Basketball

Matthias Grothe hat einen ungleichen Kampf verloren

Matthias Grothe war der Architekt der Iserlohner Basketball-Erfolge.

Matthias Grothe war der Architekt der Iserlohner Basketball-Erfolge.

Iserlohn.  Spieler- und Trainer-Ikone der Iserlohn Kangaroos erliegt am Dienstagmorgen im Alter von nur 39 Jahren einem Krebsleiden.

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Es war Mitte August, als wir zuletzt telefonierten. Das Gespräch mit dem am Dienstagmorgen verstorbenen Matthias Grothe endete mit dem obligatorischen „Mach’s gut – Mach’s besser!“ So wie hunderte Male zuvor. Doch dieses Telefonat war anders. Dieser kraftvolle Mensch mit seinen mehr als zwei Metern Körpergröße redete mit leiser, angestrengter Stimme.

Während seiner Zeit als Trainer bei den Iserlohn Kangaroos sprachen wir beinahe jeden zweiten Tag miteinander. Vorschau, Trainermeinung nach Spielschluss, Nachbericht und ungezählte Extrathemen. Matthias Grothe hätte auch „Mr. Zuverlässig“ heißen können. Kein Anruf, der unerhört blieb. War er nicht erreichbar, rief er später zurück.

Sieben Jahre dauerte diese letzte Phase dieser 25-jährigen Zusammenarbeit in Iserlohn. Sieben Jahre, in denen Matthias Grothe als Trainer der Iserlohn Kangaroos Maßstäbe gesetzt und die heimischen Basketballer dorthin geführt hat, wo sie heute sind. Nicht die Spieler waren die Stars, er war es. Obwohl er das überhaupt nicht sein wollte. Mit seinem Charisma und seiner Sicht auf die Dinge, nutzte er die Popularität stets für das Projekt „Basketball in Iserlohn“, in das er seine gesamte Schaffenskraft setzte.

Als Spieler betrat er erstmals als C-Jugendlicher zu Beginn der 90er Jahre das Spielfeld. Er kam auf Vermittlung seines Bruders Daniel vom Tischtennis und „rockte“ gleich bei seinem Debüt, einem Turnier in Schwelm, wo er zum besten Spieler gewählt wurde. Keine Frage, da hatte der TuS Iserlohn einen Rohdiamanten entdeckt, der im Laufe der Zeit zu einem Ausnahmetalent avancierte. Der Vize-DM-Titel mit der von Paris Konstantinidis, seinem Mentor, gecoachten C-Jugend und später der Sprung in die Nachwuchs-Nationalteams des DBB waren der Lohn. Dort teilte er mit Dirk Nowitzki das Zimmer, spielte mit ihm in einem Team, beide wurden Freunde und spielten in Hagen in der Bundesliga sogar einmal gegeneinander.

Den Kangaroos gab Mathias Grothe ein junges Gesicht, wechselte aber nach einer schweren Knieverletzung, die beinahe seine Karriere beendet hätte, in die Bundesliga nach Hagen und bestritt ca. 150 Partien. Diese Jahre prägten ihn als Typen. Bei den Fans wurde er verehrt. Für zwei Jahre kehrte er noch einmal nach Iserlohn zurück und setzte Bestmarken in der zweiten Bundesliga. In 60 Spielen für die Iserlohner erzielte er 1451 Punkte. Beim ersten Hagener Neuaufbau stand er dann wieder parat und wurde an der Volme zur Kultfigur, als er mit dem Team die Rückkehr in die Bundesliga schaffte. Ein Jahr spielte er dort noch. Zum Abschluss wurde sein Trikot mit der Nummer 9 unter die Decke der Ischelandhalle gezogen. Zudem avancierte Grothe in dem Film „Hangtime - kein leichtes Spiel“ sogar zum Kinohelden.

Mit 31 Jahren beendete er seine aktive Karriere und widmete sich ab sofort seiner Trainerkarriere – bei seinem Stammverein, den Iserlohn Kangaroos. Vier Jahre dauerte der mühselige Weg zurück in die zweite Liga. So ganz nebenbei formte der Trainer junge Spieler wie Fabian Bleck, Niklas Geske, Marcel Keßen und Jonas Grof, die allesamt zu Erstliga-Akteuren wurden. Und das Comeback in der höheren Klasse geriet triumphal. Zweimal wurden die Waldstädter Vorrundenmeister. Vor allem in der Hemberghalle vermittelte Matthias Grothe seinem Team erfolgreich, unschlagbar zu sein.

November 2016 folgte dann ein Rückschlag von unerwarteter Seite. Die Gesundheit machte nicht mehr mit. Lymphdrüsenkrebs lautete die niederschmetternde Diagnose. Doch Matthias Grothe nahm auch diesen Kampf auf, stand weiter an der Linie bei seinem Team, das ihm ebenso wie seine Familie Kraft gab. Er informierte die Öffentlichkeit, Therapien schienen zu wirken. Mitte Februar, Grothe war gerade zum siebten Mal als Trainer des Jahres bei der IKZ-Sportlerwahl ausgezeichnet worden, verkündete er seinen Abschied nach Hagen. Zum zweiten Mal war der Klub Konkurs gegangen. Grothe machte den Neuaufbau zu seiner Herzensangelegenheit.

Am 1. April stand er beim Heimspiel im Play-off-Viertelfinale gegen die Karlsruhe Lions zum letzten Mal für die Kangaroos an der Linie. Nur einen Tag später begannen weitere Therapien. Zur Saisonabschlussfete der Iserlohner kam er jedoch wie selbstverständlich. Von seinem Krankenbett aus stellte er die Weichen für den Hagener Neustart in der ProA, den er aber nur aus dem Hintergrund lenken konnte.

Doch es sollte alles wieder gut werden. Eine Therapie in der Uniklinik in Essen versprach Heilung. Das war im August, als wir unser letztes Gespräch im Vorfeld des Testspiels gegen Phoenix Hagen führten. In Rahmen dieser Partie sollte Grothe von den Kangaroos offiziell verabschiedet werden.

Schon Anfang September wollte Matthias Grothe wieder in Hagen an der Linie stehen. Es gab jedoch einen fatalen Rückschlag, der alle Hoffnungen zerstörte. Plötzlich war klar: Diesen Kampf konnte der stets tadellose Sportsmann Matthias Grothe nicht gewinnen, weil dieser Gegner mit unfairen Mitteln kämpfte. Das hatte er nie getan.

Am Dienstagmorgen hat der 39-Jährige dieses ungleiche Duell endgültig verloren. Wer die Kondolenzbekundungen alleine in den sozialen Netzwerken anschaut, der kann ermessen, welch großen und beliebten Sportler Iserlohn verloren hat, denn Matthias Grothe war nicht nur ein überragender Basketballer sondern auch eine Lichtgestalt in der heimischen Szene.

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