Fußball

Reinhard Grindel bebt in Gelsenkirchen kräftig nach

Reinhard Grindel, der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, hat mit seinen Worten und Vorwürfen für sehr viel Unruhe in Gelsenkirchen gesorgt.

Reinhard Grindel, der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, hat mit seinen Worten und Vorwürfen für sehr viel Unruhe in Gelsenkirchen gesorgt.

Foto: Boris Roessler/dpa

Gelsenkirchen.   Gelsensport wehrt sich gegen die Vorwürfe des ehemaligen DFB-Chefs. Die WM 2006 hat der Stadt einen Verlust von 5,8 Millionen Euro beschert.

Es ist gar nicht geklärt, ob es jemals Äußerungen irgendeiner Sympathie gegeben hat. Auch Gegenteiliges ist nicht protokolliert. Aber es ist schon so, dass Gelsensport-Geschäftsführer Günter Pruin den inzwischen ehemaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), den 57-jährigen Reinhard Grindel, nicht zu seinen besten Freunden zählt und dessen Aussagen überhaupt nicht mag. Im Kern hat der einstige DFB-Boss gefordert, dass Gelsenkirchen dank seiner Einnahmen von der Weltmeisterschaft 2006 deutlich mehr in den Fußball vor Ort investieren müsse.

Genau deshalb hat die Interessenvertretung aller Sportvereine dieser Stadt auch reagiert, und zwar mit einem Schreiben an die Vorsitzenden aller Gelsenkirchener Klubs. „Wie Sie sehen werden“, heißt es auf der ersten von sieben Seiten, „wird man hier sehr schnell den Eindruck gewinnen können, als gäbe es in Gelsenkirchen nur eine Sportart. Sie alle wissen, dass dies mitnichten die Realität des Sports in unserer Stadtgesellschaft beschreibt.“

Vorwort Reinhard Grindels im Stadionheft

Dieses absurde Fußball-Theater des ehemaligen DFB-Präsidenten schockte Günter Pruin erstmals am 19. November des vergangenen Jahres, als die Veltins-Arena Austragungsort des Länderspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden war und Reinhard Grindel im Vorwort des Stadionheftes nicht nur auf die Weltmeisterschaft im eigenen Land zurückblickte.

Er schrieb unter anderem auch: „Von Gelsenkirchen als Ausrichter wünschen wir uns, dass sich die Stadt nicht nur auf hohe Einnahmen durch die Euro 2024 freut, sondern dem Fußball auch etwas zurückgibt. Wir benötigen ausreichend Plätze für den Fußball an der Basis und die vielen Vereine in der Stadt, in denen unsere Ehrenamtlichen großartige Arbeit leisten.“

Rums! Wie bitte?

Günter Pruin: „Bewusster Start einer Strategie“

Günter Pruin nennt dieses November-Vorwort den bewussten Start einer Strategie, „die Verantwortung und die Kosten für den Amateurfußball auf die Kommunen zu verlagern“, sagt der 68-Jährige und betont, dass die Weltmeisterschaft 2006 Gelsenkirchen finanziell überhaupt nichts gebracht hat. Im Gegenteil: Die Stadt hat unterm Strich einen Verlust von 5,8 Millionen Euro gemacht.

Gewerbesteuer: Mehr als 80 Prozent nach Frankfurt

Gründe dafür sind, dass Gelsenkirchen kaum Gewerbesteuereinnahmen erhalten hat. „Deutlich mehr als 80 Prozent gingen an die Stadt Frankfurt, weil sich dort der DFB-Sitz befindet“, erklärt der Gelsensport-Geschäftsführer. Und Gelsenkirchen hat auch keine Stadionmieten erhalten, weil die Stadt – anders als damals beim Parkstadion – bekanntlich nicht die Eigentümerin der Veltins-Arena ist.

Es ist nicht zu übersehen und zu überhören, dass Günter Pruin die Vorwürfe Reinhard Grindels getroffen haben. „Wo man nichts einnimmt, kann man auch nichts zurückgeben“, sagt er. „Trotzdem hat die Stadt sehr große Anstrengungen unternommen, um den Amateurfußball in der Stadt zu unterstützen. Die Behauptungen Reinhard Grindels sind schlicht falsch.“

Ein sattes Minus von 15 Prozent

In dem Schreiben an die Klubvorsitzenden wird sehr deutlich darauf hingewiesen, dass laut der Datenbank des Landessportbundes die Zahl der Mitglieder zwischen 2012 und 2018 von 11.682 auf 11.177 und die der Mannschaften gesunken ist – nämlich von 428 auf 382, allein bei den Junioren sogar von 273 auf 232, was bei diesen ein Minus von satten 15 Prozent macht. „Der Zeitraum ist deshalb so bedeutsam“, sagt Günter Pruin, „weil in diesem Rahmen in Gelsenkirchen fast alle Kunstrasengroß- und Kunstrasenkleinspielfelder errichtet worden sind.“ Insgesamt gibt es in der Stadt 71 Spielfelder – 18-mal Naturrasen, siebenmal Kunstrasen groß und 14-mal klein.

„Die immer wieder vorgetragene These, dass Kunstrasenspielfelder zwangsläufig zu mehr Anmeldungen bei den Vereinen führen, hat sich anhand der vorliegenden Daten nicht bestätigen lassen“, erzählt der Gelsensport-Geschäftsführer und verteidigt auch die Kleinspielfelder. „Sie lassen den offiziellen Spielbetrieb bis zur F-Jugend zu“, sagt Günter Pruin. „Ein zeitgemäßes, modernes Technik-Training, wie es explizit auch der DFB fordert, ist darüber hinaus bis in höhere Altersklassen möglich.“

970.000 Euro für andere Sportarten

Wie gut es Gelsenkirchens Kickern geht, zeigen auch die Euro-Zahlen aus den Jahren von 2015 bis 2018. Von den Fördersummen, die in diesem Zeitraum in den Sport geflossen sind, hat der Amateurfußball in dieser Stadt rund sechs Millionen Euro erhalten, allein mehr als 5,4 Millionen Euro für den Bau von Kunstrasenspielfeldern. Die anderen Sportarten beziehungsweise Sportanlagen haben lediglich mit rund 970.000 Euro profitiert, etwa einem Siebtel.

Deshalb betont Günter Pruin auch noch einmal, dass Gelsenkirchen „den Interessen des Fußballsports durch umfassende Investitionen nachgekommen ist“, wie er sagt. „Auch wenn der im Südstadion bei der SG Eintracht geplante Besuch des mittlerweile zurückgetretenen DFB-Präsidenten ausgeblieben ist, war es aus unserer Sicht notwendig“, heißt es in dem Schreiben an die Gelsenkirchener Klubchefs, „einmal anhand von Fakten nachzuweisen, dass die Vorwürfe gegen die Stadt völlig ungerechtfertigt sind.“ Und: „Wir sehen den DFB in der Pflicht, den Amateurfußball endlich in dem Maße zu unterstützen, wie er es verdient!“

>>FUSSBALLER SIND 27 PROZENT DER VEREINSSPORTLER

  • Der Anteil der Fußballer beträgt in Gelsenkirchen 27 Prozent aller Vereinssportler. Dabei ist bereits berücksichtigt, dass der FC Schalke 04 nach eigenen Angaben für die gesamten Amateur-Abteilungen des Vereins etwa 1500 bis 2000 Mitglieder umfasst.


  • Das bedeutet: 73 Prozent aller organisierten Gelsenkirchener Sportler sind keine Fußballer. „Nicht berücksichtigt ist dabei der informelle Sport, der stetig ansteigt“, sagt Gelsensport-Geschäftsführer Günter Pruin. Also der Sport, der von den Aktiven selbst organisiert und reguliert wird. „Damit ist die immer wieder gerne vorgetragene These, dass der Fußball die Mehrheit des Gelsenkirchener Sports repräsentiere, nicht aufrechtzuerhalten“, sagt er.

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