Laura Dahlmeier: Nur der Rummel kann sie stoppen 

Pyeongchang.   Gerald Hönig steht beim abendlichen Training hinter seinem Fernglas und guckt sich gerade das Trefferbild von Maren Hammerschmidt an, als es hinter ihm unruhig wird. Erst kommt ein koreanischer Fotograf angerannt und schaut sich suchend um, dann fragt dessen ebenso gehetzt wirkender Kollege aus Frankreich: „Wo ist Dahlmeier?“ Daraufhin dreht sich der deutsche Bundestrainer kurz um und meint: „Die macht noch Urlaub.“

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Gerald Hönig steht beim abendlichen Training hinter seinem Fernglas und guckt sich gerade das Trefferbild von Maren Hammerschmidt an, als es hinter ihm unruhig wird. Erst kommt ein koreanischer Fotograf angerannt und schaut sich suchend um, dann fragt dessen ebenso gehetzt wirkender Kollege aus Frankreich: „Wo ist Dahlmeier?“ Daraufhin dreht sich der deutsche Bundestrainer kurz um und meint: „Die macht noch Urlaub.“

Was in diesem Moment witzig gemeint war, hat einen ernsten Hintergrund. Im deutschen Biathlon-Team tut man alles, um seinen Top-Star so gut es geht gegen äußere Einflüsse abzuschirmen.

So leicht sich Laura Dahlmeier mit Skiern unter den Füßen oder einem Gewehr in der Hand tut, so schwer fallen ihr die Aufgaben abseits der Wettkampfstätten.

Der Erfolg hat seinen Preis

„Ich will eigentlich nur meinen Sport machen – mehr nicht“, hat die 24-Jährige nach ihrem Triumphzug bei der Weltmeisterschaft in Hochfilzen vor einem Jahr gesagt. Damals stellte sie mit fünf Goldmedaillen und einer Silbermedaille in sechs Rennen einen Rekord für die Ewigkeit auf. Der Hype um ihre Person war riesig: Fans, Sponsoren und Medien rissen sich um die Partenkirchenerin. Selfies, Autogramme, Interviews, Termine – nach ihren Rennen begann der eigentliche Marathon. Einer, den sie zwar professionell, aber nicht glücklich absolvierte.

Doch der Erfolg hat seinen Preis. Keine weiß das besser als Magdalena Neuner, Dahlmeiers früheres Vorbild. „Da ist viel Presse, viele Interviews, das Deutsche Haus – das sind meine einzigen Bedenken, dass sie damit nicht so gut zurechtkommen könnte“, meinte die Biathlon-Rekordweltmeisterin.

Sportlich traut sie ihrer Nachfolgerin in jedem Rennen eine Medaille zu. Michael Greis rechnet sogar damit, dass seine Turin-Bilanz von 2006 mit drei Olympiasiegen von Dahlmeier noch getoppt wird.

Die erste Chance dazu bietet sich heute am Samstag im 7,5-km-Sprintrennen ab 12.15 Uhr deutscher Zeit. Viele erwarten dort das erste Gold für Deutschland.

Genau diese enorme Erwartungshaltung nach der überragenden letzten Saison, die die Bayerin mit dem Gesamt-Weltcup krönte, lastet auf ihren schmalen Schultern. 2014 in Sotschi war sie noch die unbeschwerte Debütantin, genoss eine Art Welpenschutz.

„Damals war es meine erste komplette Weltcup-Saison. Es war alles neu, alles spannend, und so habe ich auch Olympia wahrgenommen. Es war fast wie ein großer Abenteuer-Spielplatz“, beschreibt die Ausnahme-Athletin. „Sportlich hat es leider nicht ganz so geklappt. Ich war etwas ausgebrannt. Trotzdem habe ich versucht, die Emotionen und das Drumherum aufzusaugen.“

In Pyeongchang versucht sie sich so gut es geht vom Trubel fernzuhalten. Trotzdem steht sie im Fokus der Öffentlichkeit. Aber auch der eigene Anspruch ist nach den erfolgreichen Wintern ein anderer. Dahlmeier, die passionierte Bergsteigerin, peilt immer den Gipfel an. Die Lust darauf, die Grenzen auszureizen und sogar zu überschreiten, zeichnet ihr Naturell aus. Bei ihrer Traum-WM in Hochfilzen verausgabte sich die Skijägerin dreimal derart, dass sie im Ziel einen Schwächeanfall erlitt. Dass sie immer wieder aufstand und umso stärker zurückkehrte, verblüffte die gesamte Szene.

Aber nicht nur aufgrund dieser Willensstärke hat sie heute jeder auf der Rechnung. Dahlmeier hat sich auch akribisch mit den olympischen Strecken auseinandergesetzt. Allen WM-Strapazen zum Trotz reiste sie im vergangenen Jahr zum Weltcup nach Pyeongchang und begutachtete jeden einzelnen Abschnitt. Schon damals stellte sie fest: Der anspruchsvolle Kurs im Taebaek-Gebirge liegt ihr. Prompt gelangen ihr zwei Siege – im Sprint und in der Verfolgung. Das brachte ein gutes Gefühl und jede Menge Selbstvertrauen.

Auf der Strecke fühlt sie sich wohl

Nach den ersten Trainingseinheiten bestätigte sie nun den Eindruck von damals: „Die Aufteilung der Runde gefällt mir, und auch mit dem Schießstand bin ich sehr gut zurechtgekommen.“ Sogar gegen die klirrende Kälte ist sie gewappnet: Mit dickeren Handschuhen und einer Extra-Putzrunde. Die tiefen Temperaturen hatten im Training dafür gesorgt, dass sich ihr Waffenverschluss nur schwer öffnen ließ. Ihr war klar: Der darauf befindliche Ölfilm muss wegpoliert werden. Wer Großes erreichen will, muss viele kleine Dinge richtig machen. Dahlmeier scheint das Erfolgsrezept gefunden zu haben.

Neben ihr gehen für die deutsche Mannschaft noch Franziska Hildebrand, Vanessa Hinz und Denise Herrmann ins Rennen. Weil vor dem Staffel-Wettkampf alle Athletinnen einen Einsatz bekommen sollen, ist damit klar: Franziska Preuß und Maren Hammerschmidt werden am Mittwoch im 15-Kilometer-Einzel starten.

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