Fussball

Eine Ruhe, die trügerisch sein kann

Eine gute Kommunikation zwischen Schiedsrichter und Spielern kann sehr hilfreich sein.

Eine gute Kommunikation zwischen Schiedsrichter und Spielern kann sehr hilfreich sein.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Es gibt rauere Sitten auf den Fußballplätzen, aber bisher keine Attacken gegen die Schiedsrichter.

Wenn man Horst Reimann, den Vorsitzenden des Fußball-Kreises Iserlohn, auf das Thema Schiedsrichter im Amateurbereich anspricht, denn wähnt er die lokale Szene auf einer „Insel der Glückseligkeit“. Seit vielen Jahren hat es auf den heimischen Plätzen keine körperlichen Attacken gegeben, die anderswo zunehmen und sogar eskalieren. Schlagzeilen machte der Fall in Hessen, als ein Schiedsrichter von einem Spieler bewusstlos geschlagen wurde, ebenso wie der Streik im Berliner Amateurfußball, als an einem Wochenende 1500 Spiele im Erwachsenen- und Jugendbereich nicht besetzt wurden.

Ein so deutliches Zeichen wurde selten gesetzt, um auf die Verrohung der Sitten hinzuweisen. Aber in Berlin hatte man nach wenigen Spieltagen schon über 100 Fälle von Gewalt und Diskriminierung registriert, und über 50 Mal war der Unparteiische das Opfer. Reimann hält dennoch nichts von solchen Maßnahmen, weil eben auch jene betraft werden, die sich tadellos verhalten haben. Der Kreischef ist sich ebenso wie Lars Lehmann, der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses, darüber im Klaren, dass es auch vor Ort jederzeit zu einem Eklat kommen kann. Schließlich könne man nicht in die Köpfe der Spieler schauen. Lehmann berichtet von verbalen Entgleisungen und Drohungen auf dem Feld, und er sieht eine steigende Tendenz. „Tumulte gibt es aber in erster Linie zwischen den Spielern, Attacken gegen den Schiedsrichter sind bisher zum Glück ausgeblieben.“

Qualität der Unparteiischenals wichtige Voraussetzung

Im Kreis besitzt die qualifizierte Schiedsrichterausbildung seit Jahren einen hohen Stellenwert, viele Referees haben den Sprung in die gehobenen Amateurligen und sogar in den Profibereich geschafft, und diese Qualität strahlt auch auf die Basis ab. „Die Kollegen, die in den höheren Ligen im Einsatz sind, pfeifen auch regelmäßig im Kreis. Das macht sich ebenso bezahlt wie der generell hohe Standard, den unsere Schiedsrichter einbringen,“ sagt Lehmann. Natürlich sind Ausschreitungen auch bei den regelmäßigen Schulungen ein Thema, und ganz ausschließen will es Chef der heimischen Unparteiischen nicht, dass mancher potenzielle Kandidat aufgrund der jüngsten Vorkommnisse in anderen Landesverbänden künftig von der Teilnahme an einem Anwärterlehrgang absieht. „Das attraktivste Hobby haben wir derzeit nicht“, meint Lehmann.

Aber wie sehen es diejenigen die Woche für Woche an der Basis tätig sind? „Die Umgangsformen sind schon etwas rauer geworden, aber ich weiß, wie man damit umzugehen hat“, sagt Björn Greve, der für Borussia Dröschede pfeift. Der 43-Jährige ist seit 27 Jahren Schiedsrichter und leitet in jedem Jahr 70 bis 80 Spiele auf Kreisebene. Er weiß also, wovon er spricht. „Natürlich kann es auch bei uns einmal eskalieren, aber dass unsere Schiedsrichter eine gute Qualität besitzen, ist schon einmal eine wichtige Voraussetzung, dass es nicht soweit kommt.“ Das Regelwerk müsse man eben beherrschen. Er empfiehlt, stets authentisch aufzutreten und den Dialog mit den Spielern zu suchen. Greve hat sich längst darauf eingestellt, gelegentlich der Buhmann auf dem Platz zu sein. Ein dickes Fell hat er sich im Laufe der Zeit zugelegt, und er versichert, nie mit einem Angstgefühl zum Sportplatz zu fahren. Er würde jederzeit wieder dieses Hobby ergreifen, denn er findet es spannend, in jedem Spiel andere Charaktere kennenzulernen. „Wenn ich auf den Platz gehe, und die Spieler sagen, ,besser kein Schiri als du’, dann weiß ich, dass es ein gutes Spiel wird.

Die Unruhe geht oft vonZuschauern und Eltern aus

Auf Greves Erfahrungsschatz kann Julian Wache nicht zurückgreifen. Er ist 18, pfeift für die SF Sümmern und spielt bei Borussia Dröschede noch selbst aktiv. „Ich wollte einfach mal die andere Seite kennenlernen,“ begründet er seinen Entschluss, die Schiedsrichterlaufbahn einzuschlagen. Jetzt bestreitet er seine vierte Saison, und die zweite im Seniorenbereich. Wirklich schlechte Erfahrungen hat er noch nicht gemacht, aber es könnte auf den Plätzen natürlich entspannter zugehen. „Zuschauer sorgen oft für Unruhe, und bei Jugendspielen sind es leider die Eltern, die sich nicht benehmen können.“ Zu den Akteuren auf dem Feld findet Wache in aller Regel den richtigen Zugang. „Ich spiele selbst und weiß, dass man auf dem Platz auch mal emotional wird. Spieler dürfen das auch.“ Er ist weiterhin mit Leidenschaft Fußball-Schiedsrichter, was im Kreis wohl für fast alle seiner Kollegen gelten dürfte. Noch gibt es vor Ort eine ziemlich heile Welt, aber alle handelnden Personen wissen, dass man keine Garantie hat, dass es immer so bleibt. Horst Reimann: „Es gibt Leute, die auf der Straße ausrasten und jemanden niederschlagen. Und manche solcher Typen spielen eben auch Fußball.“

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