  Die nordirischen Fans gaben beim Länderspiel in Frankfurt gegen Deutschland den Ton an. Warum bekommen das die deutschen Fans nicht hin?

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„Die haben gesungen, als hätten sie 6:1 gewonnen“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Das taten sie, die geschätzt 5000 nordirischen Fans beim EM-Qualifikationsspiel in Frankfurt. Und sorgten für etwas, das bei Länderspielen mit deutscher Beteiligung oft schmerzlich vermisst wird: Stimmung.

Viele Plätze in den großen Fußballarenen des Landes bleiben leer, wenn die Nationalmannschaft kommt. Das hat Gründe. Die Eintrittskarten für DFB-Spiele sind teuer, genauso wie das Fantrikot. Ein Fanklub, der von einem Getränkehersteller gesponsert wird, organisiert Choreographien, die er selbst als Kurvenshow bezeichnet. Wer Tickets für große Turniere haben will, kann sie nur über diesen beziehen. Kritik kommt immer wieder an Marketing-Aktionen rund um die Marke „Die Mannschaft“ auf. Seit der Partie gegen Weißrussland steht eine Blaskapelle im Block. Nicht nur Fußball-Puristen blutet da das Herz.

Nordirische Fans protestieren gegen den Kommerz

Besonders groß ist die Sehnsucht nach natürlicher Fankultur, wenn genau die im Gästeblock gelebt wird. Die Fans aus Nordirland sangen in einer Tour durch. Vor dem Spiel. Nach dem Spiel. Immer laut, immer kräftig. Manchmal provokant.

Als aus den anderen Blöcken eine Laola-Welle angestimmt wird, täuschen die Nordiren an mitzumachen. Kurz bevor die Welle zum Gästeblock überschwappt fangen sie an zu applaudieren. Die Welle wird unterbrochen.

Cyprian Piskurek forscht an der TU Dortmund zur britischen Fankultur. Er sagt zu den Laola-Wellen: „Die Ablehnung findet auf zwei Ebenen statt: Zum einen kann man zeigen, dass man es nicht mit dem sportlichen Favoriten Deutschland hält, zum anderen ist es ein Protest gegen die Kommerzialisierung. Die Laola-Wellen sind der Inbegriff der choreographierten Fankultur.“

Länderspiele haben selten sportliche Relevanz

Dass die Nordiren genau das symbolisieren, was in Deutschland bei Länderspielen abhanden gekommen ist, hat verschiedene Gründe. „In Deutschland herrscht eine Form von Abgestumpftheit. Länderspiele sind keine sportlich relevanten Wettbewerbe bis es zur EM oder WM geht. In Nordirland, wo es keine relevante nationale Liga gibt, haben Länderspiele eine höhere sportliche Bedeutung“, erklärt Piskurek. „Aktuell spielt auch die unklare politische Lage durch den Brexit eine Rolle. Die Nordiren haben, wie die Schotten, für einen Verbleib in der EU gestimmt. In der Öffentlichkeit wird Großbritannien hingegen als eine große politische Masse wahrgenommen. Länderspiele bieten die Chance, der eigenen Nation eine Stimme zu geben.“

Nicht zu vergessen der sportliche Erfolg der kleineren Verbände von der Insel. Bei der Europameisterschaft 2016 schaffte es Wales bis ins Halbfinale, Nordirland ins Achtelfinale – während ausgerechnet die Engländer, die großen Rivalen, früh gegen Island gescheitert sind. „Ein ganz zentrales Merkmal von kleineren Verbänden wie Nordirland, Wales oder Schottland ist es, sich von der übermächtigen englischen Fankultur abzugrenzen“, so Piskurek. Von diesem Erfolg zehren diese Länder noch heute.

Fanclub Nationalmannschaft hat nichts mit der Basis zu tun

Die Leistungen der deutschen Mannschaft gingen nach dem Weltmeistertitel 2014 zurück - und fanden mit dem Vorrundenaus in Russland ihren Tiefpunkt. Der Verband irritierte dafür umso mehr mit diversen Marketingaktionen. Einen Gegenpol in den Kurven, der dieser Entwicklung entgegen tritt, gibt es nicht. Diese Fans bleiben lieber zuhause. Piskurek erklärt: „Der Fanclub der Nationalmannschaft ist komplett von oben orchestriert. Das hat nichts mehr mit der Fankultur zu tun, die sich ursprünglich von der Basis entwickelt hat.“

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