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Paris-Marathon: Bei herrlichem Wetter zur neuen Bestzeit

Im Ziel mit Medaille und Finisher-Shirt.

Im Ziel mit Medaille und Finisher-Shirt.

Foto: Reinke

Paris.  Unser Laufblogger wollte beim Marathon in Paris zur neuen persönlichen Bestzeit rennen. Am Ende wurde es hart – und der Lauf zur Hitzeschlacht.

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Einundzwanzig Grad?! Die Wetterprognose eine Woche vor dem Paris-Marathon ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Ich bin ja eher Kälteläufer. Meine Wohlfühltemperatur liegt im Bereich von null bis 15 Grad. Somit waren die Vorzeichen vor Paris doch eigentlich optimal.

Denn während der gesamten Vorbereitung war es kalt, oft trocken, mal regnerisch und schmuddelig, jedenfalls nie zu heiß. Und dann, eine Woche vor dem Marathon diese Prognose. 21 Grad. Ich sah meine geplante Bestzeit dahin schmelzen. Dabei hatte ich so gewissenhaft trainiert wie nie zuvor - beinahe (aber auch nur beinahe) asketisch gelebt und der Fitness mit regelmäßigen Tempotrainings den nötigen Schliff gegeben. Sogar mit Yoga hatte ich begonnen, um meine Muskeln geschmeidig zu halten.

Zitterpartie am Abend vor dem Marathon

Am Tag vor dem Marathon deutete nichts auf einen Hitzelauf hin. Im Gegenteil. Gegen Nachmittag wurde es richtig ekelig und windig, wodurch meine übliche Vor-Marathon-Panik mal wieder einen mächtigen Schub bekam. Am Abend war ich überzeugt, mir eine dicke Erkältung eingefangen zu haben. Absage des Marathons nicht ausgeschlossen. Drama, Baby! Es wurde eine üble Nacht mit wenig Schlaf und vielen bösen Gedanken.

Doch am nächsten Morgen sprühte ich vor Tatendrang. Heute würde meine Bestzeit fallen. Mein Trainingsplan war auf 3:45 Stunden ausgelegt, mit einer Zeit unter 3:58 Stunden wäre ich aber zufrieden gewesen, weil auch das eine neue persönliche Bestzeit bedeutet hätte.

Der Arc de Triomphe als persönlicher Triumphbogen

Es gibt deutlich schlimmere Anblicke als den des Arc de Triomphe vor einem Marathon. Läufer machten Selfies oder ließen sich fotografieren und genossen den lauen Frühlingsmorgen. Paris hatte extra für uns Marathonis das Licht angeknipst und leider auch ein bisschen zu sehr an der Heizung gedreht. Die Sonne strahlte mit den vorfreudigen Läufern um die Wette. Nachdem ich den Weg zur Gepäckabgabe gefunden und die Sicherheitskontrolle hinter mich gebracht hatte, trödelte ich noch etwas, bis mich ein Blick auf die Uhr daran erinnerte, dass in einigen Minuten mein Startblock an der Reihe sein müsste. Ich marschierte auf den Champs-Élysées am Läuferfeld entlang, fand ein Schlupfloch im Sicherheitszaun und fitschte in meinen Startblock. Knapp zehn Minuten später ging es los.

"Nicht zu schnell anlaufen. Nicht zu schnell anlaufen. Nicht zu schnell anlaufen", führte ich das übliche Startlinien-Selbstgespräch. Vergebens. Denn erstens kennt das Gehirn keine Verneinung und zweitens war ich von dem Gedanken beseelt, gerade auf der Prachtstraße meiner Lieblingsstadt zu laufen. Bergab. Natürlich war ich zu schnell. 5:07 Minuten für den ersten Kilometer, dabei hatte ich mir einen 5:30er-Schnitt vorgenommen. Also bremsen, die Aussicht genießen, die Stimmung aufsaugen.

Perfekte Wasserversorgung an der Strecke

Mit der Morgensonne im Gesicht kündigte sich an, dass auch dieser Marathon kein Spaziergang werden würde. An dieser Stelle muss ich aber ein dickes, dickes Lob für die Wasserverpflegung an der Strecke aussprechen. Alle fünf Kilometer gab es Wasser in Flaschen, was für die Läufer ein großer Vorteil ist, weil sich Flaschen im Gegensatz zu Pappbechern auch im Laufschritt transportieren lassen, ohne dass ein Großteil des Inhalts verloren geht. Dazu gab es noch Obst, sodass für Flüssigkeit, Vitamine und Elektrolyte bestens gesorgt war. Ab Kilometer Fünf bin ich beinahe durchgängig mit einer Wasserflasche in der Hand gelaufen und hatte somit immer Flüssigkeit, wenn ich etwa ein Power-Gel hinunterspülen wollte.

Im Bois de Vincennes hatten wir den höchsten Punkt der Strecke erreicht. Es wurde minütlich wärmer, ich staunte allerdings, wie gut ich die hohen Temperaturen wegsteckte. Sollte sich das Training wirklich gelohnt haben? Meine Beine spielten mit, die Kondition war blendend. Meine Laufuhr prognostizierte eine Endzeit von 3:45 Stunden. Ich hatte also ein Polster. Als am Wegesrand eine bayerische Blaskapelle zum Marsch aufspielte, ließ ich mich sogar zu einem angedeuteten Schuhplattler hinreißen. Ich hoffe innig, dass es davon keine Videoaufnahmen gibt. Ich fühlte mich einfach – der bayerischen "Musi" entsprechend – pumperlgsund.

Blog Aber Zeitpolster schmelzen schnell, insbesondere an einem sonnigen Vormittag. Doch auch an der Halbmarathonmarke lag ich voll in der Zeit: 1:56 Stunden. Ich konnte mir also sogar eine langsamere zweite Hälfte leisten. Aber nicht zu langsam... Der Einbruch würde schon noch irgendwann kommen, war ich mir sicher.

Vom Place de la Bastille ging es durch ein Spalier laut anfeuernder Zuschauer zum Ufer der Seine, wo wir nun ein ganzes Stück auf der Promenade liefen. Zwar war hier die Stimmung im Gegensatz zum eher öden Bois de Vincennes recht gut, aber vor uns lag ein übler Mix aus Hitze und recht steil ansteigenden Tunnelausfahrten, der unmerklich an meinen Reserven fraß. Die Tunnel selbst wiederum waren willkommene Schattenspender.

Ein Spaziergang zur persönlichen Bestzeit?

Bei Kilometer 30 dachte ich noch, dass es ja nur noch zwölf Kilometer bis zur Bestzeit wären - also doch ein Spaziergang? Ich lief konstant wie ein Uhrwerk, überholte viele Läufer und ließ keine Gelegenheit aus, mich mit einer frischen Flasche Wasser und einem beherzten Biss in eine Orange zu versorgen. Kurz hinter Kilometer 30 hatten Fans eine durchbrochene Mauer aus Pappe aufgebaut, als Zeichen dafür, dass wir jetzt die magische Grenze überschritten hatten. Doch so wie die Entfernung zum Ziel schrumpfte, schwanden nun auch meine körperlichen Reserven.

"Von wegen Spaziergang", dachte ich bei Kilometer 33. "Nur noch läppische neun Kilometer", versuchte ich, mir Mut zu machen. Doch ich merkte, wie es bergab ging – mit mir, nicht mit der Strecke. Die Uhr hatte ihre Prognose auf 3:53 Stunden korrigiert. Alles gut eigentlich, aber ich spürte, dass es knapp werden könnte, wenn ich mir jetzt einen Durchhänger erlauben sollte. Und dann war da noch so ein Hintergedanke, der in meinem Kopf herumspukte.

Die harten letzten fünf Kilometer

"Bei Roland Garros kotzen die Leute", hatten mich zwei Laufkollegen bei einem gemeinsamen Trainingslauf gewarnt. Irgendetwas müsste es also mit der Tennisanlage im Bois du Boulogne, ungefähr bei Kilometer 35, auf sich haben. Und tatsächlich: Kaum rannte ich an der Tribüne des Center Court entlang, sah ich einen Läufer im Gebüsch verschwinden. Einige Meter weiter musste jemand von Sanitätern behandelt werden. Würgegeräusche am Straßenrand. "Nein!", rief ich innerlich meinem Magen zu. Es gab keinen Grund, mich hier und jetzt und überhaupt jemals zu übergeben.

Zwei Kilometer später konnte ich es nachempfinden. Die Sonne machte mich langsam mürbe. Ich blickte auf die Uhr. 3:55 Stunden als Prognose. Positive Gedanken mussten her, aber egal, wo ich suchte, fand ich bloß Zweifel. Ich wollte aussteigen oder zumindest gehen. Einfach mal stehen bleiben oder ein bisschen hinlegen. Ich strich den Gedanken an die Bestzeit aus meinem Kopf. Plötzlich war da nur noch Leere.

All das muss sich binnen Sekunden abgespielt haben, denn so schnell wie die trüben Gedanken gekommen waren, kam noch etwas Anderes: Wut. Wut auf Läufer, die meinten, der ideale Ort für eine Gehpause sei die grüne Linie - schließlich heißt die ja auch Ideallinie. Wut auf Läufer, die vor mir urplötzlich einen Haken in meinen Weg schlugen. Ich wurde rücksichtslos, schob Leiber beiseite, rannte durch Lücken, die eigentlich keine waren, und weckte so meine Lebensgeister. Adrenalin ist auf den letzten Kilometern mein Raketentreibstoff. Ich lief.

Laufen, laufen, laufen

"Einfach laufen." Mein neues Mantra bestand nur aus zwei Wörtern. Komplexer hätte es mein von der Sonne weichgekochtes Hirn nicht mehr hinbekommen. "Einfach laufen." Und ich lief. Auf der Ideallinie, oder im Bedarfsfall in einem kleinen Bogen um einen der Gehpausen-Kollegen herum. Ich lief einfach, automatisch. Meine Augen blickten starr nach vorne. Irgendwann würde das Ziel schon auftauchen, ich musste bloß laufen, einfach laufen. Ich kann gar nicht sagen, ob viele Menschen an der Strecke standen, aber ich hörte immer wieder ein aufmunterndes "Courage!" Ich nahm das in mein Mantra auf: "Einfach laufen. Courage!"

Die letzten fünf Kilometer waren ein Kampf gegen meine Beine. Ich hätte ihn verloren, wenn ich nicht noch einen zweiten Gegner gehabt hätte: die Uhr. Die prognostizierte immer noch 3:55 Stunden. Ich konnte es kaum fassen, denn meine Beine, vor allem die Füße, fühlten sich an wie Blei. Und kündigte sich da unten an der rechten Achillessehne jetzt wirklich eine Blase an? Ich zupfte kurz am Strumpf und lief weiter. Ich wusste, dass ich Bestzeit laufen könnte. Bei Kilometer 40 gab es tatsächlich noch mal Verpflegung. Nehmen oder weiterlaufen? Ich schielte nach Cola, sah aber leider nur Wasser und Obst. Der einzige Kritikpunkt zur Verpflegung. Wasser braucht auf den letzten zwei Kilometern kein Mensch, aber ein kleiner Schub aus Koffein und billigem Zucker hätte hier wirklich gut getan. Ich grabschte eine dicke Orangenscheibe und biss im vollen Lauf das Fruchtfleisch heraus.

Bei Kilometer 41 fing ich an zu rennen. Da waren wirklich noch Reserven! Mein Kopf wollte rennen, die Beine gehorchten. Ein Kilometer - das ist doch nichts! Irgendjemand rief: "Noch 600 Meter!" Ich kann mich nicht erinnern, in welcher Sprache. Aber die Botschaft war eindeutig: Fast im Ziel! Ich wurde noch schneller, Glückshormone fluteten meinen Körper. Ich warf Luftküsse ins Publikum. 42 Kilometer, nur noch 195 Meter bis zum Ziel. Ein Teppich, weitere Luftküsse, der Zielstrich, ein Druck auf die Uhr: 3:56:53!!! Ich brüllte, jubelte, schrie.

Siegerlächeln am Triumphbogen

Wie immer bei einem Marathon reicht das Laufvermögen bei den Teilnehmern exakt bis zur Ziellinie. Alles, was nach den magischen 42,195 Kilometern kommt, wäre mit "Eiertanz" noch wohlwollend umschrieben. Viele ziehen sich sofort die Schuhe aus, im Glauben, auf Strümpfen besser durch den Zielbereich zu kommen. Die meisten aber wackeln oder schleichen mit einer Mischung aus Schmerz und Stolz in ihren Gesichtern in Richtung Medaille. Und spätestens wenn die um den Hals baumelt, kehrt das Lächeln zurück. "Können Sie bitte ein Foto machen" in zig Sprachen - knips - schon ist das Siegerlächeln konserviert. Der Schmerz kehrt erst auf den Treppen zur Metro zurück. Er bleibt ein Weilchen, bevor er sich in Nichts auflöst.

Aber der Stolz auf die Leistung bleibt für immer.

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