Handball

Christian Prokop: „Es ist noch nicht vollendet“

Handball-Bundestrainer Christian Prokop

Handball-Bundestrainer Christian Prokop

Essen.  Handball-Bundestrainer Christian Prokop setzt sich bei der EM und für Olympia hohe Ziele. Er spricht im Interview über Fans und die Bundesliga.

Eine solche Redaktionskonferenz am Morgen erleben wir auch nicht alle Tage. Wir stehen vor unserer Videowand, beurteilen die Zeitung vom Tag, bewerten die aktuellen Online-Inhalte, diskutieren über neue Themen – und diesmal redet ein Bundestrainer mit. Handball-Nationaltrainer Christian Prokop (40) ist vor dem Start der Bundesliga zu Gast in unserer Sportredaktion in Essen. Dass wir seine Arbeit interessant finden, liegt in der Natur unseres Berufs. Dass er sich auch für unsere interessiert, freut uns. Er nimmt sich viel Zeit für ein ausführliches Interview.

Herr Prokop, am Mittwoch waren Sie beim Supercup zwischen Flensburg und Kiel in Düsseldorf. Jetzt wissen Sie bestimmt schon, wer Deutscher Meister wird, oder?

Christian Prokop: (lacht) Mit Sicherheit hat man die zwei Mannschaften gesehen, die unter anderem dafür in Frage kommen. Ich rechne vor allem mit einem Dreikampf und zähle die Rhein-Neckar Löwen noch dazu. Aber auch andere Teams, wie Magdeburg, die eine sehr gute Entwicklung genommen haben oder auch die MT Melsungen, die sich gut verstärkt haben, werden mit höheren Ansprüchen ins neue Spieljahr gehen.

Die Bundesliga vermarktet sich seit vielen Jahren als die stärkste Liga der Welt. Ist sie das überhaupt noch?

Sie kommen aber gleich mit ganz schweren Fragen (lacht). Wenn wir an die zuletzt verpasste Teilnahme am Finalturnier der Champions League in Köln denken, dann müssen wir uns eingestehen, dass wir in der Spitze Nachholbedarf haben. Manchmal sind es aber auch nur Kleinigkeiten, Pech oder eine unglückliche Schiedsrichter-Entscheidung, die die Halbfinalteilnahme einer deutschen Mannschaft in den vergangenen Jahren verhindert haben. Wir sind nicht weit weg, müssen in der Spitze aber weiter zulegen. Ich bin jedoch optimistisch, dass durch die neue Trainergeneration neuer Schwung reinkommt. Flensburgs Trainer Maik Machulla geht mit sehr viel Energie und Ehrgeiz ans Werk. Ich bin auch gespannt, was Filip Jicha aus dem THW Kiel machen wird. Mit Kristjan Andresson ist bei den Rhein-Neckar Löwen ebenfalls ein sehr gut ausgebildeter Kollege im Amt. In der Breite und vom Zuschauerzuspruch haben wir ohnehin die beste Liga der Welt.

"In der Weiterentwicklung unserer Rückraumspieler sind wir gefordert"

Vlado Stenzel, als Weltmeistertrainer von 1978 eine Legende, hat jüngst das Training der Bundesligateams kritisiert. Es werde mehr Wert auf Kraft- als auf Individualtraining gelegt.

Man muss vorsichtig sein mit solchen Pauschalaussagen. Jeder hat das Recht, seine Meinung zu sagen, aber man sollte schon differenzieren. Wir müssen nicht drumherum reden, dass einiges an Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist, auch Teile der Nationalmannschaft sind da betroffen. Gerade in der Weiterentwicklung unserer Rückraumspieler sind wir gefordert, eine Schüppe draufzulegen gegenüber der internationalen Topkonkurrenz. Hier sind technisch/taktische Verbesserungen und die Ausbildung mentale Stärke wichtige Entwicklungspunkte in den Clubs. Aber es gibt auch Vereine, die hervorragende Arbeit leisten. Ich bin jedenfalls kein Freund davon, alles über einen Kamm zu scheren.

Nun geht es in die erste Saison ohne den Traditionsklub VfL Gummersbach. Ist es nicht ein Rückschlag für den deutschen Handball, wenn solch ein Traditionsklub die Liga nicht halten kann?

Ja, keine Frage, das ist ein Verlust für die Bundesliga. Ich hoffe, dass es für Gummersbach nur ein temporärer Aufenthalt in der 2. Liga ist.

In der 2. Liga spielt Gummersbach am Samstag gegen Tusem Essen. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Tusem, mit dem Sie 2013 als Trainer aus der Bundesliga abgestiegen sind?

Die Zeit ist mir trotzdem sehr positiv in Erinnerung geblieben, auch wenn es leider nur ein Dreivierteljahr war. Ich konnte damals eine richtig ehrgeizige und hochtalentierte Mannschaft formen, die sich von Spieltag zu Spieltag entwickelt hat. Am Ende hatten wir lediglich acht Punkte, aber es gab viele sehr knappe Niederlagen. Die meisten Spieler sind danach ihren Weg gegangen.

Beispielsweise Julius Kühn, Patrick Wiencek und Fabian Böhm, die betreuen Sie nun im Nationalteam.

Auch Ole Rahmel beispielsweise. Der Tusem hatte damals eine sehr gute Personalpolitik und hat es immer geschafft, ein attraktives Paket aus Ausbildung und Spielanteilen in der stärksten Liga hinzubekommen. Es war eine tolle Mischung und eine gute Zeit. Deshalb war es ärgerlich, dass wir den Klassenerhalt nicht geschafft haben. Wobei die Ausgangslage mit null Punkten im November keine einfache war und auch wirtschaftliche Rückzüge eine Rolle gespielt haben.

"Ich bin froh, dass Uwe seine Auslandserfahrung so stark genutzt hat"

Ihr Kapitän Uwe Gensheimer ist zurück aus Paris und spielt wieder bei den Rhein-Neckar Löwen. Ist es für Sie als Bundestrainer wichtiger, wenn einer wie er in einem internationalen Topteam spielt, oder ist es besser, dass sich das Gesicht der Nationalmannschaft wieder in der Bundesliga zeigt?

Es ist so, wie Sie es sagen: ein zweischneidiges Schwert. Ich bin froh, dass Uwe seine Auslandserfahrung so stark genutzt hat. Er hat nicht nur Titel errungen und mit internationalen Topspielern trainiert, sondern sich auch als Persönlichkeit und in seiner Ausstrahlung enorm gesteigert. Wenn man auf die WM im Januar zurückblickt, wie er da der Mannschaft in schwierigen Situationen Mut zugesprochen und das Publikum animiert hat. Daher war der Aufenthalt in Paris ein enormer Gewinn. Aber ich bin auch froh darüber, meine Spieler vor Ort zu sehen, und dass die Fans in der Bundesliga die Gesichter unserer Sportart präsentiert bekommen.

Die Funktionäre der Bundesliga haben von Ihnen die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio gefordert. Viel Druck aus den eigenen Reihen?

Nein, gar nicht. Das habe ich erwartet, und ich habe mich sogar über diese Forderung gefreut. Uns ist ja bekannt, dass die Nationalmannschaft im zurückliegenden Januar bei der WM für Begeisterung bei Handballfans gesorgt hat, aber auch bei Zuschauern, die sonst nicht viel mit dem Handball zu tun haben. Aber wir haben nicht vollendet, was wir begonnen haben. Wir sind noch nicht fertig, wir haben weiterhin Appetit, bei der EM im kommenden Januar und eventuell im darauffolgenden Olympia-Qualifikationsturnier alles richtig zu machen und diesen Hunger mit einer Medaille zu stillen. Ich freue mich neben der Forderung aber auch auf die Unterstützung der Klubs. Denn es geht nur gemeinsam, unsere Sportart weiterhin so attraktiv darzustellen.

Welchen Effekt hatte die Heim-WM, bei der Ihr Team Vierter wurde?

Das Turnier ist nun sieben Monate her, und es ist Zeit, nach vorne zu blicken und an Verbesserungen zu arbeiten. Persönlich aber habe ich den Eindruck, dass uns seit dem Turnier pure Begeisterung entgegenschlägt. Wohin wir auch kommen, wir werden vom Publikum mit offenen Armen empfangen.

"Wir leben von der Begeisterung unserer Fans"

Ihre Spieler bleiben manchmal eine Stunde lang draußen, um Autogramme zu schreiben. Ist genau das eine Chance für den Handball, diese Nähe zu den Fans?

Das zeichnet unsere Sportart aus. Wir leben von der Begeisterung unserer Fans und wollen auch etwas zurückzahlen und nicht nach dem Abpfiff in den Katakomben verschwinden. Es ist einfach ein starkes Signal unserer Spieler, dass sie immer wieder zeigen, wie wichtig die Fans für uns sind.

"Das Entscheidende in unserer Mannschaft ist das Wir-Gefühl"

Wie weit ist die Nationalmannschaft nun zwischen der zurückliegenden WM und der kommenden EM?

Nach der letzten Abrechnung zählen wir zu den besten vier Mannschaften der Welt. Davon lassen wir uns aber nicht blenden. In der Abwehr haben wir unser Siegfundament und sind taktisch variabel. Wir haben Positionen, auf denen wir über Weltklasseformat verfügen und Positionen wo wir uns verbessern müssen. Mannschaftlich haben wir Nachholbedarf im Tempospiel, das wir effektiver und mutiger gestalten wollen und wir müssen unsere klaren Chancen besser nutzen. Das Entscheidende in unserer Mannschaft ist das Wir-Gefühl, und da haben wir einen großen Schritt nach vorne gemacht.

Wenn deutsche Mannschaften etwas gewonnen haben, waren immer auch Weltklassespieler dabei. Andererseits brauchen Sie Teamgeist. Ist die Mischung das Erfolgsrezept?

Genau, wir brauchen Energie und Bereitschaft, zusammen das Maximale zu erreichen. Das spüre ich bei dieser Mannschaft. Dass wir Lust haben auf die EM, dass wir Lust haben auf Olympia. Dass wir mehr erreichen wollen als bei der WM. Das werden wir aber nur schaffen, wenn jeder Einzelne noch härter und konstant an sich arbeitet und die Aufgaben, die er gestellt bekommt, umsetzt. Mein Hauptaugenmerk wird neben der Abwehrarbeit auf der Entwicklung unserer Rückraumspieler legen. Dort werden die Chancen für die anderen Positionen kreiert.

Umso bitterer, dass Martin Strobel nach seiner schweren Knieverletzung seit der WM noch immer nicht wieder einsatzbereit ist.

Ja, das ist sehr bitter. Vor allem, weil es sich bewahrheitet hat, dass die Entscheidung, auf ihn zu setzen, richtig war. Martin arbeitet professionell, hat das Spiel verstanden und ist ein absoluter Teamplayer. Derzeit befindet er sich auf einem guten Weg der Heilung. Wir müssen abwarten. Ich würde mir wünschen, dass Martin unseren Weg im kommenden Jahr weiter mitgeht. Aber wir werden auf Rückraum-Mitte, der zentralsten Position, eine Mehrfachlösung anstreben. Wir haben noch nicht diesen einen klassischen Typen wie einst Markus Baur bei der WM 2007, der das Spiel 60 Minuten in den Händen hält.

"Konkurrenz ist im Leistungssport entscheidend"

Sie haben einen Kern, der bereits bewiesen hat, dass er eine starke WM spielen kann. Wie breit lassen Sie die Tür für neue Spieler auf?

Wir haben ja auch nur wenige Tage, die wir gemeinsam als Nationalmannschaft vor der EM zur Vorbereitung verbringen werden. Also werden die Leistungen und die Entwicklung in der Bundesliga zählen. Zum anderen wird ein vertrauter Stamm dieser WM-Mannschaft auch die EM spielen, das steht außer Frage. Aber Konkurrenz ist im Leistungssport entscheidend. Es gibt Positionen, auf denen sich mehrere Spieler nach oben rangeln. Das möchte ich auch sehen. Ich möchte einen Mix aus Vertrautheit und jener gewissen Unsicherheit schaffen, ob ich als Spieler auch dabei bin. Das dient der Leistungssteigerung.

Sie versammeln das Nationalteam im Oktober und dann erst wieder kurz vor der EM im Januar.

Entscheidend ist deshalb die Arbeit zwischen den Lehrgängen, die Unterstützung durch meine Trainerkollegen.

Ist die Arbeit im Verein ehrgeizig und detailliert, werden wir das direkt in der Nationalmannschaft spüren. Nach 2007 und 2019 hat jeder begriffen, dass die Nationalmannschaft das Zugpferd dieser Sportart ist, auch wenn die Liga unsere Basis darstellt. Ein möglicher Erfolg bei der EM und bei Olympia gäbe der gesamten Sportart weiter Auftrieb.

Ihr Einstand bei der EM 2018 in Kroatien endete in der Hauptrunde, danach hagelte die Kritik auf Sie ein. Wie haben Sie diesen massiven Gegenwind verarbeitet?

Da gibt es viele Wege. Großen Rückhalt hatte ich von meinem direkten Umfeld, ich bin aber auch sehr selbstkritisch mit der Situation umgegangen, um für mich zu entdecken, wo es für mich Potenziale gibt, diese veränderten Anforderungen im Vergleich zu einem Vereinstrainer zu finden, um Erfolg zu haben. Ich bin keinesfalls blauäugig in diesen Job gegangen, aber man musste das eine oder andere selbst erleben, um die richtigen Lehren zu ziehen. Das war wichtig für mich, um wie jetzt auf einem guten, aber noch nicht sehr guten Weg zu sein.

"Es war falsch, die Spieler nicht mitzunehmen"

Sie haben unter anderem Ihren Führungsstil geändert, weg vom „Frontalunterricht“, wie Sie es einst nannten, hin zur Mitsprache der Spieler. War das schwer?

Schwer war es nicht. Als Trainer hat man seine Traumphilosophie, und einer muss das Zepter ja in der Hand halten. Aber es war falsch, die Spieler nicht mitzunehmen. Ein gewisses Mitspracherecht einzuräumen, Feedback einzuholen, taktische Dinge an ihren Stärken anzupassen ist daher ein richtiger Weg, den ich weitergehen werde.

Bei der EM 2018 wirkten Sie verbissen und angespannt, bei der WM 2019 dagegen viel lockerer.

Das hat auch mit dem Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Mannschaft zu tun, das erst einmal wachsen musste. Während der EM hatten wir eine einigermaßen gute Vorrunde und dann in der Hauptrunde immer weiter abgebaut. Das hat dazu beigetragen, dass all die Angespanntheit, die Verkrampftheit und die Wut auf die Spieler übertragen wurde. Bei der Heim-WM hatten wir viele Situationen, in denen wir unter Druck liefern mussten. Die haben wir überstanden, und dadurch wächst auch das Vertrauen ineinander.

Holen Sie sich auch Rat?

Ja.

Bei Leuten aus dem Handball?

Nein. Es sind verschiedene Leute. Ein Sportpsychologe, mit dem ich einen engen Austausch habe. Es gibt auch einen unregelmäßigen, aber sehr gewinnbringenden Austausch mit dem ehemaligen Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters, der ähnliche Situationen erlebt hat wie ich und oft passende Ratschläge findet.

"Ich meide die Sozialen Medien"

Während der Turniere wird ja auch viel über Sie geredet. Wie geht man damit um?

Das ist auch eine Entwicklung und eine Lehre aus der Europameisterschaft: Ich meide die Sozialen Medien und suche meinen Namen auch nicht bei Google (lacht). Stattdessen setze ich auf Gespräche mit den Spielern und gönne mir ab und an auch etwas Zeit für Sport und Saunagänge, um bewusst den Kopf frei zu kriegen. Damit bin ich sehr gut durch die WM gekommen. Ein Jahr zuvor habe ich mir noch das nächste Video über den Gegner angesehen und mich bei Facebook über Kommentare geärgert. Ich konnte nicht verheimlichen, dass mich das herunterzieht. Also bin ich nun konsequent und dort nicht mehr präsent.

Welche Rolle spielen beim Abschalten vom Handball Ihre Kinder Anna und Luca?

Die Familie ist für mich das Wichtigste. Ich versuche, viel Zeit mit ihr zu verbringen. Als Bundestrainer habe ich einige Zeitressourcen, die frei planbar sind. Und dann bin ich auch mal mehrere Tage am Stück weg.

"Ich bin nicht nachtragend"

Wie kann man sich überhaupt das Leben eines Bundestrainers vorstellen? Sind Sie von Donnerstag bis Sonntag unterwegs, Handball-Bundesliga gucken?

Das ist flexibel. Nächstes Wochenende bin ich beim Spiel Leipzig gegen Berlin, dann geht es nach Melsungen, zu den Rhein-Neckar Löwen, nach Göppingen. Es sind viele Vereinsbesuche, aber es gibt auch Wochenenden, an denen ich mir die Spiele im Fernsehen anschaue. Mit den Spielern kann ich ohnehin besser während der Trainingswoche bei einem gemeinsamen Kaffee oder Mittagessen sprechen als nach einem Spiel in den Katakomben.

Sie scheinen auch niemand zu sein, der sehr nachtragend ist: Spielmacher Philipp Weber hatten Sie nach der EM aussortiert, und er kehrt nun ins Team zurück, Rechtsaußen Tobias Reichmann nach seinem öffentlich gezeigten Frust über die WM-Nichtnominierung auch.

Es stimmt, ich bin nicht nachtragend, ich selbst habe ja auch eine zweite Chance bekommen. Zwischen Tobias Reichmann und mir gab es ein offenes Gespräch. Ich habe nie die Tür für immer zugeschlagen. Es zählt aber jetzt die Leistung im Verein.

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