Nachwuchsporträt

Ein Problem mit unendlich vielen Lösungen

Nachwuchs-Schachspielerin Valerija Naumenko vom SV Hemer.

Nachwuchs-Schachspielerin Valerija Naumenko vom SV Hemer.

Foto: Alexander Barth

Iserlohn.  Valerija Naumenko tritt als stärkste Jugendspielerin des SV Hemer bei den deutschen Meisterschaften an.

Ihr Name weckt Assoziationen mit Zwiebeltürmen, Wintermärchen – und Schwachweltmeistern. Tatsächlich stammt Valerija Naumenkos Familie aus Russland. In ihrem Elternhaus wird neben der Sprache auch noch die traditionelle Küche aus der alten Heimat gepflegt, und Ostern verbindet sie mit den Bräuchen der orthodoxen Kirche. Schach spielt die 15-Jährige Schülerin des Woeste-Gymnasiums ebenfalls, seit vier Jahren im SV Hemer und mit großem Erfolg. Die Vorstellung, den Strategiesport habe sie mit der Muttermilch aufgesogen, trifft allerdings nicht zu, erklärt sie: „In meiner Familie spielt niemand Schach außer meinem Onkel. Als Kind hat er mir die Züge beigebracht, ich hatte dann aber lange keine Berührung mehr damit.“

Seit der fünften Klasse lässt das Spiel sie nicht mehr los

Die gebürtige Hemeranerin ist auf andere Weise zum Sport gekommen. In der fünften Klasse stromerte sie in einer Mittagspause über das Schulgelände, entdeckte hinter der offenen Tür des Schachraums die Spielbretter und ließ sich von ihrer Neugier leiten – dort traf sie SV-Spielerin Carmen Voicu-Jagodzinsky, ihre heutige Trainerin. „Wir haben angefangen zu spielen, und seitdem habe ich nicht mehr aufgehört. Beim Schach kann ich mich auf meine Gedanken und das Spiel konzentrieren, die Ruhe dabei gefällt mir“, beschreibt Valerija Naumenko ihre Faszination mit dem jahrhundertealten Strategiespiel.

Knobelaufgaben reizen sie generell, aber als ambitionierte Sportlerin investiert sie die allermeiste Zeit in Übungen, die ihr auf dem karierten Brett weiterhelfen. Dazu zählt das Lesen beziehungsweise Durcharbeiten von Schachbüchern, die konkrete Taktikaufgaben zur Lösung aufgeben oder verschiedene Eröffnungen Zug für Zug analysieren. Ein Schachprogramm auf dem Computer gehört für sie ebenso selbstverständlich dazu wie eine Handy-App, mit der sie auch unterwegs über das Internet schnelle Partien gegen menschliche Gegner austragen kann.

Die künstliche Intelligenz fungiert nicht nur als Kontrahent, erläutert die 15-Jährige: „Das Programm hilft mir bei der Vorbereitung auf Turniere. Jeder Spieler hat bestimmte Eröffnungen, die man kennen sollte und zusammen mit dem Computer analysiere ich die besten Gegenzüge.“ Das spart auch dringend benötigte Zeit in der Wettkampfsituation – in der Regel nimmt Valerija sich nämlich gern Zeit, um über Dinge nachzudenken. „Ich bin ein gemütlicher Mensch“, sagt sie über sich selbst. Das tut ihren Ambitionen keinen Abbruch: Den Erfolg von lebenden Schachlegenden wie Weltmeister Magnus Carlsen oder den Großmeistern Sergei Alexandrowitsch Karjakin und Fabiano Caruana findet Valerija spannend.

Profikarriere? Reizvoll, aber nicht sehr wahrscheinlich

Einen eindeutigen Traumberuf hat sie nicht, vorstellen kann sie sich ein Physikstudium – aber auch die Arbeit von Architekten findet sie reizvoll. „Wenn ich die Chance hätte, später Profi-Schachspielerin zu werden, würde ich die nutzen. Dafür habe ich aber ziemlich spät angefangen“, zweifelt Valerija an einer solchen Karriere. Für ihren Verein tritt sie ab Sonntag bei den Deutschen Jugendeinzelmeisterschaften im hessischen Willingen an mit dem Ziel, einen der ersten acht Plätze zu erreichen. „Aber selbst, wenn ich alle Partien verlieren sollte, wäre ich glücklich, diese Erfahrung zu machen“, betont die Hemeranerin.

Schachspieler oder die ganze Disziplin als sonderbar einzustufen, lässt sie nicht gelten. „Wir unterscheiden uns nicht von anderen. Wenn wir irgendwo zusammensitzen, unterhalten wir uns viel über Schach, so wie Fußballer über ihren Sport.“ Natürlich gebe es noch andere Gesprächsthemen, ergänzt sie.

Über den Verein hat sie Gleichgesinnte kennengelernt, mit denen sie viel Zeit verbringt, unternimmt aber genau so gern etwas mit ihren nicht schachspielenden Freunden. An ihr spezielles Interesse hätten diese sich längst gewöhnt, sagt sie. Und waren bei wichtigen Turnieren auch schon zum Mitfiebern vor Ort – wie bei anderen Sportarten.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben