Frauenfussball

Mangelverwaltung oder neues Großprojekt?

Beim Runden Tisch zum Thema Frauenfußball regte Dröschedes sportlicher Leiter Guido Knitter die große Kooperation an.

Beim Runden Tisch zum Thema Frauenfußball regte Dröschedes sportlicher Leiter Guido Knitter die große Kooperation an.

Foto: Michael May

Iserlohn.  WM-Bilanz und die Lage vor Ort: Die Basis wird dünner und die Problemlösung dringlicher. Guido Knitter hat eine interessante Vision.

Die Fußball-WM der Frauen war der Anlass, um die große Bühne einmal vor Ort zu diskutieren sowie über die Auswirkungen auf die lokale Ebene und über die aktuelle Situation des Frauen- und Mädchenfußballs im Kreis Iserlohn zu sprechen. Dazu hatte der IKZ Repräsentanten der Vereine sowie des Kreisvorstandes zu einem Runden Tisch ins Wichelhovenhaus eingeladen.

Mit dem Blick auf die internationale Bühne startete der Abend. Die Weltmeisterschaft war mit dem verdienten Sieg des US-Teams zu Ende gegangen, und dass für die deutsche Mannschaft das Turnier bereits im Viertelfinale enden würde, stand vor der WM nicht auf der Rechnung der Gesprächsrunden-Teilnehmer. Aber sie sahen es realistisch und stellten fest, dass aktuell nicht mehr drin ist. „Die Mannschaft hat sich im Laufe des Turniers nicht wirklich weiterentwickelt“, analysierte FCI-Spielerin Lina Lüders. Aber die vielen jungen Spielerinnen im Team machen ihr Hoffnung. „Giulia Gwinn hat mit ihren 20 Jahren schon eine tragende Rolle gespielt.“ Sie erwartet die DFB-Elf in nicht allzu ferner Zukunft wieder unter den Top drei..

Das sah ihre Dröscheder Kollegin Charlotte Hahn genauso. Sie lobte zudem die Berichterstattung. „Es wurde viel dafür getan, die Reichweite zu vergrößern.“ Zu Recht, wie Guido Knitter befand. „Alle vier Jahre werden die Spiele qualitativ besser.“ Aber er sah Ausnahmen. „Es gab Spiele, da hätte unser und euer Team auch mitgehalten“, meinte der Dröscheder in Richtung der FCI-Vertreter. Dass die FIFA vorgeschlagen hat, das Teilnehmerfeld von 24 auf 32 Teams zu vergrößern, stieß in der Runde auf Kopfschütteln.

Für Verwunderung sorgten zudem die Reaktionen auf Deutschlands Ausscheiden. Michael Lange: „Die Männer wären zwei Wochen lang durch den Kakao gezogen worden.“ Stattdessen, so merkte Knitter an, seien klammheimlich TV-Werbespots mit den Spielerinnen aus dem Programm genommen worden.

In den Vereinen wird durch das frühe Aus nicht damit gerechnet, dass die Zahl der aktiven Spielerinnen nach oben schießt. „Als uns Nia Künzer 2003 zum ersten WM-Titel geköpft hat, ist etwas in dieser Richtung passiert. Aber ich befürchte, dass in den nächsten Jahren viele Nationen an uns vorbeiziehen,“ meinte Knitter. Es fehle inzwischen die breite Basis in der Jugend. Fußball sei längst nicht die Freizeitbeschäftigung Nummer eins, das schlage sich bei den Mädchen besonders drastisch nieder. Michael Lange: „Wir müssen uns fragen, wo wir die Spielerinnen verloren haben.“

Von der WM wird kein positiver Effekt hängen bleiben

Der Status quo bereitet also allgemein Sorgen. Drei Mannschaften des Kreises spielen in der Landesliga, zwei in der Bezirksliga, aber für eine Frauen-Kreisliga bedarf es schon der Zusammenarbeit dreier Kreise, um echten Wettbewerb hinzubekommen. Zu Iserlohn und Lüdenscheid hat sich zur neuen Saison Olpe gesellt, das drei Vereine beisteuert. Mit sechs Iserlohnern und drei Lüdenscheidern kommt man so auf eine 12er Gruppe. Bei den Mädchen überstrahlt Bundesligist FC Iserlohn die Szenerie, die ansonsten trübe aussieht. Die Mannschaften im Kreis: Sechs bei den B-Juniorinnen, eine bei den C-Juniorinnen, sieben bei den D-Juniorinnen.

Der Mangel ist offenkundig, und er kann nach Auffassung von Guido Knitter nur mit Erfolgen und mit Einschreiten von oben behoben werden. „Wenn man beispielsweise eine Mannschaft in der zweiten Bundesliga hätte, dann wäre Frauenfußball plötzlich interessant, dann kämen mehr Spielerinnen, dann wäre auch die Basis stärker.“ Einig waren sich alle Beteiligten, dass vom DFB erheblich mehr unternommen werden muss. Knitter verwies auf den Plan in der englischen Premier League, alle Verein zur Bildung einer Frauenmannschaft zu verpflichten und auf das Beispiel Spanien, wo der Verband 20 Mio. Euro in den Frauenfußball investieren will. „Und was passiert in Deutschland?“

Thorsten Kriegesmann bemängelte das unzureichende Marketing im Spitzenbereich und meinte beim Blick auf die Nationalmannschaft. „Da macht doch niemand mehr den Mund auf, da fehlen Typen wie Megan Rapinoe bei den USA.“

Weil es zumeist ja wenig aussichtsreich ist, auf die Hilfe anderer zu warten, rückten die möglichen Sofortmaßnahmen vor Ort in den Mittelpunkt. Grundsätzlich verwiesen alle Gesprächsrundenteilnehmer auf die überschaubare Manpower in den Vereinen, wo die Arbeit oft an Einzelnen hängen bleibt. Sorge bereitet die Konkurrenz durch andere Sportarten. Michael Lange bemängelte den unzureichenden Dialog zwischen Vereinen und Verband, kritisierte aber auch die verbreitete Gleichgültigkeit in den Vereinen, die Missstände hinnehmen, anstatt entschlossen dagegen vorzugehen.

Thorsten Kriegesmann ergänzte: „Da, wo es noch ganz gut läuft, sieht man oft keine Notwendigkeit, weiter zu denken.“ Thomas Schreiber erwartet für Vereine mit dünner und unterklassiger Besetzung im Frauenbereich eher schlechte Entwicklungsmöglichkeiten. „Die großen Vereine werden unterstützt, die kleinen bluten aus. Und viele Eltern wollen ihr Kind einfach lieber im Dröscheder als im IST-Trikot sehen.“ Horst Reimann brachte einen anderen Aspekt ins Spiel: „In Iserlohn fehlen im Grunde drei Fußballplätze. Wenn sich das nicht ändert, können wir uns nicht weiterentwickeln.“ Auch er findet den Gedanken richtig, mehr mit den Schulen zu kooperieren und Fußball-AGs zu bilden. „Aber wo ist das Personal? Wer hat nachmittags Zeit, um eine Gruppe zu übernehmen?“ Thorsten Kriegesmann verwies auf die FCI-Kooperation mit dem Märkischen Gymnasium. „Da spüren wir die enorme Konkurrenz durch die Kangaroos oder die Young Roosters“. Und weiter: „Wir haben mit den B-Juniorinnen jetzt vier Jahre in der Bundesliga hinter uns und fast ein kleines Leistungszentrum. Aber niemanden interessiert das.“

Weshalb spielen so wenige Mädchen bei den Jungen mit?

Von Seiten des Kreisvorstandes wurde empfohlen, alle Möglichkeiten zu nutzen, um Spielerinnen im Spielbetrieb zu halten. „Bei uns spielt doch kaum ein Mädchen bei den Jungs mit, weil die Vereine es nicht zulassen. Das verstehe ich nicht“, meinte Klaus-Jürgen Behr. Lina Lüders konnte berichten, dass sie damit vor einigen Jahren selbst gute Erfahrungen gemacht habe. Michael Lange verwies darauf, dass man Jungjahrgänge auch in der darunter liegenden Altersstufe mitspielen lassen könne, zur Not eben ohne Wertung.

Steven Krieg betonte, wie wichtig der regelmäßige Wettbewerb sei. „Unsere Mannschaft will möglichst jede Woche spielen. Selbst wenn wir 50 Kilometer fahren müssen und hoch verlieren ist das immer noch besser als die vielen Spielpausen, weil man nur ein Minifeld zusammen hat.“ Dazu kommt das Problem, dass in vielen Kreisligen des Verbandsgebiets nur selten das komplette Teilnehmerfeld bis zum letzten Spieltag durchhält. Aussteiger sind aber auch in höheren Klassen an der Tagesordnung. Borussia Dröschede machte damit vor einigen Wochen leidvolle Erfahrungen und hätte die Westfalenliga halten können, wenn in Warendorf mit offenen Karten gespielt worden wäre. Und der gerade veröffentlichte Landesligaspielplan ist schon wieder Makulatur, weil die SG Lütgendortmund ihre Mannschaft zurückgezogen hat. Probleme über Probleme also und keine Lösung in Sicht?

Ein Patentrezept, wie neuer Schwung entstehen kann, hatte logischerweise niemand parat. Guido Knitter stellte dann die zentrale Frage: „Wo will der Frauenfußball in Iserlohn hin? Macht jeder für sich weiter oder macht man etwas gemeinsam?“ Er hat Gefallen an der Idee, dass alle Verein vor Ort zusammenarbeiten und ein großes Projekt starten. „Für uns in Dröschede ist mit der Westfalenliga das Ende der Fahnenstange erreicht. Aber mit vereinten Kräften halte ich die zweite Bundesliga in Iserlohn für darstellbar.“ Und darin sieht er den schon erwähnten Schlüssel zum Erfolg. Hohe Spielklasse, mehr Aufmerksamkeit, mehr Sponsoren, mehr Zulauf in den Vereinen, breitere Basis.

Horst Reimann ließ Skepsis anklingen. „Wir haben eine Mannschaft in der B-Juniorinnen-Bundesliga und doch nur sechs Mannschaften in dieser Altersstufe im Kreis.“ Thorsten Kriegesmann fand Knitters Ansatz hingegen spannend. „Wenn man aus Dröschede und Iserlohn eine Mannschaft machte, könnte man sicher schnell die Regionalliga anpeilen.“ Und der Sportchef der Borussia setzte die Idee eine Etage tiefer fort. „Aus unserer zweiten Mannschaft und Sümmern könnte ein Landesligist werden.“ Er betonte, wie wichtig es wäre, dass bei einem solchen Projekt alle Vereine mitmachen. Aber wirklich alle unter einen Hut zu bekommen, hielten andere Teilnehmer an der Runde für unwahrscheinlich, und der Kreisvorsitzende führte Menden United als mahnendes Beispiel an, wie Kooperationen auch schief gehen können. Aber ein wichtiger Anstoß wurde im Wichelhovenhaus gegeben, und man darf gespannt sein, was aus dieser Vision wird.

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