Nachruf

Rudi Gutendorf war der Anti-Meidericher – und passte perfekt

Rudi Gutendorf im Jahr 2007 mit seinen einstigen MSV-Schützlingen: (von links) Hartmut Heidemann, Werner Krämer, Manfred Manglitz, Günter Preuß, Dieter Danzberg, Hennes Sabath.

Rudi Gutendorf im Jahr 2007 mit seinen einstigen MSV-Schützlingen: (von links) Hartmut Heidemann, Werner Krämer, Manfred Manglitz, Günter Preuß, Dieter Danzberg, Hennes Sabath.

Foto: Friedhelm GEINOWSKI

Duisburg.  Der mit 93 Jahren verstorbene Fußballtrainer führte die Duisburger zur besten Platzierung ihrer Bundesligageschichte. Eine Würdigung.

Er war in gewisser Weise der Anti-Meidericher. Der bunte Hund unter grauen Mäusen, die eigentlich weiß-blaue Zebras waren. Rudi Gutendorf machte den MSV im ersten Bundesligajahr 1963/64 zu Meidericher Vizemeistern. Nie mehr stand der Verein am Ende einer Saison besser in der Tabelle da.

Rudi Gutendorf hatte bereits in der Schweiz trainiert, als für die Meidericher Jungs einer aus Hochheide schon fast aus dem Ausland stammte. Gutendorf war ein „Aufsprecher“ in einer Stadt, in der man sehr bereitwillig den unteren Weg geht. Gutendorf passte nicht wirklich zum MSV und war deshalb genau richtig.

Der findige Trainer brachte einen namenlosen Klub in die Schlagzeilen. Sogar der Spiegel schrieb über den MSV. Der Erfolg brachte ihm viel ein: 30.000 Mark an Prämie für den zweiten Platz (der Grundstock seines Vermögens). Es können auch nur 15.000 Mark gewesen sein. Gutenberg erinnerte sich daran unterschiedlich. Er wurde zum Trainer der Jahrhundert-Elf 2002 gewählt, bekam im Panini-Sticker-Buch gleich zwei Bilder: eins von ihm selbst und eins mit seinem berühmten Riegel.

Aber dann erst die berühmte Geschichte mit dem Vertrag auf der Speisekarte: Vom Regionalligisten TSV Marl-Hüls holte MSV-Vizepräsident Josef Schwickert, den damals 35-jährigen, den jüngsten und vor allem unbekannten Übungsleiter. Die vertraglichen Dinge regelte man im Kölner Gasthaus Maria im Bildchen auf besagter Speisekarte. Eine Nichtabstiegsprämie wollten sie ihm zahlen. Gutendorf dachte anders. Er handelte eine Prämie für die Meisterschaft und Vizemeisterschaft aus. Die MSV-Verantwortlichen waren sich nicht ganz sicher, ob sie gerade einen Verrückten engagiert hatten. Hatten sie. Aber einen Verrückten im besten Sinne.

Gutendorf holte Rahn nach Meiderich

Der MSV, in letzter Minute in die Liga eingerückt, war als Abstiegskandidat vorgewettet. Und der wollte dann gleich Meister werden. Also unterschrieben sie die Zusatzklauseln. Gutendorf schrieb in seinen Erinnerungen: „Ich lache erst wie bekloppt, als ich in der Toilette bin.“

Der unbekannte Mann tat noch mehr. Er besorgte dem Verein ohne Namen in der Fußball-Welt einen echten Star. „Kurz vor der Bundesliga waren hier zigtausend Leute bei unserem Trainingsauftakt. Die kamen alle wegen dem Rahn, den hatte der Gutendorf noch schnell aus Holland geholt“, erzählte Werner Lotz, einer der Duisburger Vizemeister. Der Siegtorschütze von 1954 gab dem Zebra ein Gesicht. Geschont hat er den Helden von Bern übrigens nicht. Wenn der Boss nicht spurte, bat der nur drei Jahre ältere Cheftrainer den Weltmeister zum Straftraining früh am Morgen. Rahn schlief gern lang.

Und schließlich: die Geschichte mit dem Riegel. Der Coach überraschte die Liga mit einer neuen taktischen Ausrichtung. Hinten „mit alle Mann“ kompakt stehen und dann die fiesen Stiche setzen. Die Attacken trafen den großen HSV beim 4:0 der Zebras ins Herz. Uwe Seeler prägte sich für immer ein: Da liegt Meiderich.

In seinem Buch schrieb Gutendorf zur Systemfrage: „In einem Wildwestfilm hatte ich gesehen, wie drei Cowboys sich in einem Blockhaus eingeriegelt hatten. Im richtigen Moment nutzen sie die nachlassende Aufmerksamkeit der Angreifer, um überraschend auszubrechen. Genau das will ich tun in Meiderich.“ Boss Rahn gefällt das System und bemerkt: „Das Ding ist gut.“ Bundestrainer Sepp Herberger wird mit dem Satz über „Rudis Rollsystem“ zitiert: „Es ist durchdacht, mir gefällt es.“

Nach Duisburg ging es um die Welt

Das kleine Märchen endet in der kommenden Saison. Gutendorf sagt, er habe sich mit dem neuen Vorstand nicht verstanden. Der wollte ihm schon nicht die vereinbarte Prämie zahlen. Am 20. Februar 1965 feuert ihn der Verein. Nach Stuttgart führt ihn der weitere Weg und dann rund um die Welt. Beim MSV hat er dafür das Ticket gelöst.

Am vergangenen Freitag ist er im Alter von 93 Jahren verstorben. In Koblenz, wo er auch geboren wurde. Aus dem Rückblick zurück auf seine Zeit beim Meidericher Spielverein lässt sich eine Art Vermächtnis herauslesen: Denkt groß, auch wenn ihr klein seid! Habt Träume und seid dabei hellwach! Ihr seid schlecht dran? Dann lasst Euch was einfallen! Diese Haltung hat noch immer Vorbildliches.

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