Interview

Heiner Brand: "Anderer Termin wäre mir lieber gewesen"

Der frühere Handball-Nationaltrainer Heiner Brand sieht den Start der WM kritisch.

Der frühere Handball-Nationaltrainer Heiner Brand sieht den Start der WM kritisch.

Foto: dpa

Essen.  An diesem Mittwoch beginnt die Handball-WM in Ägypten. Corona erschwert den Start. Dazu äußert sich der ehemalige Nationaltrainer Heiner Brand.

Die Handball-WM hat begonnen, und einer, der eigentlich alles gesehen hat, ist zwiegespalten. Heiner Brand, 1978 als Spieler und 2007 als Bundestrainer Weltmeister, blickt mit gemischten Gefühlen auf das Turnier, in das Deutschland am Freitag gegen Uruguay (18 Uhr/ARD) einsteigen wird. Der 68-Jährige spricht über das Turnier in Coronazeiten, Kritik an Nationalspielern und die Chancen der deutschen Nationalmannschaft.

Herr Brand, unter anderen Umständen wäre es eher ungewöhnlich, Sie im Januar zu Hause anzutreffen, oder?
Heiner Brand: Stimmt. Seitdem ich nicht mehr im Geschäft bin, war ich im Januar zwar viel auf Reisen, aber zumindest Teile der Turniere habe ich immer im Fernsehen verfolgt. Bei der Heim-WM vor zwei Jahren war ich als WM-Botschafter auch regelmäßig wieder in der Halle. Jetzt wird es unter den gegebenen Umständen fast schon ein bisschen langweilig, aber es gibt Schlimmeres.

 

Freuen Sie sich denn überhaupt auf die WM?
Ich bin zwiegespalten. Sicher ist ein Interesse vorhanden, aber die ganze Vorgeschichte mit den Absagen von Spielern vor dem Turnier, mit dem Corona-Chaos bei den Tschechen und den US-Amerikanern und dazu diese Ungewissheit, was in Ägypten tatsächlich passieren wird, wenn 32 Mannschaften zusammenkommen – es kommt einfach nicht so eine richtige Vorfreude wie bei anderen Turnieren in der Vergangenheit auf.

Sollte es in diesen Zeiten überhaupt eine WM geben?
Mir persönlich wäre ein anderer Termin für das Turnier lieber gewesen. Man hätte beispielsweise darüber nachdenken können, die nationalen Topligen weiter spielen zu lassen, das funktionierte ja einigermaßen. Dann hätte man die WM am Ende der Saison im Sommer durchführen können. Wir hatten ja schon einmal eine WM im Juni – 1999, auch in Ägypten. Vielleicht wären da die Voraussetzungen etwas besser gewesen, so dass mehr Teams vollständig antreten könnten und der sportliche Gedanke etwas mehr im Vordergrund stehen würde. Statt der Zweifel, die jetzt da sind.

Es gibt ohnehin nicht wenige Menschen, die den Sinn des Profisports in Coronazeiten bezweifeln.
Es fällt derzeit auch einfach schwer, Urteile zu fällen. Es ist eine außergewöhnliche Situation, und fest steht nur: Es gibt sicherlich größere Probleme als den sportlichen Bereich, wenn man sich mal die Situation in den Krankenhäusern und Altersheimen ansieht, in denen viele Menschen sterben. Oder wenn man das mutierte Virus in Großbritannien betrachtet, das sich hoffentlich nicht bei uns ausbreiten wird. Da steht der Sport sicher nicht so im Vordergrund. Darf er auch gar nicht.

Die WM wird gerade von Handball-Bundesligaklubs besonders kritisch gesehen.
Diese Bedenken sind sicherlich berechtigt und nicht den Vorbehalten gegenüber dem Ausrichter Ägypten geschuldet, sondern der Gesamtsituation. Viele Klubs wissen nicht, wie sie über die Saison kommen sollen, es besteht die Gefahr, dass Spieler nach der WM in Quarantäne müssen. Am sportlichen Erfolg hängen ja meist auch wirtschaftliche Gegebenheiten. Ich bin sowieso erstaunt und erfreut, dass es derzeit so aussieht, als dass die Klubs diese schwierige Zeit zu schultern scheinen.

Bei jeder anderen WM könnte man versuchen, Parallelen zur erfolgreichen WM 2007 mit Ihnen als Trainer zu ziehen – bei dieser aber nicht, oder?
Nein, es ist eine vollständig andere Situation, eine einmalige sogar. Verletzungsbedingte Ausfälle sind ja keine Besonderheit, die gibt es fast immer. Aber abgesehen von den personellen Umständen in der Corona-Krise ist es diesmal auch eine besondere Situation, dass eine deutsche Mannschaft erstmals ohne Druck zu einer Weltmeisterschaft fahren kann. Da ist nur der Druck, den das Team sich selbst auferlegt. Von außen aber wird der angesichts der Zusammensetzung der Mannschaft kaum vorhanden sein.

Haben Sie Verständnis dafür, dass unter anderem die deutschen Abwehrchefs Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek nicht dabei sein werden, auch aus Rücksicht auf ihre Familien im Lockdown?
Ja, natürlich. Wenn Corona das Argument ist, habe ich immer Verständnis dafür. Es ist eine außergewöhnliche Situation, und es ist die persönliche Entscheidung eines jeden Einzelnen, die dann auch zu akzeptieren ist. Da ist es auch kein Argument, dass Vereinskollegen anderer Nationen aber nach Ägypten fliegen. Anders wäre es, wenn von Seiten ihres Klubs THW Kiel ein Verbot erfolgt wäre. Aber das kann ich mir nicht vorstellen.

Sie sind selbst mehrfacher Vater und Großvater, wissen also selbst, wie schwierig sich die Lage derzeit gestaltet.
Es wäre noch einmal eine ganz andere Situation, wenn ich kleine Kinder hätte. Klar, ich kann derzeit nicht einfach mal eben mit meiner Frau nach Köln zu unserer Tochter und den Enkelkindern fahren. Oder selbst einfach spontan die 300 Meter den Berg rauf zu meinem Sohn und dessen Kindern gehen. Aber für uns als Ruheständler ist es eine Situation, die auszuhalten ist. Für junge Familien mit kleinen Kindern ist es sicher viel schwieriger, viele Menschen haben zudem mit wirtschaftlichen, mit existenziellen Sorgen zu kämpfen. Da wollen wir als Ältere nicht klagen. Und es besteht ja auch die Hoffnung, dass die Situation sich bald bessert.

Trotzdem ist es ein Dämpfer für die Ambitionen des deutschen Teams, wenn das Herzstück der Defensive ausfällt…
Ja, wenn man es ehrlich sieht, hat die deutsche Mannschaft in der Defensive in den vergangenen Jahren fast immer überzeugt. Die Probleme lagen in der Offensive. Insofern tut es weh, wenn nun Wiencek und Pekeler ausfallen, zumal auch Finn Lemke als Alterative nicht dabei sein wird. Andererseits ist der neue Innenblock mit Johannes Golla und Sebastian Firnhaber nicht schlecht. Die beiden bewegen sich sehr gut. Es fehlt sicherlich die Erfahrung, die fehlende Größe machen beide mit Beinarbeit wett. Aber klar, diese Pfiffigkeit, über die Pekeler verfügt, dieses Vorausahnen von Situationen, das wird fehlen. Aber ich bin optimistisch, dass die beiden es schaffen können.

Alfred Gislason kennen Sie ja seit vielen Jahren aus der Bundesliga. Solch einen Dienstantritt hätte man ihm als Bundestrainer nicht gewünscht, oder?
Es war ja insgesamt überraschend, wie das alles im vergangenen Februar abgelaufen ist mit der Ablöse von Christian Prokop als Bundestrainer. Sicherlich hatte Alfred sich das anders vorgestellt, es fehlen die Lehrgänge über das gesamte Jahr, hinzu kommen die Spieler-Absagen. So kann er aber recht locker in seine erste WM als Bundestrainer gehen. Unter normalen Umständen wären die an ihn gerichteten Erwartungen sicher wesentlich höher.

Wie aussagekräftig waren denn in diesem Zusammenhang die jüngsten EM-Qualifikationsspiele gegen Österreich?
Es besteht kein Grund, die klaren Ergebnisse überzubewerten. Aber ich denke, für diese neuzusammengestellte Mannschaft war es ein guter Aufgalopp. Gerade in der Phase der Vorbereitung war es gut, sich zu finden und taktische Formationen auszuprobieren. Insofern waren diese beiden Spiele ideal. Nun folgen bei der WM zwei vermeintlich leichte Spiele gegen Uruguay und Kap Verde, bevor gegen Ungarn der erste wahre Härtetest ansteht. Da müssen wir fit sein, bis dahin kann Alfred Gislason noch an Stellschrauben drehen.

Sie sagten vorhin, die Probleme der jüngeren Zeit lagen in der Offensive?
Ja, in den jüngsten Turnieren war der Angriff unser Problem, da wurde nicht schnell und nicht kreativ genug gespielt, teilweise fehlte es an der Disziplin. Alfred Gislason wird in der kurzen Zeit keine Wunder vollbringen können, aber schon mit einfachen Verbesserungen kann viel erreicht werden.

Was läuft denn gut im deutschen Team?
Über die Torhüter müssen wir nicht reden, da sollte immer einer in der Lage sein, eine sehr gute Leistung zu bringen. Johannes Golla wurde in der Vorbereitung als Kreisläufer gut in Szene gesetzt, Julius Kühn hat einfach eine enorme Power aus dem Rückraum, wenn er den Ball im Anlauf erhält. Viel wird davon abhängen, was Philipp Weber auf der Mitte macht. Bei ihm ist wichtig, dass er wie in der Vergangenheit nicht überdreht. Aber in der Bundesliga hat er sehr gute Momente, und vom handballerischen Können besitzt er sehr gute Möglichkeiten.

Die WM wird ohne Fans ausgetragen, auch auf Druck der Mannschaften. Muss man dies dem Weltverband hoch anrechnen?
Ich fand es schon gut, dass die Spieler sich organisiert und den Brief geschrieben haben. Ob es dem Weltverband so gut geschmeckt hat, weiß ich nicht (lacht). Aber es wurde Druck aufgebaut, und das war ja auch gut so.

Wurde aus Ihrer Sicht denn gut genug auf die besonderen Bedingungen reagiert?
Ich kann nicht sagen, wie die Bedingungen vor Ort aussehen, wie Hotels und Reisebedingungen sind. Als Reaktion wurde ja auch die Kadergröße von 16 auf 20 erweitert. Wenn nichts passiert, ist das ja schon fast zu groß. 16 Spieler sind ja schon viel, wenn man bedenkt, dass immer nur sieben auf dem Feld stehen. Auch in der Bundesliga kommen alle 16 ja kaum zum Einsatz. Aber klar, es ist gut, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, auf Corona und auf Verletzungen, die mit der hohen Belastung der Spieler einhergehen können.

Wie sehen Sie denn überhaupt die Chancen der Deutschen?
Es ist alles möglich. Das Vorrundenspiel gegen Ungarn wird entscheidend sein, um danach unter guten Voraussetzungen in die Hauptrunde zu gehen. Dort wird eine gewisse Konstanz der Leistung eine Rolle spielen. Die kann man sich mit ein bisschen Begeisterung und Selbstvertrauen in den ersten Spielen erarbeiten. Es gibt keinen Grund, die Erwartungen zu niedrig zu halten.

Wenn Deutschland aber nicht zum unmittelbaren Favoritenkreis zählt – wer dann?
Da stehen vermeintlich andere Mannschaften über der deutschen. Wie Norwegen, Dänemark, Frankreich, vielleicht auch Spanien. Kroatien kann immer unangenehm sein, die Schweden auch. Wichtig für das deutsche Team ist: Es gibt derzeit keine Übermannschaft. Auch andere Nationen haben aufgrund von Corona oder Verletzungen personelle Probleme.

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