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Woher kommt die Faszination am Marathon?

New York Marathon

New York Marathon

Dortmund.  42,195 Kilometer. Für Nicht-Läufer ist es bloß eine Zahl. Oder das Sinnbild für Unerreichbarkeit. Doch wir Läufer wissen es besser. Irgendwann bekommt diese spezielle Zahl eine Magie und unwiderstehliche Anziehungskraft. Einmal einen Marathon laufen! Und noch mal. Und wieder! Aber warum eigentlich?

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Auf der Suche nach dem Grund für die Faszination, die der Marathon auf mich und offenbar auch viele andere Menschen ausübt, muss ich meine Lauf-Biografie Revue passieren lassen.

Als ich mit dem Laufen anfing, wusste ich einige Dinge: Zum Beispiel wusste ich, dass ich eigentlich gar nicht laufen kann und dass es völlig sinnlos ist, überhaupt Schuhe zu kaufen. Und als ich allmählich lernte, dass mein Wissen in Wahrheit Unwissen war, fielen die Grenzen gleich reihenweise und binnen weniger Wochen.

Nun bin ich von Haus aus nicht mit einem überbordenden Ehrgeiz ausgestattet. Es gab überhaupt keinen Anreiz, auf Teufel komm raus Tempotrainings und Intervalle in meinen Laufkalender einzubauen, nur um noch ein Minütchen schneller zu werden oder ein Kilometerchen weiter zu laufen. Aber die Lauferei machte richtig Spaß. Ich konnte mehr essen und nahm trotzdem rasant ab.

Zufällig fast einen Halbmarathon gelaufen

Dann kam mir der Zufall zu Hilfe. Bei einem meiner üblichen Sonntagsläufe hatte ich mich mit der Streckenlänge verkalkuliert – einmal falsch abgebogen. Ich lief einfach weiter und auf einmal standen da 17 Kilometer auf dem Tacho, wobei ich mein GPS-Tracking beim letzten Hügel vor zu Hause stoppte, weil meine müden Füße fast am Asphalt kleben blieben. Ich ging, humpelte und joggte also den Rest des Wegs bis zur Haustür. Insgesamt mögen meine Beine mich also eher 19 km weit getragen haben. Aber es stand die 17 im Logbuch. Die 19 im Kopf.

"Da fehlen doch nur noch 2,1", sprach eine mir völlig unbekannte Stimme in meinem Kopf. Das Wort "Halbmarathon" spukte von nun an durch meine Gedanken. "Wenn ich zehn schaffe, schaffe ich auch doppelt so viel", dachte ich. "Und wenn ich 20 schaffe, sind die restlichen 1,1 ein Klacks!" Ich kaufte ein Lauf-Buch, machte mich schlau und lernte, dass es tatsächlich ganz normale Menschen gibt, die Halbmarathon laufen können. Wenige Wochen später lief ich, wieder an einem Sonntag, exakt 21,1 Kilometer in 2:26:19 Stunden. Die Zeit war mir sowas von egal. Aber den Moment, als ich beim Laufen auf das iPhone starrte, um ja nicht DEN magischen Moment zu verpassen, werde ich nie vergessen.

Zum ersten Mal 21,1 Kilometer

Als die Anzeige von 21,09 km auf 21,1 umsprang, hätte ich am liebsten die Welt umarmt und meine Freude laut herausgeschrien - in einem Wohngebiet nicht so ratsam. In fünf Monaten von null auf 21,1 Kilometer - ich war so unfassbar stolz.

Jetzt wollte ich an einem Lauf teilnehmen. Ich wählte den Rhein-Ruhr-Halbmarathon in Duisburg, am 29. Mai 2011. Ein völlig neues Erlebnis. Als läuferischer Eigenbrötler war ich es überhaupt nicht gewohnt, so viele Menschen um mich herum zu haben. Aber es lief gut, zumal ich die Strecke in- und auswendig kannte, da ich viele Jahre in Duisburg gewohnt habe. Am Ende stand der Halbmarathon in 2:10:05 Stunden. Und das Beste: Mir tat nichts weh!

Dass ich es als notorischer Faulpelz einmal schaffen würde, einen Halbmarathon... Aber Moment! Halb? Also, so ein Halbmarathon ist ja irgendwie so, als würde man nur eine Halbzeit Fußball spielen und eine Pausenführung als Sieg feiern. Ich horchte in meinen Körper und bekam allmählich das Gefühl, dass da, wo ein halber Marathon steckt, auch ein ganzer sein müsste.

Angriff auf den Rhein-Ruhr-Marathon 

Ich kaufte ein dickeres Buch und wählte einen Trainingsplan: 4:45 Stunden oder so ähnlich sollten es werden. In erster Linie wollte ich aber überleben. Der Termin stand auch bald fest: Der Rhein-Ruhr-Marathon 2012. Und zum allerersten Mal überhaupt ordnete ich mein Leben einem Ziel unter: 42,195. Das hieß, zu unmöglichsten Zeiten noch zu trainieren. Und zwar nicht einfach so, sondern auf Tempo, mit Sinn und Verstand und nach Plan. Zu meiner Überraschung machte das wirklich Spaß. Nicht einmal die Meisterschaft und der Pokalsieg von Borussia Dortmund konnten mich in meiner Vorbereitung stoppen. Ich war fit, selbst die zwei bis vier Bier, die mit den BVB-Feierlichkeiten einher gingen, konnten mir nichts anhaben. Der Trainingsplan war heilig und er wurde knallhart durchgezogen.

Ich lernte, Läufe im Regen zu lieben. Ich lernte meine Stadt kennen, weil so ein Lauf über 30 oder 32 Kilometer zwangsläufig in Gegenden führt, in denen man noch nicht war. Ich lernte, wie man auf einer Tartanbahn 25 Runden läuft, ohne dabei vor Langeweile umzukippen. Vor allem aber lernte ich mich neu kennen. Noch nie war ich so diszipliniert wie in den zehn Wochen der Marathonvorbereitung. Der Lauf an sich rückte im Angesicht des Trainings und der vielen neuen Erfahrungen beinahe in den Hintergrund.

Vom Schmerz fast ausgebremst

Als ich dann endlich am Start stand, war die Anspannung fast futsch. Ich hatte die Vorbereitung durchgestanden. Ich war bereit. Konditionell entpuppte sich der Marathon als absolut machbar. Doch hatte ich beim Halbmarathon in Duisburg noch einen großen Heimvorteil, entpuppte der sich über die volle Distanz eher als Handicap. Über die Halbdistanz wusste ich an jeder Ecke, wie nah das Ziel schon war. Über die volle Distanz war mir ständig bewusst, wie verdammt weit ich noch zu laufen hatte.

Nach ungefähr 30 Kilometern kam zwar nicht der Mann mit dem Hammer, dafür aber ein fieser Gnom mit tausend kleinen Nadeln - und er malträtierte meine Adduktoren. Ich musste Gehpausen machen. Mal trabte ich, dann ging ich wieder. Aufgeben war keine Option, da ich ansonsten topfit war. Ich war nicht aus der Puste, die Beine konnten noch, der Kopf war klar. Und in den Adduktoren stach es.

Irgendwie rückte das Ziel näher und mit steigendem Adrenalin schwand der Schmerz. Ich ging/lief/humpelte Richtung MSV-Arena. Im Spalier entlang der Hauptribüne waren keine Schmerzen mehr da. Ich bog um die Kurve und lief durchs Marathon-Tor. Plötzlich beschleunigten meine Beine, da waren tatsächlich noch Körner für so etwas Ähnliches wie einen Endspurt. Dann, nach exakt vier Stunden, 38 Minuten und 20 Sekunden das Ziel und bis dato nicht gekannte Glückseligkeit. Ich war so platt wie ich es noch nie war. Der Kopf leer, die Beine leer, alles ausgebrannt. Und Schmerzen. Die schönsten Schmerzen, die ich je hatte.

Der Marathon ist das Größte, was man ohne Verzicht erreichen kann

Im Ziel war ich mental kaputt und mit mir im Reinen, weil ich wusste, dass ich gerade das Höchste erreicht hatte, was mir als den leiblichen Genüssen und dem Müßiggang nicht abgeneigter Mensch möglich ist. Ich werde nie einen Ultra-Marathon laufen und ich werde nie den Mount Everest besteigen. Ich bin Marathoni. Meine Grenze – nicht die körperliche, sondern die Spaßgrenze – liegt bei 42,195 Kilometern. Wenn ich trainiere und mein Leben danach ausrichte, werde ich vermutlich auch 80 Kilometer laufen können. Aber ich will nicht. Wenn ich sportlich gut war, belohne ich mich manchmal mit einem Gyros-Teller und einem Bier. Manchmal belohne ich mich auch einfach so, ohne vorher gelaufen zu sein. Ich will das nicht ändern. Ich glaube, der Marathon ist das größte Ziel, das sich mit Fleiß, aber ohne viel Verzicht erreichen lässt. Das Schwerste am Marathon ist der Entschluss, ihn in Angriff zu nehmen.

Als die Schmerzen in den Adduktoren allmählich erträglicher wurden, startete ich wieder erste Trabversuche. Es dauerte. Physiotherapie und Besuche beim Orthopäden halfen. Kaum, dass die Schmerzen weg waren, fing mein Hirn an, Pläne zu schmieden: "Es gibt doch diesen Berlin-Marathon, das wäre doch etwas fürs nächste Jahr." Ziel: schmerzfrei und unter vier Stunden ins Ziel kommen.

Zu ambitioniert? Nein. Durch die Lauferei habe ich meinen Körper kennengelernt. Da war mehr drin als 4:38:20 zum Teil gehend oder humpelnd bewältigte Stunden. Unter vier? Vielleicht zu schnell, aber egal. Wenn es 4:30 werden, ich aber keine Schmerzen habe, ist das auch gut. Die Anmeldung für Berlin klappte, jetzt stand ich unter Zugzwang.

Marathon-Training fördert das Organisationstalent

Wieder ein Trainingsplan, diesmal noch akribischer befolgt als der erste. Abermals war ich erstaunt über meine Disziplin und das Organisationstalent, das plötzlich zum Vorschein kam, als es darum ging, Trainingseinheiten in die frühen Morgenstunden zu quetschen. Am Ende bedeutet eine Marathon-Vorbereitung eigentlich nur, dass für die Dinge, die einem wirklich wichtig sind, immer irgendwie Platz im Alltag ist. Wir verlieren nur zu selten den Fokus. Marathon-Training ist Fokussiertheit. Obwohl es Zeit frisst, macht es den Alltag leichter, weil er plötzlich eine Struktur hat – haben muss.

Berlin war genial! Mit 4:11:47 Stunden verpasste ich zwar mein Zeitziel, aber dass es nicht klappen würde, war mir schon auf den ersten fünf Kilometern klar. Die Strecke war einfach so wahnsinnig voll. So hegte ich keinen Groll, sondern genoss den Lauf. Die Halbmarathon-Marke überlief ich nach zwei Stunden und elf Minuten und stellte fest, dass ich noch total fit war. Also gab ich Gas, sodass ich auf der zweiten Hälfte mit exakt zwei Stunden eine neue persönliche Bestzeit über die Halbmarathon-Distanz aufstellen konnte.

Beim Hamburg-Marathon auf der Zielgeraden durchgeboxt 

Nach dem Ziel ist vor dem Start. Es folgte Hamburg, im April 2014. Die Vorbereitung war gespickt mit Hindernissen. Ein Wehwehchen jagte das andere. Mal zwickten Verhärtungen im Oberschenkel, dann krampfte die Wade, irgendwann stellte sich ab der 20-Kilometer-Marke ein fieser Schmerz in der Kniekehle ein. Glücklicherweise hatte ich sehr viele Termine beim Physio bekommen. Im Endspurt der Vorbereitung gab's noch Bestrahlung beim Orthopäden. Und trotzdem erwog ich allen Ernstes, nicht an den Start zu gehen.

Ich fuhr dennoch nach Hamburg. Am Abend vor dem Lauf gab's noch Pasta beim Italiener in der Nähe des Hotels. Dann kam der Schock des Tages.

Das Drama mit der Einlegesohle

Im Hotelzimmer wollte ich am Abend schon mal alles für den Morgen parat legen: Gels in den Laufgurt stopfen, meinen Kleiderbeutel packen, die Startnummer ans Shirt heften – was man vor Läufen eben so macht. Dann wollte ich noch den Zeitmess-Chip an meinem rechten (es ist immer der rechte) Schuh befestigen, schaute in meine treuen Asics und sah: das grellgelbe Fußbett. Ohne Einlegesohle.

Ich hätte gerne im Spiegel gesehen, wie es aussah, als mir klar wurde, dass ich am nächsten Morgen einen Marathon laufen wollte und keine Schuhe dabei hatte. Keine Schuhe! Also, Schuhe ja, aber keine vollständigen. Ich saß da ein paar Minuten und überlegte allen Ernstes, wie lange wohl die Fahrt Hamburg - Dortmund - Hamburg dauern würde. Dann fragte ich mich, ob es auf der Laufmesse am Start wohl Sohlen oder Schuhe zu kaufen gebe. Mit neuen Schuhen einen Marathon zu laufen, wäre zwar Irrsinn gewesen, aber keine Schuhe zu haben war auch eher unbefriedigend.

Dann fiel mein Blick auf das Paar Schuhe, das ich den ganzen Tag über angehabt hatte: Nike Free, also keine Marathon-Schuhe. Aber mir dämmerte, dass die auch eine Einlegesohle haben. Ein verzweifelter Versuch: raus mit den Dingern und ab in die Asics. Anziehen, ein paar Mal mit den Füßen aufstampfen - sie passten!

Der Beat aus den Boxen pusht den Puls

Am nächsten Morgen ging ich völlig gelassen an den Start. Ich hatte unter mir Schuhe mit falschen Einlegesohlen und hinter mir eine von Schmerzen geprägte Vorbereitung. Ich hatte nichts zu verlieren. Der Start nahte. Die Beine fühlten sich frisch wie noch nie. Noch schnell ein Power-Riegel und langsam im Pulk zur Startlinie schlurfen. Der Beat aus den Boxen trieb mich an, pushte den Puls hoch. Ich wurde flotter. "Heute fällt die Vier-Stunden-Marke!", brüllte ich mir innerlich zu.

Ich lief ohne Schmerzen, es lief total gut. Die Strecke war längst nicht so voll wie in Berlin und klugerweise war ich deutlich weiter vorne gestartet. Ich lief konstant wie ein Uhrwerk meinen Stiefel runter. Die falschen Innensohlen passten besser als die echten. Kein Muskel machte Anstalten "zuzumachen" oder zu zwicken. Mein Zeitgefühl war klasse und bei den Zwischenzeiten, sah ich, dass ich konstant etwa zwei Minuten unter dem Vier-Stunden-Plan war. Ich hatte das gute Gefühl, die Situation und vor allem die Uhr absolut im Griff zu haben.