Berlin-Marathon

Warum jeder Marathonläufer stolz auf sich sein kann

Foto: Stefan Reinke

Berlin.  Unser Laufblogger hat den Berlin-Marathon gefinished. Zwar hat er eine neue Bestzeit verpasst, doch es gibt genügend Gründe, stolz zu sein.

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42,195 Kilometer liegen hinter mir, stecken in meinen Knochen und in jeder einzelnen Muskelfaser. Der Berlin-Marathon war der Höhepunkt meines Laufjahres, und obwohl ich nicht in neuer persönlicher Bestzeit oder sonst irgendwie unter vier Stunden beenden konnte, hat sich jetzt im Nachhinein jeder Schritt gelohnt. Es fühlt sich einfach gut an, einen Marathon gefinished zu haben.

Während des Laufs allerdings habe ich tausend Flüche ausgestoßen. Gegen Berlin, gegen meine Mitläufer, gegen die Musiker am Streckenrand - und natürlich gegen mich.

Alpträume vor dem Marathon

Selten zuvor habe ich vor einem Lauf so viel gegrübelt wie vor diesem Berlin-Marathon. Nachdem ich verletzungsbedingt nicht in Paris laufen konnte, wollte ich dem Laufjahr mit allen seinen Höhen und Tiefen in Berlin die Krone aufsetzen. Doch auch diese Vorbereitung verlief nicht optimal. Eine Schleimbeutelentzündung zwang mich zu einem reduzierten Training. Der Beruf und die Pendelei forderten ebenfalls ihren Tribut. Am Ende drückte auch noch der Schuh - im Wortsinn. Nachdem dann auch noch ein Arbeitskollege nach dem anderen Viren mit zur Arbeit brachte, sah ich meine Felle schwimmen. Ich war mir sicher, dass ich mich bei irgendwem anstecken würde und am Ende auf den Start verzichten müsste. In den Tagen vor dem Marathon fühlte ich mich denn auch kränklich. In der Nacht vor dem Lauf träumte ich, dass ich auf der Strecke sterben würde.

Der Gedanke an einen Tod auf der Marathon-Strecke begleitete mich sogar hier und da beim Lauf. Mein Kopfkino kennt nur Dramen. Völlig albern, weil meine Krankheit ja bloß eingebildet war. Auf den ersten Kilometern kämpfte ich darüber hinaus mit meinen Schuhen, obwohl sie passten - was der Kopf so alles denkt, wenn man ihn lässt, ist schon erstaunlich.

Berlin-Marathon 2015: Ärger über Mitläufer und mich 

Ich ließ meinen Kopf denken, und er dachte. So ärgerte ich mich über Läufer mit Ohrstöpseln in den Ohren. Mir fiel auf, dass diese Kandidaten besonders dazu neigen, urplötzlich die Spur zu wechseln, ins Gehen zu verfallen oder einfach stur und anscheinend der Welt entrückt im Weg zu stehen, äh, zu laufen. Ich bleibe dabei: Kopfhörer müssen bei Läufen dieser Größenordnung verboten werden. Ich ärgerte mich über Läufer, die trotz ihrer Langsamkeit ganz offensichtlich viel zu weit vorne gestartet waren und nun den ambitionierteren Teilnehmern im Weg herum liefen, ich ärgerte mich über die volle Strecke, haderte mit den Organisatoren, die 41.000 Läufer auf viel zu enge Straßen schicken. "Schlimmer als im Berufsverkehr auf der A40", dachte ich. Nein, Berlin ist kein Marathon für Bestzeiten, wenn man nicht gerade Kenianer ist und ganz vorne auf einer menschenleeren Strecke rennen darf.

Nun hilft mir Ärger meist ganz gut dabei, mein Tempo hoch zu halten - mein Adrenalin hat offenbar eine hohe Oktanzahl. Die nächsten Kandidaten auf meiner Ärger-Liste waren die Musiker am Streckenrand. Was ich am liebsten mit den Instrumenten eines evangelischen Posaunenchors gemacht hätte, verschweige ich hier lieber. In der Folge ärgerte ich mich über langsamst vorgetragene Variationen des Classic-Rock-Kataloges, über Sängerinnen, die ihre Lieder ansagten, und ganz besonders über einen Jazz-Musiker, der seine Musik lang und breit erklärte, bevor er begann zu klimpern. Ja, es ist hirnrissig, aber ich achte wirklich auf solche Details - oder sie springen mich einfach an. Und was die Musik beim Laufen angeht, nun ja, ich will dumpfes Bummbummbumm.

Die Lust, einfach auszusteigen

Und dann der Ärger über mich! Schon nach fünf Kilometern hatte ich Lust, sofort aufzuhören. Doch der Gedanke daran, wie ich das auf Facebook erklären sollte, hielt mich auf der Strecke. Ich war mir nicht sicher, ob "Hatte keinen Bock mehr" eine taugliche Begründung für ein "Did not finish" gewesen wäre. Also gab ich lieber Gas und kokettierte dennoch mit dem Gedanken an ein schnelles, selbst herbeigeführtes Ende. Bekloppt. Als ich meine Zeit erstmals hochrechnete, fiel mir allerdings auf, dass mein Ziel "sub vier Stunden" noch in greifbarer Nähe war. Also strengte ich mich an und erreichte eine Halbmarathon-Zeit von rund 1:58 Stunden. Da keimte tatsächlich ein Hauch von Euphorie in mir auf.

"Nur noch ein Halbmarathon"

Ich spürte, dass es wirklich mit dem Zeitziel klappen könnte. "Nur noch ein Halbmarathon", redete ich mir die Distanz klein. Das klappte bis ungefähr Kilometer 32. Es war nicht der berühmte Mann mit dem Hammer, der dort auf mich wartete. Ich baute einfach ab. Meine Beine begannen zu schmerzen. Ich dachte wieder an Aufgabe. Plötzlich Gehpausen! Ich schimpfte innerlich mit mir. Da war es auch kein großer Trost, dass ich gehend noch schneller war als manche Läufer laufend. Ich konnte meinen Tunnel nicht finden. Also begann ich, mir einen zu bauen.

Ich dachte ans Brandenburger Tor, dessen Anblick ich mir auf dem Weg zum Start extra für diesen Zweck eingeprägt hatte. "Da willst du hin", wurde mein Mantra. Es klappte. Mein Körper richtete sich auf, mein Blick richtete sich starr nach vorne. Endlich lief ich im Tunnel. Gerne hätte ich mich von außen gesehen. Ich glaube, ich hatte einen Silberblick. Meine Beine liefen von alleine. Ich sah nur noch das Brandenburger Tor und lief. Endlich überholte ich wieder.

Beim Berlin-Marathon 2015 das Ende der Midlife Crisis erleben 

Aber nur etwa fünf Kilometer weit. Ich musste wieder Gehpausen einlegen, konnte mich aber immer wieder zum Laufen aufraffen. "Hiermit erkläre ich meine Midlife Crisis für beendet", proklamierte ich innerlich. Sollte heißen: "Nie wieder Marathon, ich kaufe mir jetzt einen Porsche!" Doch ab Kilometer 40 rannte ich plötzlich, ohne es wirklich forciert zu haben. Längst war klar, dass ich die Vier-Stunden-Marke nicht unterbieten würde. Aber ich wollte laufen und vor allem wollte ich durch das Brandenburger Tor rennen, nicht gehen. Der Verzweiflung nahe, musste ich noch eine kurze Gehpause einstreuen. Bei Kilometer 41 schlich sich die Frage in mein Hirn, ob es dekadent, cool oder einfach idiotisch wäre, jetzt sofort auszusteigen. Ich lief weiter. Noch eine Rechtskurve, eine Linkskurve - und endlich: Unter den Linden, das Brandenburger Tor im Blick, endlich nicht nur vor dem inneren Auge.

Da meine Wunschzeit ohnehin nicht mehr zur Debatte stand, fummelte ich schnell mein Handy aus der Tasche und machte beim Laufen ein Foto vom Tor. Dann noch ein Blick auf die Uhr - wenn schon keine Bestzeit, so wäre doch immerhin meine... äh... Zweitbestzeit drin, wenn ich es schaffen würde, unter 4:11 Stunden zu bleiben. Meine Beine hatten verstanden und rannten. Ich rannte ganz dicht an den Zuschauern entlang und stürmte ins Ziel - mit einer Zeit von 4:09:53 Stunden - yeah!

Im Ziel, im Loch

Oder doch nicht "yeah"? Ich war im Ziel und wusste nichts mit mir anzufangen. In mir kämpfte Euphorie gegen Enttäuschung. Es war nichts Halbes und nichts Ganzes. Ich holte meine Medaille ab und fühlte Stolz. Ich schaltete das Handy online und sah meine Facebook-Timeline explodieren. Glückwünsche, Anerkennung, Stolz. Ich aber hatte nur Gedanken für meine müden Beine, holte mir ein alkoholfreies Bier, ruhte mich erst einmal aus und genoss die Berliner Sonne.

Ich schlenderte über das Gelände vor dem Reichstag. Offenbar bahnte sich nun doch der Stolz seinen Weg, denn ich kaufte mir ein Finisher-Shirt und holte mir eine Urkunde. Alles lief wie ferngesteuert. Irgendwie geriet ich an den Streckenrand. Ich sah den Läufern zu, die durch das Brandenburger Tor auf die letzten 195 Meter ihres Marathons kamen. Das waren Läufer, die schon fünf Stunden oder mehr unterwegs waren - und sie lachten! Sie schlenderten, strahlten, tanzten, hielten Händchen, machten Selfies. Kein Endspurt, keine Zielzeit. Jeder einzelne dieser Läufer erfüllte sich gerade einen Traum. Meine um zehn Minuten verpasste Zielzeit kam mir plötzlich total lächerlich vor. Mir kamen die Tränen. Ich war stolz auf jeden einzelnen dieser Finisher. Und endlich war ich auch stolz auf mich.

Marathon laufen - Es geht nicht (nur) um die Zeit 

Ich habe meinen fünften Marathon beendet. Meine schlechteste Zeit war eine 4:38 beim Debüt, meine beste eine 3:58. Aber was bedeuten diese Zeiten? Nichts! Klar, mir sind sie persönlich wichtig. Aber ein Blick auf die vielen Glückwünsche in meiner Timeline und noch mehr der Blick in die seligen Gesichter der vielen Finisher zeigt mir, dass es eigentlich um etwas ganz Anderes geht.

Ich bin Marathoni. Ob ich 3:59:59 Stunden laufe oder 4:09:53 ist völlig irrelevant. Ich bin Marathoni. Das bedeutet, dass ich über Monate auf ein Ziel hin gearbeitet habe. Dass ich körperliche und mentale Grenzen verschoben habe. Und genau das ist die eigentliche Leistung. Einen Marathon zu finishen ist das große Finale einer langen Vorbereitung. Und jeder, der es geschafft hat, hat allen Grund, stolz auf sich zu sein.

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