Handball

Handball-Mythos gegen Handball-Mythos, jetzt zweitklassig

Einst ein Spitzenspiel: Der Gummersbacher Rüdiger Neitzel wirft 1985 über Tusems Abwehr hinweg.

Einst ein Spitzenspiel: Der Gummersbacher Rüdiger Neitzel wirft 1985 über Tusems Abwehr hinweg.

Foto: Imago

Der große VfL Gummersbach tritt in der 2. Handball-Bundesliga an. Der Absteiger trifft auf Tusem Essen, einen weiteren ehemaligen Spitzenklub.

Es gibt Städte im Land, die wären für die meisten Menschen nicht mehr als Punkte im Straßenatlas, Namen, die der Autofahrer vergessen würde, noch bevor er das Ortsausgangsschild passiert hätte, wenn sie nicht unverbrüchlich mit einer Sportart verbunden wären: Schifferstadt, die Stadt der Ringer, Tauberbischofsheim, Heimat der Fechter – und: Gummersbach.

Für Menschen, die bereits in den Siebziger Jahren das Sportgeschehen bewusst verfolgt haben, besitzt der Ort im Bergischen Land einen mehr als mythischen Klang.

Gummersbach, ruhmreich in der Vergangenheit

Gummersbach, das ist Handball. Ein Ruf, der sich zugegebenermaßen weitgehend aus der Vergangenheit speist: Vier Mal wurde der Klub in den Siebzigern Meister, zwei Mal Pokalsieger, zwei Mal Europapokalsieger der Landesmeister und noch zwei Mal Europapokalsieger der Pokalsieger. Der Vollständigkeit halber: Den ersten Meistertitel errang der Klub 1966, den bislang letzten 1991. Die erfolgreiche Zeit reicht sogar bis zum letzten internationalen Titel 2011. Dennoch: Der Mythos des VfL speist sich aus dem Jahrzehnt von Schlaghose und Diskofrisur. Eine Ära, in der Heiner Brand, Joachim Deckarm, die wohl tragischste Figur des deutschen Handballs, und seit 1979 Andreas Thiel, genannt der Hexer, in Gummersbach spielten.

Alles Geschichte.

Am Samstag (18.30 Uhr) startet das Gründungsmitglied der Hallenhandball-Bundesliga seine erste Zweitligasaison. Ein Kulturschock für die Stadt? Der Bürgermeister, so etwas wie der erste Fan des Klubs, vermittelt einen anderen Eindruck. Am Samstag will Frank Helmen-stein im Block N, Reihe 2, Platz 3 sitzen und das erste Heimspiel der Saison verfolgen. „Da steigt schon die Vorfreude“, sagt der Bürgermeister – und das gelte für viele VfL-Fans. Die Zuneigung in Gummersbach scheint tatsächlich ungebrochen: Vor Saisonbeginn meldet der Klub einen Rekord bei den Dauerkarten.

Gummersbach bleibt zuversichtlich

Stellvertretend für die Anhänger steht Claudia Thamm. Die 64-Jährige besucht schon seit mehr als vier Jahrzehnten Handballspiele. Sie ist Vorsitzende des Fan-Klubs „Blue-White-Dynamite“. 190 Mitglieder zählt der Klub: „Nach dem Abstieg ist keiner ausgetreten“, sagt Thamm. Sie ist genauso zuversichtlich wie die Vereinsverantwortlichen, dass es beim VfL, der seit dem Ende der Neunziger Jahre immer wieder in finanzielle Schwierigkeiten geriet, wieder aufwärts geht. Teamkoordinator Mario Falkenberg, der viele Erfolge und Krisen miterlebt hat, fasst die Ambitionen kurz so zusammen: „Ich hoffe natürlich auf eine Aufstiegsfeier in naher Zukunft.“

Tusem ist drei Mal abgestiegen

Einer baldigen Party in Gummersbach stellt sich zum Start in die Saison eine andere Handball-Legende in den Weg. Tusem Essen hat im Handball einen ähnlich klangvollen Namen wie Gummersbach. Die Mythenbildung beginnt in Essen allerdings ein Jahrzehnt später, in der Zeit von Walkman, Wende und Wiedervereinigung. Drei Meisterschaften feierte der Klub aus dem Essener Stadtteil Margarethenhöhe in den Achtziger Jahren. Ein letzter Erfolg stammt aus dem Jahr 2005. Nach dem Gewinn des EHF-Pokals ging es allerdings schnell bergab, es folgte drei Mal der Abstieg aus der Bundesliga, 2005 und 2008 aus finanziellen Gründen. Zwei Mal berappelte sich der Klub. Ohne dauerhaften Erfolg: Seit 2013 ist der Tusem mittlerweile dauerhaft zweitklassig.

Auch Tusem äußert Ambitionen

Hat sich der Essener Traditionsklub mit seinem Los abgefunden? Die Antwort lautet aktuell offenbar nein. Zumindest, wenn man Torwart Sebastian Bliß fragt: „Es war eine der besten Vorbereitungen, die ich hier beim Tusem erlebt habe – und das sind immerhin schon zehn an der Zahl“, erzählt der 29-Jährige vor Saisonbeginn im Interview mit dieser Zeitung. Es gebe im Klub eine große Sehnsucht nach dem Aufstieg, sagt Bliß: „Es wäre toll, mit dem Tusem in der 1. Liga zu spielen. Jeder Spieler träumt davon, und wir würden uns natürlich riesig freuen.“

Auch die Klubverantwortlichen schielen nach oben. Herbert Stauber, Sportlicher Leiter bei Tusem, gibt sich selbstbewusst: „Wir sind bereit, oben anzugreifen.“

Für Tusem wie für Gummersbach gilt, dass es selbst bei einem Aufstieg schwer werden wird, an die glorreichen Zeiten anzuknüpfen. Das große Geld verdienen beim Handball mittlerweile andere. Aber wer will schon einer Legende verwehren, von neuen Heldentaten zu träumen.

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