Kartfahren

Finaltag der größte Tag für Kartfahrerin aus Gevelsberg

Gina Schnittke, Kartfahrerin aus Gevelsberg

Gina Schnittke, Kartfahrerin aus Gevelsberg

Foto: Privat

Gevelsberg/Lonato.  Gina Schnittke hat erst vor zwei Jahren mit dem Kartfahren beginnen – erstaunlich, dass die jetzt bereits ein WM-Finale fahren durfte.

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Momente vor dem fliegenden Start. Die Reifen der Karts werden warm gefahren, bis sich die Fahrer hintereinander aufstellen. Das Adrenalin schießt durch den Körper, die Anspannung steigt. Dann entscheiden wenige Sekunden. Die Ampel geht aus und jeder versucht mit 100 km/h die anderen zu überholen. Da heißt es volle Konzentration, denn kracht man zusammen, fliegt meistens ein Reifen ab. Als wenn das nicht schon genug wäre, sollte der 12. Oktober 2019 für die junge Kartfahrerin Gina Schnittke noch deutlich aufregender werden: Es ist nämlich der Finaltag der Weltmeisterschaft.

Das „ROK Cup Superfinal” führte in Lonato, einer italienischen Kleinstadt am Gardasee, die besten Kartfahrer zusammen, die die Welt zu bieten hat. Darunter auch die Schülerin aus Gevelsberg. Jedoch war bereits vor Beginn der WM klar, dass Ginas besondere Geschichte sie aus dem breiten Teilnehmerfeld herausstechen lassen würde: Sie ist nämlich gerade einmal vor zwei Jahren ihr erstes Rennen im Freien gefahren. „Es ist schon cool wenn man nach so einer kurzen Zeit sagen kann, dass man die WM gefahren ist. Das hätte ich auch nicht erwartet.”

Überwältigende Atmosphäre

Um sich zu qualifizieren, musste Gina Schnittke bereits Ende September ein Rennen in Italien, genauer gesagt im kleinen Adria fahren, da es über ihre heimische Rennserie in Deutschland nicht möglich war. Für sie waren es die erste Rennen in einem anderen Land. In Deutschland ist sie im vergangenen und in diesem Jahr die ADAC Kartmasters gefahren. Umso überwältigender war die Atmosphäre, die sie bei der WM zu spüren bekam: „Es war alles viel größer, überall waren Kameras und riesige Plakate, was es hier in Deutschland gar nicht gibt. Egal, wo man war, irgendwo wurde man fotografiert.”

Neben den insgesamt über 400 Startern waren auch zahlreiche Schaulustige vor Ort. Eine größere Reichweite erlangte das Event dadurch, dass Zuschauer aus aller Welt die Rennen live im Internet verfolgen konnten. Für Gina Schnittke ungewohnt: „Während der Liveübertragung war es komisch, weil man wusste, man wird gesehen wenn man fährt.” Natürlich sind die Fahrer bei so einer Weltmeisterschaft noch höher angesehen als bei ihren heimischen Wettbewerben. Entsprechend ist die Infrastruktur hinsichtlich der Versorgung und des gesamten Geschehens abseits der Strecke sichtbar komplexer.

Körperlich und mental anstrengend

So richtig anstrengend wurde es für die Gevelsbergerin auf der Strecke. Nach dem Frühstück, startete morgens um 8 Uhr ihr erstes Training. Dann ging es im Wechsel: eine Stunde Pause und wieder zurück ins Kart. „Abends war ich sowohl körperlich als auch mental total kaputt. Irgendwann ist die Konzentration einfach weg, und dann ist man nur noch froh, dass man abends im Hotelzimmer liegen und schlafen kann”, so Gina Schnittke über die körperliche Belastung, die ein solcher WM-Tag mit sich bringt.

Das Kartfahren ist also ohne Zweifel sowohl körperlich, als auch mental ein äußerst anstrengender Sport, den viele Leute unterschätzen. Gina Schnittke nimmt es allerdings gelassen: „Cool ist natürlich wenn man nach vorne fährt, nach dem Rennen den Helm abzieht und die Jungs dann nochmal sehen, dass man ein Mädchen ist und sich entsprechend ein bisschen aufregen.” Ihr Vater Michael Schnittke ist ihr persönlicher Mechaniker, hat sie während ihres gesamten Weges begleitet: „Sie hat einfach Talent. Das war uns schon nach der ersten Fahrt klar. Wenn man sieht, dass dein Kind so schnell fährt wie diejenigen, die jeden Tag trainieren können, macht einen das unheimlich stolz.”

Intensität bringt Gina an ihre Grenzen

Die Intensität der fünf WM-Tage brachte Gina allemal an ihre Grenzen. Jedoch hat ihr das sportliche Kräftemessen mit der Weltspitze umso mehr Spaß gemacht. Für sie wurde schnell klar: „Es war halt eine WM und kein Kindergeburtstag mehr.” Denn genau da fing für die 16-Jährige ihre Reise an. 2015 konnte sie bei einem Kindergeburtstag auf der Gevelsberger Indoor Kartbahn das erste Mal den Geruch von Motor und Reifen wahrnehmen. Von diesem Tag an nahm ihre Karriere, im wahrsten Sinne des Wortes, so richtig Fahrt auf. Sie fuhr immer öfter, dann fast jeden Tag. Bis sie an ersten Rennen in anderen Städten teilnehmen durfte.

Und dann lief alles wie nach Plan: Ein Bekannter von Gina war damals Mitglied ihres jetzigen Teams Valier Motorsport. Dieser stellte bei einem Rennen ihren Vater dem Teamchef Klaus Valier vor. Nachdem Valier ihre Leistungen beobachtete, holte er Gina Schnittke 2017 ins Team und sie absolvierte kurze Zeit später ihre ersten Outdoor-Rennen. In den letzten beiden Jahren nahm sie schließlich an der heimischen Rennserie „ADAC Kart Masters” teil. „Das ist alles relativ klein im Gegensatz zu dem was ich in Italien gefahren bin.”, so Gina. Trotzdem ist es nicht weniger stressig. Da sie für einen Rennen bereits donnerstags anreisen muss, müssen Hausaufgaben und Klausuren stets nachgeholt werden.

Höhere Konzentration für die Schule

Es hat aber auch seine Vorteile: „Ich bin durchs Kartfahren besser in der Schule geworden. Nach so einem Rennwochenende geht’s mir irgendwie viel besser. Wenn ich fahre, dann bin ich so konzentriert, dass ich alles vergesse.” Hierzulande genießt das Kartfahren noch nicht die Aufmerksamkeit, die anderen Sportarten erfahren. Dabei ist aber eines ganz entscheidend: Nahezu alle Formel 2- oder DTM-Fahrer setzen ihre Anfänge im Kartsport.

„Gina ist sehr aufnahmefähig und lernt schnell. Sie hat das Talent, hätte sie nun noch das Budget und die Erfahrung wäre sie bereit für ganz oben”, so Valier. Denn an dieser Stelle liegt das größte Problem des Kartsports: Dass er sowohl als physische und psychische Belastungsprobe zu betiteln ist, steht also außer Frage. Die größte Belastung, die der Sport jedoch mit sich bringt, ist, zum Nachteil von Gina, die finanzielle. Denn er ist teuer: Neben dem Kart selbst und dessen Wartung, müssen auch Dinge wie die Anreise zu den Rennen und Training bezahlt werden. Gina Schnittke bringt es auf den Punkt: „Talent ist zweitrangig, weil der, der das meiste Geld hat, vorne fährt. Ich bin zwar in einem Rennteam, muss aber trotzdem fast alles zahlen.”

Geld verdienen kann man erst ganz weit oben. Eine andere Möglichkeit wäre, als Werksfahrer für eine Kartmarke unterwegs zu sein. Um für so eine Kartmarke fahren zu dürfen, muss man große jedoch Erfolge nachweisen. Und um solche Erfolge einzufahren, braucht man Geld. Es ist ein Teufelskreis. So bleibt Gina schließlich nur übrig, Sponsoren zu finden. Bisher wurde sie unter anderem durch ihre Trainingspartner „Fit mit Thorge”, wo sie regelmäßig Krafttraining betreiben kann, und ihrer Physiotherapie „Physiokon” gesponsert. Die beiden Einrichtungen sind für Gina sehr wichtig, da Fitness, neben dem Training auf der Strecke, für das Kartfahren entscheidend ist. Des weiteren wurde ihr finanziell von einem privaten Unterstützer aus der Schweiz geholfen, ohne den die Teilnahme an der WM gar nicht möglich wäre. Damit die Gevelsbergerin nächstes Jahr fahren kann, benötigt sie mehr finanzielle Hilfe. Hätte sie diese, dann könnte sie ohne Zweifel ihr großes Potenzial voll ausschöpfen.

150 Firmen erfolglos abgeklappert

Gina Schnittke liegt aber keinesfalls trauernd auf der faulen Haut. Sie hat im vergangenen Jahr ihre kompletten Sommerferien damit verbracht, persönlich zu etwa 150 Firmen zu gehen und zu nach Unterstützung fragen. Und es gab von 150 Firmen eine Absage. Trotzdem gibt sie nicht auf. „Sie hat einen riesigen Ehrgeiz. Sie tut alles dafür”, wie es ihr Vater bestätigt. Gina Schnittke: „Ich werde auf jeden Fall irgendwie versuchen, ins Auto zu kommen. Sei es Tourenwagen oder Formelsport. Ich fänd es schön wenn sich mehr Leute für den Outdoor-Kartsport interessieren würden und den Sport größer machen würden.”

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