Fußball

Eine wichtige Säule für die Zeit nach dem Knast

Viel Spaß hatte gestern Annike Krahn mit den Fußballerinnen der JVA Drüpplingsen und von Borussia Dröschede.

Viel Spaß hatte gestern Annike Krahn mit den Fußballerinnen der JVA Drüpplingsen und von Borussia Dröschede.

Foto: Michael May

Drüpplingsen.  Anstoß für ein neues Leben“: Olympiasiegerin Annike Krahn begeistert inhaftierte Fußballerinnen.

„Geil! Ich kenn’ jetzt eine Weltmeisterin!“ Die junge Inhaftierte war begeistert. Denn sie hatte gestern in der Jugendjustizvollzugsanstalt Iserlohn mit weiteren Insassinnen ein Fußballtraining mit Annike Krahn absolviert. Die 137-fache A-Nationalspielerin, Olympiasiegerin von 2016, Weltmeisterin von 2017 und zweifache Europameisterin ist Patin des Projekts „Anstoß für ein neues Leben“ der Sepp-Herberger-Stiftung des DFB. Und ein Standort ist die JVA in Drüpplingsen. Dieses Projekt soll Jugendliche im Strafvollzug auf die Zeit danach vorbereiten.

Die Iserlohner JVA nahm bereits bis vor fünf Jahren teil, damals mit männlichen Strafgefangenen. Seit Mitte Februar sind nun auch 70 Mädchen im Alter von 14 bis 22 Jahren in Drüpplingsen inhaftiert. Sie saßen zuletzt in Köln ein, wo es diese Initiative gab.

Borussia Dröschede ist ein Partner dieses DFB-Projekts

Rund zehn weibliche Häftlinge trainieren samstags im JVA-Team. Es wird von Sportbereichsleiter Olaf Fiedler und Dennis Brocca betreut und möchte sich erneut für das Endturnier um den Sepp-Herberger-Pokal qualifizieren, nachdem die Truppe in diesem Jahr beim Finale in Berlin Platz zwei belegte. „Als wir dorthin gefahren sind, waren wir noch kein Team, jetzt sind wir eine Mannschaft“, schwärmte Fiedler gestern im Rahmen dieser besonderen Trainingseinheit.

Anstaltsleiter Joachim Güttler strich unter Bezug auf das Herberger-Zitat, „der Ball ist unser Dolmetscher“, die soziale Kompetenz des Fußballs heraus. Er diene der Verständigung, dem Miteinander und der Unterstützung. Das Projekt besitze daher eine große Bedeutung und ergänze das breite Spektrum der Resozialisierungsbemühungen mit Blick auf das neue Leben nach der Entlassung. Daher ist auch die Arbeitsagentur, die durch Dorothee Müller vertreten war, involviert. Das Projekt soll, so Güttler, dazu beitragen, ein straffreies Leben zu ermöglichen. Und Perspektiven eröffnen.

Nico Kempf, stellvertretender Geschäftsführer der Stiftung, verwies auf die drei Säulen: Fußball, Arbeit/Beruf/Schule sowie Soziales, und Fiedler sprach vom „sozialen Trainingsfeld“. Entsprechend zufrieden zeigte sich Kempf, dass Frauen-Westfalenligist Borussia Dröschede, gestern vertreten durch Manager Guido Knitter, Trainer Boris Decker sowie den Spielerinnen Kathrin Bothor, Charlotte Hahn und Angeline Ziehm, bei der Umsetzung mitwirkt. Kempf: „Fußballklubs sind Orte der Gemeinschaft.“ Da konnte Kreisfußballchef Horst Reimann nur nickend zustimmen.

Die 33-jährige Weltklasse-Fußballerin Annike Krahn sieht das genauso, ihr liegt dieses Projekt am Herzen, deshalb ist sie ein Gesicht dieser Initiative. Und sie setzte den integrativen Charakter gleich um bei einer gemeinsamen Trainingseinheit der JVA- und Borussen-Kickerinnen. Da gab es keine Berührungsängste. „Ihr habt ja eine Megaenergie“, lobte die Abwehrspielerin, die u. a. für den MSV Duisburg, Paris Saint-Germain und Bayer 04 Leverkusen in den Topligen aktiv war.

„Ihr seid es wert, dass wir uns mit Euch beschäftigen“

Mit großer Freude stellte sich Krahn nach dem Training den Fragen der jungen Straftäterinnen, die einiges von dem berühmten Gast wissen wollten. So erfuhren sie, dass Krahn mit vier Jahren mit dem Fußball begonnen hatte und ihre Nationalmannschaftskarriere auch durch die Verletzung einer anderen Spielerin begünstigt wurde. Auch Krahn strich die soziale Komponenten des Fußballs heraus. „Man kann viel für das normale Leben lernen.“ Ein Aspekt sei der respektvolle Umgang, ein anderer Engagement. Es gehe auch nicht nur ums Können, sondern auch darum, Spaß zu haben.

Ein besonderes Erlebnis war die Präsentation der Goldmedaille der Olympischen Spielen in Rio, die jede Spielerin begutachten durfte. „Sie ist so schwer wie zwei Pakete Butter“, beschrieb Krahn, „aber nicht aus reinem Gold.“ Schlagfertig meinte darauf eine Fußballerin: „Dann wäre das Ding jetzt weg.“ Krahn kontert ebenfalls breit grinsend: „Ich bin noch recht schnell.“ Nein, kriminelle Energie soll die Inhaftierten nicht mehr antreiben. Das hofft auch Olaf Fiedler, der den Mädchen einen großen Vertrauensbonus gibt: „Ihr seid es wert, dass wir uns mit Euch beschäftigen.“

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